„Der größte Fehler unserer Zeit ist der Heroenkult“ – das schrieb Heiner Müller mit 16
Ende des Jahres 1995 starb Heiner Müller. Er ist nur 66 Jahre alt geworden. Die Akademie der Künste lud am Mittwoch zu einer Veranstaltung mit der Überschrift „Heiner Müllers Gespenster“ ein. Diese gruselumwehte Ankündigung verlockte ein riesiges Publikum. Der Andrang auf die Karten war immens und viele, die vorab keine Tickets bekommen hatten, kamen trotzdem.
Die Veranstaltung wurde in den Vorraum vor dem großen Saal im Akademiegebäude am Pariser Platz übertragen, Zuschauer harrten dort still aus. Zwar passierte keine Gespensterbeschwörung, doch Anlass für die Veranstaltung war eine Entdeckung, für die das Wort „spektakulär“ seine Berechtigung hat. Es ging um unveröffentlichte sehr frühe Texte, von denen die Fans und die Forschung bis vor kurzem keine Ahnung hatten.
Heiner Müllers einstige Assistentin Renate Ziemer hat ein Notizbuch von ihm gefunden, das er im Jahr 1945 angefangen hat und dessen Inhalt jetzt in der Zeitschrift Sinn und Form publiziert worden ist. Sinn und Form, von der Akademie der Künste herausgegeben, war denn auch die Einladende für die Veranstaltung am Mittwoch. Ihr Chefredakteur Matthias Weichelt führte durch zwei Gespräche.
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Bei dem ersten hatte er Kristin Schulz neben sich auf dem Podium. Die 1975 in Jena geborene Literaturwissenschaftlerin leitet an der Humboldt-Universität zu Berlin den Transitraum Heiner Müller, also den einen Teil seines Archivs. Während seine Schriften bei der Akademie der Künste eingelagert sind, gibt es an der Uni seine Bibliothek mit rund 8100 Büchern und einige Gegenstände wie einen Sekretär, eine Reiseschreibmaschine und ein Zigarren-Aufbewahrungsbehältnis, der Kenner nennt es Humidor.
Und dort, im Transitraum, landete auch das kleine rote Notizbuch. Der Abdruck in Sinn und Form zeigt frappierend durchdachte, kluge Bemerkungen Müllers, der beim Verfassen gerade mal 15, 16 Jahre alt war. Es sind keine auf Veröffentlichung hin geschriebenen Texte. Martin Wuttke, der über Jahre eng mit Müller zusammengearbeitet hatte, las sie mit dem gebotenen Ernst und der eigenen Ironie vor.
Der letzte europäische Dichter
Kristin Schulz nun lüftete im Gespräch Geheimnisse, die über das Gedruckte und Gehörte hinausgingen. Das Notizbuch, rot, mit einem zu einer Figur verwischten Tintenfleck auf dem Einband, war ursprünglich als Vokabelheft gedacht. Etwas größer als DIN A6 ist es, hat auf allen Seiten eine Linie in der Mitte, sodass man links die fremdsprachigen Wörter und rechts die deutschen Wörter eintragen kann. Der Schüler Heiner Müller hatte es in Waren an der Müritz, wo die Familie von 1939 bis 1947 wohnte, mit englischen Vokabeln begonnen, später trug er auch griechische Vokabeln ein. Nach vielen Seiten mit Wortlisten beginnt ein langer Abschnitt, der mit „Aphorismen“ überschrieben ist: der eigentliche Text.
„Die Aufgabe des letzten europäischen Dichters wird eine ungeheure, vielleicht unmögliche sein“, lautet der erste Satz vom 1. Januar 1945, dessen Aussage in vielen folgenden Sätzen erörtert wird. Es gibt aber auch so kurze Abschnitte, die man tatsächlich als Aphorismen klassifizieren kann, etwa so: „Vielleicht ist Dichten, ja künstlerisches Schaffen überhaupt nur Schwäche, Nichtertragenkönnen von Einsamkeit … Und die Schöpfung …?“ Oder so: „Mitleid – eine Abart der Platzangst.“ Und wenn er schreibt: „Der größte Fehler unserer Zeit ist der Heroenkult“, fragt man sich, warum die Menschheit immer noch nicht weiter ist. Auf anderen Seiten hat Müller Anmerkungen zu seinen Lektüren gemacht, was ihm bei Aischylos auffiel, Aristoteles, Euripides, Racine …
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Das ist alles erstaunlich genug. Auf der großen Leinwand im Plenarsaal präsentierte Kristin Schulz noch eine weitere Überraschung. Inge Müller, Ehefrau des berühmten Dramatikers von 1954 bis zu ihrem Tod 1966, selbst Dichterin, trug eine Zeit lang englische Vokabeln in dasselbe rote Notizbuch ein. Offensichtlich hatte sie das halb leere Büchlein gefunden und ihrerseits benutzt – und zwar erst knapp zwanzig Jahre später, wie ihre Datierung vom 6.4.1963 zeigt.
