Die Welt hamstert wieder: Reichen Deutschlands Öl-, Gas- und Lithiumreserven für den Ernstfall?
Die Globalisierung ist auch nicht mehr das, was sie einmal war. Die Energiekrise, die durch den Iran-Krieg ausgelöst wurde, ist dabei nur der jüngste Höhepunkt einer Reihe von Brüchen im Welthandel. Egal ob Gas aus Russland, Öl aus Venezuela oder LNG aus Katar: Die Zunahme an geopolitischen Spannungen, oft verbunden mit der Drosselung oder Kappung globaler Energietransporte, zeigt: Die Lebensadern des Welthandels liefern nicht mehr verlässlich. Und in der Folge sehen wir Züge einer Deglobalisierung. Staatliche Reserven werden plötzlich wieder wichtig.Nach dem Ausbruch des Kriegs im Iran reagierten die Märkte sofort. Öl verteuerte sich binnen Stunden, Händler warnten vor neuen Engpässen. Es sind solche Momente, die zeigen, wie verletzlich die globalisierte Wirtschaft geworden ist. Energie und Rohstoffe sind längst wieder geopolitische Machtinstrumente geworden – und die Frage, wie gut Staaten auf solche Versorgungsunterbrechungen vorbereitet sind, wird immer entscheidender.
Auch Deutschland hält strategische Reserven vor. Sie sollen helfen, Krisen zu überbrücken, Preisschocks abzufedern und Zeit zu gewinnen, bis neue Lieferquellen erschlossen sind. Doch welche Energie- und Rohstoffreserven hat Deutschland? Muss die Bundesregierung angesichts der geopolitischen Lage mehr und größere staatliche Vorräte anlegen? Und vor allem: Wie belastbar ist dieses System heute – und wo liegen seine Grenzen? Unsere Recherche zeigt: Während Deutschland bei Öl gut abgesichert ist, zeigen sich bei Gas und vor allem bei kritischen Rohstoffen deutliche Lücken.
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USA, China, Japan: Wie Staaten ihre Reserven ausbauen
Staatliche Energie- und Rohstoffreserven werden aktuell immer wichtiger. Mehrere große Volkswirtschaften bauen ihre Vorräte gezielt aus. Die Regierung in den USA treibt beispielsweise derzeit den Aufbau einer strategischen Reserve für kritische Mineralien voran. Präsident Donald Trump bereitet den Start einer neuen Vorratshaltung unter dem Namen „Project Vault“ vor, die mit insgesamt 12 Milliarden US-Dollar hinterlegt ist und Hersteller vor Lieferunterbrechungen schützen soll. Japan begann im Dezember 2023 damit, Vorräte an Flüssigerdgas (LNG) anzulegen. Südkorea betreibt seit mehreren Jahren eine strategische Lagerhaltung für kritische Rohstoffe.
In China lagert das staatliche State Reserve Bureau (SRB) wichtige Rohstoffe wie Aluminium, Kupfer, Nickel, Blei, Zink und Zinn, die für die chinesische Wirtschaft von entscheidender Bedeutung sind. Das SRB verkauft diese Metalle dann je nach Bedarf aus der Lagerhaltung, um die Märkte zu stabilisieren und die heimische Industrie zu unterstützen – und trägt damit auch zur Preisstabilität im Land bei. Und auch andere Länder legen strategisch wichtige Vorräte an – beispielsweise Brasilien mit Lithium, Botswana mit Diamanten oder Belarus mit Kartoffeln.
Ölkrise 1973: Der Ursprung der strategischen Ölreserven
Die Idee staatlicher Vorräte ist nicht neu. Sie entstand unter anderem durch die Ölkrise von 1973, als Lieferstopps ganze Volkswirtschaften erschütterten. Die OPEC-Staaten drosselten damals ihre Produktion und nutzten so ihre Marktmacht, um in den westlichen Industrieländern die Preise für Sprit und Heizöl in die Höhe zu treiben. In der Folge gründeten 16 Industriestaaten die Internationale Energieagentur (IEA), um für eine zuverlässige Ölversorgung zu sorgen.
Seitdem koordiniert die IEA die Reaktion auf Störungen in der Ölversorgung und überwacht die strategischen Ölreserven der heute insgesamt 32 Mitgliedsstaaten, zu denen auch Deutschland gehört. Die IEA verpflichtet ihre Mitglieder, ständig Ölbestände vorzuhalten, die mindestens 90 Tagen ihrer Nettoimporte entsprechen. Insgesamt verfügen die IEA-Mitglieder über mehr als 1,2 Milliarden Barrel an staatlichen Notreserven. Hinzu kommen rund 600 Millionen Barrel, die von der Industrie gelagert werden.
