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„Selbstregulierung des Herzens“: Rückblick auf die DDR in Farbe

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27.02.2026

Das Schlüsselwort in Peggy Mädlers Roman „Selbstregulierung des Herzens“ heißt Kybernetik. Es dauert ein bisschen, bis man sich mit ihm angefreundet hat in dem Buch. Georg, eine der Hauptfiguren, ist ein enthusiastischer Kybernetiker, der in der jungen DDR davon träumt, mit dieser Theorie von lernfähigen Maschinen und Systemen die Wirtschaft zu verbessern.Wenn man den ersten Buchstaben K durch ein C ersetzt, wirkt das Wort gleich vertraut, lässt an Cybersicherheit, an Cyberkrieg-Visionen und an das vor allem für Jugendliche so gefährliche Cybermobbing denken. Die virtuellen Welten der Gegenwart gingen aus jenem Konzept technologischer Organisation hervor.

Im Roman lernt man die Kybernetik aus der Praxis verstehen, wenn wissenschaftliche Modelle erst erörtert und dann angewendet werden für Rechenmaschinen. Georg gehört zu einer kleinen Gruppe von Menschen, deren Lebenswege der Roman vom Jahr 1960 bis 2023 begleitet. Am Anfang ist er von Roland und Marlies umgeben, die Jahre mit den beiden erscheinen ihm rückblickend wie „eine Insel in der Zeit“, die Jugend als „ein Aufschub“. Denn danach fingen die Probleme an.

Es sollte kein Drecksleben sein

Für Roland endet der Traum vom Sozialismus mit dem Todesurteil gegen den Prager Frühling; er flieht in den Westen. Georg bleibt, versucht die Schwierigkeiten in seinem Betrieb auszuhalten, den Wechsel von Leerlauf und Überstunden. Mit Helga findet er eine Frau, die schon ein Kind hat, sie werden noch eines gemeinsam großziehen.

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„Das bisschen Leben durfte einfach kein Drecksleben sein.“ Peggy Mädler stellt diesen Satz in das Kapitel, in dem sie Georg und Helga zusammenbringt, ein Innehalten vor dem Aufbäumen. Hundert Seiten später heißt es: „Manchmal der Gedanke: Du hast ja nur dieses eine Leben.“ Dieser Satz gehört zu Mona, die mit dem Grafiker Konrad und dem gemeinsamen Sohn im Altbau wohnt, Klo auf halber Treppe.

Voller Alltag steckt dieses Buch. Nachbarschaft, Freundschaft, Liebe, Ehe, Kinderkriegen gibt es, damit verbunden sind das Wohnen in der Stadt Berlin und in einem Häuschen auf dem Land, oft nicht einfach, manchmal idyllisch. Arbeit, ziemlich viel Arbeit sogar, in den verschiedensten Bereichen macht Peggy Mädler miterlebbar von der Fabrik bis zur Universität, vom Krankenhaus bis zum selbstständigen Künstlerdasein.

Vom Mauerbau bis zur Friedlichen Revolution

Die Autorin, 1976 in Dresden geboren, debütierte 2011 mit der „Legende vom Glück des Menschen“. 2024 brachte sie zusammen mit Annett Gröschner und Wenke Seemann das fulminant erfolgreiche Buch „Drei ostdeutsche Frauen betrinken sich und gründen den idealen Staat“ heraus. Im neuen Roman stellt sie mehrere Figuren ähnlicher Herkunft abwechselnd ins Zentrum, nimmt deren Perspektive ein, verknüpft manche ihrer Stationen miteinander.

Das Politische reicht ins Private, erkennbar sind der Mauerbau, Prag 1968, der VIII. Parteitag der SED 1971, die VIII. Kunstausstellung der DDR 1977/78 in Dresden, die Sprengung der alten Gasometer in Prenzlauer Berg 1984, die Friedliche Revolution mit dem Mauerfall und der Öffnung der Archive. Und während anfangs das Kybernetik-Gleichnis für die Gesellschaft noch überdeutlich wirkt, wird Peggy Mädlers Erzählweise immer subtiler. Mit Figurenführung und Ereignissen legt sie den Roman selbst wie ein System an mit Interaktion und Widerstand, Rückkopplung und Wiederholung.

