Asien lockt Europas LNG weg: Droht jetzt ein Gasmangel?
Immer mehr LNG-Tanker kehren Europa den Rücken. Seit Beginn der Iran-Krise haben offenbar mindestens neun Schiffe, die eigentlich europäische Häfen ansteuern sollten, ihren Kurs geändert und steuern stattdessen Asien an. Das berichtet die Nachrichtenagentur Bloomberg unter Berufung auf aktuelle Schiffsverfolgungsdaten.Hintergrund sind die faktische Blockierung der Straße von Hormus und Katars Produktionsstopp am weltweit größten LNG-Exportkomplex. Dadurch hat sich das weltweit verfügbare Angebot verknappt. Flüssigerdgas wird ähnlich wie Öl global gehandelt und in der Regel dorthin geliefert, wo die höchsten Preise gezahlt werden. Da Asien stärker von LNG aus dem Nahen Osten abhängig ist als Europa, sind Lieferungen dorthin derzeit besonders lukrativ. Doch was bedeutet es für Europa, wenn LNG-Tanker lieber nach Asien fahren? Könnte Gas in Europa knapp werden?
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Bei höheren Preisen: LNG-Verkäufer kündigen Verträge
Bereits vor wenigen Tagen hatte die Berliner Zeitung über den LNG-Wettkampf zwischen Europa und Asien berichtet. Dieser Trend scheint sich nun weiter zu verschärfen. Laut Berechnungen von Bloomberg fallen mit jedem Tag der Unterbrechung der Produktion etwa drei katarische LNG-Ladungen dem Markt aus. Auch eine kleinere LNG-Exportanlage in Abu Dhabi könne derzeit keine Lieferungen verschiffen. Insgesamt fallen durch die Iran-Krise schätzungsweise rund 20 Prozent der weltweiten LNG-Versorgung aus.
„Wenn Mengen fehlen, steigen die Preise überall, wo LNG den Preis bestimmt – also auch bei uns“, sagte Jakob Schlandt vom Hamburg-Institut zu n-tv. „Letztlich fahren LNG- und Öltanker immer dorthin, wo es ökonomisch gerade am sinnvollsten ist.“ Unter anderem Taiwan, Südkorea und Japan brauchen mehr LNG, um die fehlenden Lieferungen aus dem Golf auszugleichen. 2025 hat Taiwan laut Daten der Citigroup mehr als 30 Prozent seines Gasbedarfs aus Katar gedeckt – bei Südkorea und Japan lag der Anteil bei 15 beziehungsweise fünf Prozent.
Nach Katars LNG-Produktionsstopp schossen die Gaspreise in Europa um 45 Prozent nach oben. Am Montag erreichten sie einen Höchststand von 69,50 Euro pro Megawattstunde – doppelt so hoch wie vor Beginn des Iran-Konflikts. Zwar wird das meiste Flüssigerdgas im Rahmen von langfristigen Verträgen statt auf dem Spotmarkt verkauft. Allerdings sind einige Verkäufer offenbar bereit, ihre Verträge zu kündigen, wenn die Preise hoch genug steigen, wie die Financial Times berichtete.
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Expertin warnt Europa vor LNG-Mangel: „Es ist schwierig, andere Lieferanten zu finden“
Energieexpertin Ana Maria Jaller-Makarewicz warnt, dass Europa bei einem weiter anhaltenden Wettbewerb mit höheren Preisen für LNG rechnen muss, um die Versorgung des Kontinents zu gewährleisten. „Europa muss Maßnahmen zur Senkung des Gasverbrauchs ergreifen, um das Risiko einer Gefährdung der Versorgungssicherheit zu verringern“, sagt die leitende Energieanalystin am US-Institut für Energiewirtschaft und Finanzanalyse auf Anfrage der Berliner Zeitung.
„Es ist schwierig, andere Lieferanten zu finden, die die fehlenden LNG-Mengen aus Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten liefern könnten“, erklärt die Expertin. Sollte die Iran-Krise länger andauern und die Gaspreise weiter steigen, könne dies zu einer sogenannten Gas Demand Destruction führen – also dem dauerhaften Rückgang der Nachfrage nach einem Produkt, der durch extrem hohe Preise oder eine eingeschränkte Verfügbarkeit entsteht. Im schlimmsten Fall könne der LNG-Wettbewerb zu einer „Eskalation der Gaspreise führen, die langfristig auch für die Verbraucher spürbar sein könnte“.
Auch LNG-Experte Christoph Halser rechnet damit, dass Verbraucher die Auswirkungen des LNG-Wettkampfs spüren werden. „Allerdings aufgrund fester Preisvereinbarungen in der Regel mit einer gewissen Verzögerung“, sagt der Gas- und LNG-Analyst beim unabhängigen Energieforschungsunternehmen Rystad Energy mit Sitz in Oslo. Bislang habe der Markt die kurzfristigen Auswirkungen der ausgebliebenen LNG-Lieferungen aus Katar verkraftet. Falls die Straße von Hormus jedoch nicht nur für einige Wochen, sondern für Monate gesperrt sein wird, dürften die Preise weiter steigen.
Zwar sieht Halser „keine unmittelbare Gefahr für die Gasversorgung in Europa, da die Preise weltweit Angebot und Nachfrage ausgleichen“. Allerdings blieben Herausforderungen hinsichtlich der europäischen Speicherbefüllung vor dem nächsten Winter bestehen. Laut Daten des europäischen Branchenverbands Gas Infrastructure Europe sind Europas Gasspeicher aktuell nur zu knapp über 29 Prozent gefüllt – deutlich unter dem Schnitt der letzten fünf Jahre (rund 45 Prozent).
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Leere Gasspeicher: Europa braucht LNG zur Befüllung
Durch die Abkehr von russischem Gas ist Europa bei der Befüllung seiner Speicher zunehmend auf LNG-Lieferungen angewiesen. 2021 machte Flüssigerdgas laut ENTSOG-Daten noch etwa 19 Prozent der europäischen Gasversorgung aus – im vergangenen Jahr lag der Anteil bei über 43 Prozent.
Laut Analysten von Kpler muss Europa zur Befüllung der Gasspeicher in diesem Sommer rund 67 Milliarden Kubikmeter Gas beschaffen. Das entspricht etwa 700 LNG-Ladungen – „180 mehr als im Vorjahr“, so die Experten. Ein Teil davon werde über Pipelines aus Norwegen, Algerien und Russland geliefert – den größten Anteil hätte jedoch LNG. Da LNG derzeit aber knapp und somit überdurchschnittlich teuer ist, fehlen die wirtschaftlichen Anreize zur Speicherung. Experten schätzen, dass die Gasspeicher-Befüllung Europa durch den LNG-Mangel in diesem Sommer 11,7 Milliarden Euro mehr kostet als geplant.
Energieökonom Maunel Frondel betont zwar, dass nach dem fast überstandenen Winter in den nächsten Wochen noch kein großer Druck zur Befüllung der europäischen Gasspeicher besteht. „Solange können die LNG-Tanker gerne nach Asien fahren“, sagt der Bereichsleiter für Umwelt und Ressourcen am Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung (RWI Essen). „Kritisch wird es jedoch, wenn der Iran-Konflikt bis zum Sommer andauert.“ Dann werde es teuer für Europa, die Speicher bis zum Herbst zu befüllen, so Frondel – denn es werde einige Zeit dauern, Alternativen zu erschließen.Haben Sie Feedback? Schreiben Sie uns gern! briefe@berliner-zeitung.de