Ölreserven in Deutschland: So groß sind die Vorräte
Die Höhe der von der IEA geforderten Pflichtmenge beträgt in Deutschland derzeit etwa 19,5 Millionen Tonnen. Diese Vorratsverpflichtung wird „im vollen Umfang erfüllt“, erklärt ein Sprecher des zuständigen Erdölbevorratungsverbands (EBV) auf Anfrage der Berliner Zeitung. Insgesamt beträgt die Höhe der Ölreserven in Deutschland nach Angaben des EBV derzeit rund 24 Millionen Tonnen – also schätzungsweise etwa 180 Millionen Barrel. Dabei handelt es sich um unterschiedliche Bezugsgrößen: Die gesetzliche Mindestreserve liegt bei 19,5 Millionen Tonnen, die tatsächlichen Bestände können darüber hinausgehen.
Die Vorräte werden oberirdisch in Tanklagern und unterirdisch in Kavernen gelagert – vor allem im Norden der Bundesrepublik. Wichtige Lagerstandorte befinden sich unter anderem in Niedersachsen – zum Beispiel bei Wilhelmshaven –, in Sottorf in der Nähe von Hamburg und im schleswig-holsteinischen Heide.
Zwar fördert Deutschland auch selbst einen Teil seiner Ölmengen: 2024 wurden in Deutschland insgesamt 1,62 Millionen Tonnen Erdöl gefördert – vor allem in Schleswig-Holstein, zum Beispiel auf der Bohr- und Förderinsel Mittelplate. Allerdings decken diese Mengen nur rund 1,8 Prozent des deutschen Bedarfs, etwa 98 Prozent stammen aus dem Ausland – 2025 waren es insgesamt rund 75,7 Millionen Tonnen.
Die wichtigsten Herkunftsländer der deutschen Rohölimporte im vergangenen Jahr waren laut Angaben des Statistischen Bundesamts Norwegen (16,6 Prozent), die USA (16,4 Prozent), Libyen und Kasachstan (jeweils 13,8 Prozent) sowie das Vereinigte Königreich (11,5 Prozent). Aus dem Nahen Osten bezieht Deutschland vergleichsweise wenig Öl, der Anteil ist jedoch in den vergangenen Jahren gestiegen. Während die Bundesrepublik 2020 noch 4,4 Prozent ihres Öls aus dem Nahen Osten importierte, waren es 2025 bereits 6,1 Prozent.
Im internationalen Vergleich fällt Deutschlands Absicherung solide, aber nicht überdurchschnittlich aus. Während die deutschen Vorräte bei einem vollständigen Importausfall laut IEA rechnerisch rund 130 Tage überbrücken können, sind es in Japan 206, in Dänemark 345 und in den Niederlanden sogar 469 Tage.
Freigabe der Ölreserven: So handelt der Staat im Krisenfall
Im Krisenfall kann die Bundesregierung die Freigabe der Ölreserven anordnen, woraufhin die Bestände schrittweise auf den Markt gebracht werden. Tatsächlich hat Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) nun von dieser Maßnahme Gebrauch gemacht – erst zum vierten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik. Anlässe für die vorherigen Freigaben der Ölreserven waren der Golfkrieg 1990/91, die Schäden durch die Hurrikans „Katrina“ und „Rita“ 2005 in den USA, der Ausfall libyscher Ölexporte im Jahr 2011 sowie der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine 2022. Als Reaktion auf den Iran-Konflikt hat die IEA ihren Mitgliedsstaaten auferlegt, Ölreserven im Umfang von 400 Millionen Barrel freizugeben – die größte Ölfreigabe in der Geschichte der Organisation.
Deutschland beteiligt sich mit rund 19,51 Millionen Barrel Öl. „Wenn dem Markt Sorge genommen wird vor Knappheit, entspannen sich Preise – wir gehen definitiv von einem dämpfenden Effekt aus“, sagte Reiche. Die Mechanismen sind klar geregelt: Nach einer entsprechenden Verordnung werden die Mengen den Unternehmen zur Verfügung gestellt, erste Lieferungen folgen wenige Tage später.