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Darin unterscheidet sich die „Selbstregulierung des Herzens“ von Christoph Heins großem DDR-Roman „Das Narrenschiff“ (2025). Hein erzählt chronologisch in parallelen Strängen die Entwicklung seiner Helden, in denen sich die Geschichte des Staates spiegelt. Mädlers Roman bewegt sich zwar auf dem ähnlichen Zeitstrahl, jedoch in Schleifen, die sich überlagern und auseinanderlaufen können. Das liest sich nicht einfach so weg, fordert ein Mitdenken, erzeugt mehr Überraschung und Anteilnahme.

Christoph Heins Personenkreis ist gewillt, in der DDR zu funktionieren, allen Missständen zum Trotz. Das hat biografische Gründe: „Das Narrenschiff“ handelt von Menschen, die zum Ende des Zweiten Weltkriegs erwachsen waren und ihren Traum von einem sozialistischen Deutschland verwirklichen wollen und selbst in Wirtschaft und Partei Posten bekommen. Peggy Mädlers Figuren sind jünger, haben den Krieg nur als kleine Kinder erlebt, lernen, studieren, arbeiten in einem Staat, der seine Versprechen nicht hält.

Der Freiberufler Konrad, auf Marx’ Lehren angesprochen, verweist auf die „geheuchelte Moral“ und die statt der Freiheit wachsende „Beschränktheit“. Der angestellte Informatiker Georg stellt fest, wie das beste EDV-Programm bei einem schlecht gesteuerten Prozess versagt: „Die Ökonomie verlor den Verstand im Land.“ Und doch hängt er an seiner Arbeit, nicht am Job.

Einmal schildert die Autorin, wie Mona, die so gern von ihrer Kunst leben würde, aber in einem Werbebüro angestellt ist, am See ein Bild malt. Da mischt sie „einen warmen Grauton“ an, was im ersten Moment falsch scheint. Doch hängt die Wirkung der Schwarz-Weiß-Kombination tatsächlich von den Zugaben ab. Peggy Mädler trifft gute Entscheidungen, was sie erzählt, was sie weglässt. Ihr Buch ist ein DDR-Roman in Farbe, ein Gesellschaftsbild mit Widersprüchen, ein Reigen von Porträts mit Herz und Tränen.

Viele Episoden, ob sie in der Datschensiedlung in Mauernähe spielen, in der Produktion im Werk oder bei der Gestaltung von Filmplakaten mit oder ohne Botschaft, lassen das Historisch-Korrekte vergessen, weil sie vor allem als Geschichten funktionieren. So hat einer der Datenverarbeitungsexperten ein Lieferprogramm für Fischfang und -handel ausgearbeitet und dann für sich selbst genutzt: Er wusste, wann es in welchem Laden Aal gibt. Der fette Fisch war Mangelware in der DDR.

Nicht nur der Liebe wegen ist das Herz aus dem Buchtitel immer dabei. Es steht symbolisch für den naturgesetzmäßigen Ansatz der Kybernetik. Und es ist nun mal das Organ, das den Menschen am Leben hält. „Auch das Herz ist ein dynamisches, sich selbst regulierendes System“, schreibt Peggy Mädler, „das kollabiert, wenn es nicht mehr richtig pumpen kann.“ Ihre Figuren werden älter; sie lässt sie nicht aus den Augen bis in unsere Gegenwart.

Peggy Mädler: Selbstregulierung des Herzens. Roman. Galiani Berlin 2026. 300 Seiten, 23 Euro

Lesung 1, moderiert von Knut Elstermann, 26. 2., 20 Uhr, Literaturforum im Brecht-Haus, Chausseestraße 125Lesung 2, moderiert von Marion Brasch, 4. 3., 20 Uhr, Pfefferberg-Theater, Schönhauser Allee 176


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