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Phrasen am Unglückspool: Corinna Harfouch in dem neuen Stück von Noah Haidle

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28.02.2026

Es sind schon gut zwei Stunden vergangen, da steht Corinna Harfouch tropfend nass in dem riesigen Swimmingpool, das im Deutschen Theater allerdings nur die Tiefe eines Planschbeckens hat, und erzählt in kurzen, brüchigen Sätzen das ganze Drama ihrer Geschichte. Es ist das Drama der Hope Foster, die sich vor zwanzig Jahren einen fatalen Moment lang nicht um das gefährliche Spiel ihrer Tochter an eben diesem Pool kümmerte, stattdessen dem defekten Wäschetrockner all ihre Aufmerksamkeit widmete und so nicht merkte, wie ihr Kind zusammen mit dem Nachbarsjungen unter der Pool-Abdeckung ertrank.

Harfouch spricht das so trocken und verzweifelt ins wellenreflektierende Dunkel, in ihrer ganz eigenen, Distanz atmenden Intensität, dass man sich wünschte, das Drama um diese Hope würde jetzt endlich beginnen. Es würden endlich nicht mehr nur melodramatisch abgegriffene Sentenzen über Leid und seine Verdrängungen zum Besten gegeben („Dum spiro, spero/ So lange ich atme, hoffe ich“) oder pathologische Klischees (schreien), sondern Leid und Schmerz würden irgendwie einmal in eine nicht kitschige, nicht vorhersehbare Geste, in ein Wort oder Bild gebracht werden.

Corinna Harfouch: „Ich verstehe nicht, warum diese Gesellschaft so dumm bleiben will“

Aber dann ist es auch schon vorbei. Die Bühne, auf die Kathrin Frosch eine zweistöckige Bungalow-Hälfte samt besagtem Pool mit dem abgeschlagenen Riesenkopf von Micky Maus darin als sicheres Katastrophensymbol gebaut hat, dreht sich und Hope driftet endgültig ab in ihre schützende Fantasie. Zuvor fiel dieses Abdriften immer wieder in Gestalt rosa funkelnder Musical-Intermezzi ein, nun treten die lebensgroßen Spielzeugfiguren der toten Kinder düster in die Küche und reichen ihr den betäubenden Alkohol.

Anna Bergmann, die bis vor eineinhalb Jahren noch Intendantin in Karlsruhe war, wo sie mit einer spektakulären 100-Prozent-Frauenquote die Theaterhierarchie aufmischte, nun aber wieder frei arbeitet, hat das jüngste Stück „Spirit and the Dust“ des amerikanischen Erfolgsautors Noah Haidle inszeniert. Nach „Birthday Candle“ 2022 ist es ihre zweite Haidle-Arbeit am Deutschen Theater, insgesamt die dritte mit ihm, und man fragt sich ratlos, was diese Regisseurin nur an den Phrasen dreschenden Küchendramen dieses Autors findet. Nach der palavernden Familienkomödie „Birthday Candle“ ist diese neue bildungshuberische Tragikomödie aus dem Mittleren Westen nun noch ein bisschen hohler, vor allem klischeebeladener.

Das Star-Ensemble singt und tanzt fröhlich mit

Zweifellos hat das auch Anna Bergmann gespürt und den Text zu einem opulent surrealen Bühnenhybrid zwischen Alptraum und Heile-Welt-Fantasie aufgedonnert. Immersive Wasserprojektionen ziehen die ganze Szenerie immer wieder tief hinein in Hopes Schuldzwänge, während plötzlich aufploppende Gershwin-Songs alles wieder freistrampeln.

Und das geübte Star-Ensemble singt und tanzt fröhlich mit: Alexander Khuon als frustrierter Lateinlehrer, der sich in Hope verliebt, Wiebke Mollenhauer, als verhuschte Freundin seines labilen Sohnes Will (Tobias Moretti), der sich seinerseits bald ins Verderben stürzt sowie Frieder Langenberger und Abak Safaei-Rad als kaspernde Hausfreunde. Reiche Toppings auf dürftigem Teig.

Spirit and the Dust. 3., 4., 10., 19. März im Deutschen Theater, Karten im Ticketshop der Berliner Zeitung


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