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Gasversorgung in Deutschland: Warum es keine klassische Reserve gibt
Während die Ölreserve ein klassisches Beispiel staatlicher Krisenvorsorge ist, funktioniert die Absicherung bei Gas anders. Hier gibt es keine vergleichbare strategische Pflichtreserve. Die globalen Erdgasreserven liegen laut Angaben der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) bei 209 Billionen Kubikmetern. Russland, Iran und Katar halten laut BGR zusammen etwa die Hälfte der weltweiten Erdgasreserven. Viele dieser Gasmengen liegen allerdings noch unter der Erde und sind somit keine klassische Reserve, auf die man im Krisenfall schnell zugreifen kann. Stattdessen spielen Gasspeicher eine zentrale Rolle.
Deutschland verfügt über die größten Gasspeicher Europas. Sie können je nach Füllstand einen erheblichen Teil des Verbrauchs abdecken und spielen eine zentrale Rolle für die Versorgungssicherheit – insbesondere im Winter. Allerdings sind die deutschen Gasspeicher laut Daten des europäischen Branchenverbands Gas Infrastructure Europe derzeit nur noch zu rund 22 Prozent gefüllt – deutlich unter dem Schnitt der letzten fünf Jahre zu diesem Zeitpunkt (etwa 42 Prozent).
Grund für die historisch niedrigen Füllstände ist, dass den Speicherbetreibern zunehmend wirtschaftliche Anreize zur Einspeicherung fehlen – unter anderem, weil die EU nach der Energiekrise 2022 verpflichtende Füllstandsvorgaben eingeführt hat, die den Markt verzerrt haben. „Der Status quo ist nicht tragfähig“, kritisierte Sebastian Heinermann, Geschäftsführer des Verbands der deutschen Speicherbetreiber (INES).
LNG und Iran-Krise: Gasversorgung gerät unter Druck
Die Iran-Krise könnte die Befüllung der europäischen Gasspeicher für den kommenden Winter zusätzlich erschweren. Seit der Abkehr von russischen Gasimporten ist Europa zunehmend auf LNG-Lieferungen angewiesen, um seine Speicher zu befüllen. Der Anteil von LNG an der EU-Gasversorgung ist laut Eurostat-Daten von 19 Prozent im Jahr 2021 auf mehr als 43 Prozent im vergangenen Jahr gestiegen – das meiste davon kommt aus den USA. Laut Analysten von Kpler muss Europa für die Befüllung seiner Speicher in diesem Sommer rund 67 Milliarden Kubikmeter Gas auftreiben. Das entspricht etwa 700 LNG-Ladungen – also „180 mehr als im Vorjahr“, so die Experten.
Allerdings zeigt die Krise im Nahen Osten, wie anfällig der globale LNG-Markt ist. Katar – weltweit zweitgrößter LNG-Exporteur nach den USA – hatte nach iranischen Angriffen seine Produktion am weltweit größten LNG-Exportkomplex gestoppt, die Lieferungen könnten im schlimmsten Fall jahrelang ausfallen. Auch eine kleinere LNG-Exportanlage in Abu Dhabi verschifft derzeit keine Lieferungen. Durch die Iran-Krise fallen insgesamt rund 20 Prozent der weltweiten LNG-Versorgung aus. Seit Tagen bieten sich vor allem Europa und Asien einen harten Wettstreit um die restlichen LNG-Mengen.
Flüssigerdgas wird global gehandelt und in der Regel dorthin geliefert, wo der höchste Preis gezahlt wird. Da die LNG-Preise in Asien aufgrund der verstärkten Abhängigkeit noch höher sind als in Europa, haben zahlreiche Tanker auf dem Weg nach Europa ihren Kurs geändert und fahren stattdessen nach Asien. Der Kampf um LNG wird dadurch für Europa immer teurer. Experten gehen daher davon aus, dass die Gasspeicher-Befüllung in diesem Sommer rund 11,7 Milliarden Euro mehr kostet als geplant.
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Gasspeicher-Krise: Reichen die Reserven für den Winter?
„Deutschland hat seine Energieversorgung seit 2022 zwar stärker diversifiziert und neue Bezugsquellen erschlossen“, sagt Claudia Kemfert, Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), auf Anfrage. Die niedrigen Speicherstände und die weiterhin hohe Abhängigkeit von fossilen Importen erhöhten jedoch die Verwundbarkeit. „Die Energieversorgung ist also durch mehr Diversifizierung verbessert, aber durch niedrige Speicherstände und fossile Abhängigkeiten weiterhin anfällig“, sagt sie.
