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„Wer möchte nicht im Leben bleiben“: Ein Kinderlied aus der DDR und ein Roman von heute

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16.03.2026

Christina ist ein Wunderkind. Die Bezeichnung haftet ihr an, seit sie in Neubrandenburg auf die Musikschule geht. Die Eltern laden zu Privatkonzerten in die Wohnung, schicken sie bald weiter herum. Die Mutter näht Kleider für die Auftritte, der Vater stellt das Programm zusammen. Christina wird eine Spezialschule für Musik in Berlin besuchen, Klavierwettbewerbe gewinnen, mehrere Jahre am Moskauer Konservatorium studieren. Mit 24 Jahren setzt sie ihrem Leben selbst ein Ende.

Wann hat dieses Ende angefangen? Wie verwandelt sich ein aussichtsreicher Weg in eine Sackgasse? Und was macht ein Wunderkind im Alltag? In ihrem Roman „Wer möchte nicht im Leben bleiben“ gestaltet Helene Bukowski Christinas Biografie nach, die von 1961 bis 1985 dauerte. Sie merkt an, zum Schutz von Persönlichkeitsrechten einige Namen, biografische Details und Ereignisse verändert oder fiktionalisiert zu haben.

Grüße an Uwe Johnson und Brigitte Reimann

„Fiktionalisiert“ ist allerdings das entscheidende Wort, um über diesen Roman zu sprechen, der für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert ist. Die Autorin ist als recherchierendes, schreibendes Ich präsent in dem Buch. Sie beginnt damit, dass sie durch ihre Großmutter in Kontakt mit einer Frau in Neubrandenburg gekommen ist, die in einem Nachlass auf diese viel zu früh gestorbene Pianistin gestoßen war. Die Autorin entdeckt gleich persönliche Bezüge, weil die eigene Mutter aus Neubrandenburg stammt.

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Helene Bukowski, 1993, also mehr als 30 Jahre später als Christina geboren, legt offen, was sie nutzen kann. Es gibt Fotos, Tonbandkassetten und ein von der Mutter seit der Geburt mit Notizen gefülltes „Merkbüchlein“. Es gibt eine vom Vater verfasste, in Leder gebundene Chronik auf 369 Schreibmaschinenseiten mit dem Titel „Christina – Unseren Freunden erzählt“.

Bukowski spricht mit einstigen Mitschülern, liest unzählige Briefe und auch (wenig ergiebige) Polizei- und Stasiakten. Sie sucht die Orte auf, die Christina vertraut waren. Der Neubrandenburger Plattenbau, im Buch immer „Scheibenhochhaus“ genannt, wo die erste und letzte Wohnung ihrer Heldin war, steht nicht mehr. Dort ist jetzt eine unbebaute Fläche. „Jede Nacht, kurz vor dem Einschlafen, sehe ich dich quer über eine Brache gehen.“ Mit ihrem ersten Satz schickt Helene Bukowski einen Gruß in Richtung Uwe Johnson. Der Satz ist ein Echo auf dessen Roman „Mutmassungen über Jakob“ von 1959, der beginnt: „Aber Jakob ist immer quer über die Gleise gegangen.“ Auch Johnson, der Mecklenburg noch in New York verbunden blieb, ergründet in dem Buch einen frühen Tod in der DDR.

Und noch eine weitere literarische Referenz setzt Bukowski, indem sie ein Zitat aus „Franziska Linkerhand“ voranstellt, jenem wesentlichen Roman über den Anspruch einer Frau, die Gesellschaft in der DDR mitzugestalten. Dessen Autorin Brigitte Reimann lebte in den letzten Jahren vor ihrem Tod 1973 in Neubrandenburg.