Wie das Fundstück überhaupt ins Archiv gelangte? Renate Ziemer hat es der Forschung übergeben. Heiner Müller schenkte es ihr im Spätsommer 1987, nachdem sie es in seiner Wohnung am Tierpark in einer ungeöffneten Umzugskiste entdeckt hatte, schreibt sie in Sinn und Form. „Müller interessierte sich damals nicht besonders für die eigene Vergangenheit. Er nahm es amüsiert in die Hände. Und weil dieser Fund mich mehr anrührte als ihn selbst – und es mein Geburtstag war, den er wie immer vergessen hatte –, kam er auf die Idee, es mir zu schenken. Ich habe es über viele Jahre wie einen Schatz gehütet, denn es erinnerte mich auch an wichtige Jahre meiner eigenen Lebenszeit, in denen Müller eine große Rolle spielte.“
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Müllers Vergangenheit spielte in der zweiten Runde auf dem Podium eine Rolle. Diesmal kamen der Journalist und Autor Simon Strauß, der Müller nicht persönlich kennengelernt hatte, Mark Lammert und Achim Engelberg, die ihn aus gemeinsamer Arbeit gut kannten, zu Wort. Zwischen ihnen saß die Schriftstellerin Katja Lange-Müller, die eine Weile mit dem um zwölf Jahre jüngeren Bruder Wolfgang (1941–2013) verheiratet und selbst eng befreundet mit Heiner war.
Sie kannte ihn besser als jeder andere in dieser Runde. Gehörte sie doch zu der kleinen Gruppe Vertrauter, die Heiner Müller dazu brachten, seine Autobiografie zu verfassen. Denn im Grunde interessierte er sich für die eigene Vergangenheit immer nur als Material für seine Stücke.
Seine Kindheit war vom Krieg geprägt, seine Jugend vom Aufbruch in der DDR, seine Arbeit jedoch von großen Schwierigkeiten mit der Zensur in dem Staat, der gegen Krieg und Faschismus stand. Von seinen Erfahrungen erzählte er in dem Buch „Krieg ohne Schlacht. Leben in zwei Diktaturen“. Der Verlag Kiepenheuer & Witsch nannte es zwar „Eine Autobiografie“, doch es war keine im üblichen Sinne. Dieses Buch entstand auf Grundlage von Gesprächen, geführt, transkribiert und redigiert von Katja Lange-Müller, Renate Ziemer und Helge Malchow. Helge Malchow, der damalige Verleger von Kiepenheuer & Witsch, saß mit im Publikum am Mittwoch.
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Das Buch ist immer noch lieferbar. Man sollte es sich zulegen oder aus der Bibliothek holen, wenn man die Sinn-und-Form-Ausgabe mit den Aphorismen Heiner Müllers liest. Dann hat man den Hintergrund, dann versteht man, dass der Krieg Müller mehr beschäftigt hat, als diese kurzen Texte zu erkennen geben, die er schrieb, als Nazideutschland noch nicht endgültig besiegt war. Katja Lange-Müller hat nur Zeit, einiges anzudeuten, etwa dass Heiner Müllers Vater, ein SPD-Mitglied, unter den Nazis arbeitslos wurde, eine Weile auch im Konzentrationslager war. Zu Hause las er viel und wollte mit jemandem über die Texte sprechen. Dieses Gegenüber war für ihn der Sohn.
Die Gespenster, die dem Abend den Titel gaben, hielten sich zurück. Aber die Geister der Vergangenheit beschäftigten Heiner Müller immer. Zur Einführung sprach der Akademiepräsident Manos Tsangaris davon, dass Heiner Müller von 1990 bis 1993 letzter Präsident der Akademie der Künste der DDR war. Er habe sich gewünscht, dass der Riss zwischen Ost und West offen bleibe, denn aus der Differenz entstünden Impulse für die Kunst.