Die kritische Situation in den Gasspeichern zeigt: Allein reichen sie nicht aus, um die Gasversorgung dauerhaft zu sichern – auch im Krisenfall. Ohne neue Lieferungen können sie Engpässe überbrücken – aber keine langfristige Versorgung sicherstellen.
Energieexperte Manuel Frondel betont, dass mehr Gas in Deutschland gefördert werden müsse. „Das Fracking-Verbot gehört auf den Prüfstand“, sagt der Bereichsleiter für Umwelt und Ressourcen am Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung (RWI Essen) auf Anfrage. „Da wir in Deutschland noch bis zum Jahr 2045 Erdgas benötigen, lohnt sich die Erschließung heimischer Gasreserven auf jeden Fall.“ Nach dem Willen der Bundesregierung soll Deutschland bis 2045 vollständig aus fossilem Gas aussteigen. Ob das tatsächlich gelingen kann, ist offen.
Vor allem aber rücken auch beim Gas staatliche Vorsorgemechanismen stärker in den Fokus. Unter anderem Österreich verfügt über einen staatlichen Vorrat. Dort wird die Befüllung der Speicher mit einem festgelegten Volumen über Ausschreibungen geregelt. Das Gas lagert als Puffer in den Speichern. In Frankreich wird eine mögliche Lücke über ein Umlagesystem geschlossen, bei dem den Speicherbetreibern das wirtschaftliche Risiko abgenommen wird.
Der INES-Verband fordert, dass auch Deutschland eine solche staatliche Gasreserve benötigt. Die Größe der Reserve solle demnach bei rund 78 Terawattstunden (TWh) liegen. „Eine solche Reserve könnte exogene Schocks – wie zum Beispiel einen Ausfall norwegischer Importpipelines – über 90 Tage ausgleichen“, so INES-Chef Heinermann.
Das Bundeswirtschaftsministerium (BMWE) bestätigte auf Anfrage der Berliner Zeitung, dass die Einführung einer solchen staatlichen Gasreserve derzeit geprüft werde. Diese würde strikt vom Markt getrennt als reine Krisenvorsorge vorgehalten, erklärte eine Sprecherin. „Dadurch würde der Markt nicht verzerrt und die Wintervorsorge könnte weiterhin effizient vom Markt wahrgenommen werden.“ Über die Höhe der Kosten für eine solche Reserve wolle man nicht spekulieren. „Klar muss aber sein, dass der Hauptteil der Speicherbefüllung vom Markt kommt.“
Warum lagert die Bundesbank Goldreserven im Ausland?
Neben Energie hält Deutschland auch finanzielle Reserven vor. Die Deutsche Bundesbank verfügt mit rund 3350 Tonnen Gold im Wert von 395 Milliarden Euro über eine der größten Goldreserven der Welt. Gold dient dabei jedoch weniger der direkten Versorgung, sondern als Vertrauensanker für das Finanzsystem und als Absicherung in Krisenzeiten.
Ein erheblicher Teil der Bestände lagert jedoch im Ausland. Rund 1800 Tonnen der Goldreserven im Wert von 201,7 Milliarden Euro liegen bei der Bundesbank in Frankfurt am Main. Der Rest lagert bewusst im Ausland – etwa 1200 Tonnen (145,8 Milliarden) bei der Federal Reserve Bank (Fed) in New York und rund 400 Tonnen (47,6 Milliarden) bei der Bank of England in London. Bis 2017 wurde ein Teil des deutschen Goldes auch in Paris gelagert.
Die Goldreserven wurden allerdings nicht aktiv ins Ausland verlagert. Vielmehr hat es historische Gründe, dass deutsche Goldreserven in New York und London liegen. Nach dem Zweiten Weltkrieg verfügte Deutschland zunächst über keine eigenen Goldbestände, da diese von den Alliierten eingezogen worden waren. Erst mit dem Wirtschaftswunder ab den 1950er-Jahren baute die Bundesrepublik wieder Goldreserven auf.
Durch Exportüberschüsse erhielt Deutschland Zahlungen unter anderem in Gold, das häufig direkt in internationalen Finanzzentren eingelagert wurde. Auch Deutschlands Beitritt zum Bretton-Woods-System spielte eine Rolle, das unter anderem die US-Notenbank Fed dazu verpflichtet hat, die Dollarreserven jedes Mitgliedsstaats zum festgelegten Kurs in Gold umzutauschen. Deutschlands Bestände im Ausland sind also schrittweise entstanden – und blieben dort.