„Du hattest Talent, aber das allein reichte nicht“

Der Titel „Wer möchte nicht im Leben bleiben“ entstammt einem Lied, das erstmals 1959 im Defa-Kinderfilm „Sie nannten ihn Amigo“ zu hören war. Im Roman sind alle drei Strophen abgedruckt. Die Autorin hört sie mit der hellen Mädchenstimme Christinas. „O wollt sie nicht zu früh vertreiben/ alle, die lebendig sind.“ Sie schreibt: „Nur in der letzten Strophe passiert dir ein kleiner Fehler. Kurz vor dem Wort lebendig ein Zögern, als hättest du dich verschluckt.“

Nicht nur die Erzählerin ist anwesend; ihre Figur ist das Du. „Du hattest Talent, aber das allein reichte nicht. Dein Vater hatte dich zu Fleiß erzogen, zu Beharrlichkeit.“ Neben der besonderen Geschichte eines Lebens, das nicht zur Entfaltung kommen konnte, ist es vor allem diese Anrede, diese Kontaktsuche, die das Buch so ungewöhnlich macht. Die Erzählerin, so wirkt es, würde am liebsten in den Verlauf eingreifen: „Ich schaffe es nicht, mich dir zu zeigen, bin wie gelähmt.“

Ästhetisch ist es eine Gratwanderung zwischen Einfühlung und Anmaßung. Eine der Lehrerinnen an der Berliner Spezialschule, warm und den Jugendlichen zugewandt, spaziert durch eine Szene und spricht die Autorin an: „Pass auf, dass du nicht deine eigene Geschichte daraus machst.“ Bukowskis Ich vertieft sich so sehr in die Biografie, dass das Schreiben für sie zuweilen eine ähnlich fordernde Aufgabe ist wie das Üben der jungen Pianistin.

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Christina steht immer unter Beobachtung. Der Vater, der seine Künstlerkarriere abbrechen musste, sieht seine Tochter als Aufgabe. Bukowski lässt durchblicken, wie er den frühen Ruhm genießt. „Aber du bist nie nur das Kind deines Vaters, immer auch seine Schülerin.“ Sie muss die Kunststücke vorführen, die er sich wünscht. Die historische Bärenzeichnung auf dem Buchumschlag steht in Bezug zum Zwinger am Berliner Kölnischen Park, den Bukowski als Gleichnis für Unfreiheit und Dressur einsetzt. „Als wären wir im Knast“, sagt Franziska, beste Freundin an der Spezialschule, einmal über den Drill. Weihnachten sammelt eine Lehrerin Franziskas Krippenfiguren ein. „Geglaubt werden darf nur an den Sozialismus.“

Von den Ansprüchen zerrieben

Die Eltern sind durchaus bestrebt, Christina Gutes zu tun, sie besuchen sie oft in Berlin. Die Mutter will mit Blumen das triste Internatszimmer auffrischen. Nach Moskau schickt sie Briefe und Päckchen mit Dingen, die in der Sowjetunion rar sind. Sie kocht Wunschessen, füllt Wärmflaschen, als ihr Kind zurück ist, erwachsen zwar, aber wie zerbrochen. Spät fällt den Eltern auf, dass ihre Tochter von den Ansprüchen im Musikbetrieb der DDR zerrieben wird.

Helene Bukowski findet auch eine medizinische Erklärung für die Labilität der jungen Frau seit den Moskauer Jahren. Offenbar machte eine prämenstruelle dysphorische Störung sie in den Tagen vor der Periode dünnhäutig, leicht reizbar, oft wütend. Bukowski stellt nach, wie selbstherrlich Lehrkräfte, Kommissionsvorsitzende und andere Entscheider mit dieser Künstlerin umgingen. Christinas Sensibilität war Voraussetzung für die empathische Interpretation der Klavierstücke und ein Nährboden, Kränkungen intensiv zu durchleiden.

Mit dem erzählenden Ich und dem imaginären Du erreicht Helene Bukowski durchgängig eine große Nähe zum lesenden Gegenüber. Gleichzeitig behält Ihr Roman eine Offenheit durch viele Fragen, die er anreißt und die über die Handlungszeit hinausreichen. Dieses Buch wird niemanden kalt lassen.

Helene Bukowski: Wer möchte nicht im Leben bleiben. Roman. Claassen, Berlin 2026. 384 Seiten, 24 Euro


© Berliner Zeitung