Ob diese Lagerung heute noch sinnvoll ist, wird jedoch kontrovers diskutiert. Befürworter argumentieren, dass Gold in wichtigen Finanzzentren schnell handelbar ist und damit im Krisenfall flexibel eingesetzt werden kann. Kritiker hingegen würden das Gold lieber wieder in Deutschland sehen und verweisen auf die aktuell politisch heikle Lage in den USA, den protektionistischen Politikstil Donald Trumps und seine Versuche, mehr Einfluss auf die Fed zu nehmen. Aus Sicht von Michael Jäger, Vizepräsident vom Bund der Steuerzahler, gehört das Gold dem deutschen Staat und damit im Grunde uns allen. „Die historischen Gründe, dass man das Gold im Ausland lagert, sind aus unserer Sicht nicht mehr gegeben“, so Jäger.
Lithium, Seltene Erden und Co.: Deutschlands Abhängigkeit bei Rohstoffen
Beim Blick auf die Rohstoffe der Zukunft zeigt sich hingegen ein anderes Bild. Für viele strategisch wichtige Materialien existieren bislang kaum strategische Reserven. Lithium für Batterien, Seltene Erden für Elektromotoren oder Magnesium für die Industrie werden nahezu vollständig importiert – oft aus wenigen Ländern. Die Abhängigkeiten sind hoch, die Lieferketten anfällig für politische Spannungen.
Lithium beispielsweise ist ein zentraler Rohstoff für moderne Batterien und Akkus. Es steckt in Elektroautos, Einweg-E-Zigaretten, Laptops und Smartphones. Die EU erwartet, dass der Bedarf bis 2030 zwölfmal und bis 2050 sogar einundzwanzigmal so hoch sein wird wie heute. Bislang ist Deutschland fast vollständig abhängig von Importen – vor allem aus Chile, Australien und China.
Zwar gibt es Bemühungen, diese Risiken zu reduzieren, etwa durch Diversifizierung, Recycling oder internationale Partnerschaften. Zudem wurde kürzlich ein 43 Millionen Tonnen schwerer Lithium-Fund in Sachsen-Anhalt bekannt, der eine Wertschöpfung von bis zu 6,4 Milliarden Euro und rund 1500 neue Arbeitsplätze bringen könnte – die Berliner Zeitung berichtete. Doch ein System staatlicher Vorräte, vergleichbar mit der Ölreserve, existiert bislang nicht. Im Falle von Lieferausfällen wäre Deutschland hier deutlich schlechter abgesichert. „Für kritische Rohstoffe wie Seltene Erden sind strategische Reserven überfällig“, betont Experte Frondel daher.
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Somit wird das Thema Rohstoffe eine der zentralen Herausforderungen der kommenden Jahre. „Die Energiewende erhöht die Nachfrage nach Rohstoffen wie Lithium, Kobalt, Nickel und Seltenen Erden“, sagt DIW-Expertin Kemfert. „Das eröffnet Chancen für nachhaltigere Wertschöpfungsketten, macht aber auch deutlich, wie wichtig Diversifizierung und Recycling sind.“ Strategische Reserven könnten helfen, kurzfristige Risiken abzufedern. Ohne breitere Strategien griffen sie aber zu kurz, so Kemfert. „Lagerhaltung allein reicht nicht, entscheidend sind Diversifizierung und Kreislaufwirtschaft“.
Energie und Rohstoffe: Deutschlands Zukunft ist ungewiss
Zusammengenommen ergibt sich ein vielschichtiges Bild: Bei klassischen Energieträgern wie Öl ist Deutschland vergleichsweise gut abgesichert. Bei Gas bleibt die Versorgung trotz großer Speicher anfällig. Bei Gold wachsen Zweifel an der Bevorratung im Ausland. Und beim Blick auf die Rohstoffe der Zukunft hinkt die Bundesrepublik sogar deutlich hinterher.
Die geopolitischen Spannungen der vergangenen Jahre haben die Bedeutung von Reserven wieder ins Bewusstsein gerückt. Doch sie haben auch gezeigt, dass die alten Antworten nicht mehr überall greifen. Während die strategischen Vorräte für fossile Energien wieder wichtiger werden, muss sich die Industriegesellschaft der Zukunft auf neue Risiken einstellen. Ob Deutschland darauf ausreichend vorbereitet ist, wird sich im nächsten Ernstfall zeigen.Haben Sie Feedback? Schreiben Sie uns gern! briefe@berliner-zeitung.de
