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Roland Albrecht: Man konnte in der DDR auch Karriere machen, ohne linientreu zu sein

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28.03.2026

Herbst 1976. Es ist 18 Uhr und vor dem Palast der Republik herrschen Lärm und Gedränge, gleich öffnet die Disco Jugendtreff ihre Türen.Die meisten Jugendlichen, die hier um die Pole-Position wetteifern, kommen aus Berlin oder Brandenburg. Doch sind auch manche eigens aus Leipzig angereist, aus Dresden und Rostock, um an diesem Abend das Duo Bolland & Bolland zu sehen. Als die Türen sich endlich öffnen, gibt es kein Halten mehr. Die überwiegend Sechzehn- bis Zwanzigjährigen stürmen zum Tresen, um sich die ersten Getränke zu holen. Und stellen vermutlich nicht ohne Überraschung fest, dass der Oberkellner des angesagtesten Clubs der DDR kaum älter ist als sie selbst. Sein Name ist Roland Albrecht.

Verantwortungsvolle Position mit 22

Der Palast der Republik ist von Anfang an ein Prestigeprojekt. Immerhin soll er nicht nur etliche Restaurants beherbergen, sondern auch die Volkskammer, das Parlament des sozialistischen Staates. Und so ergeht bei der Grundsteinlegung 1975 eine strikte Weisung an die 15 DDR-Bezirke, ihre besten Gastronomen in die Hauptstadt zu schicken. Auch Roland Albrecht, Jahrgang 1953 und zu diesem Zeitpunkt noch Kellner im thüringischen Apolda, folgt diesem Ruf.

„Ich habe damals mit meiner Frau und unserem Sohn in einer ziemlich kargen Wohnung gehaust. Ofenheizung, Plumpsklo auf dem Hof, an den Wänden wucherte meterhoch der Schimmel. Als das Angebot aus Berlin kam, hatte ich deshalb nur zwei Bedingungen: eine Wohnung in der Hauptstadt und die Zusage, dass meine Frau Heidrun auch im Palast als Kellnerin angestellt wird.“

Der Knackpunkt bei der Sache: Der Palast ist zu diesem Zeitpunkt noch eine Baustelle. Es stehen kaum mehr als die sechs großen Betontürme, die das Bollwerk aus Stahl und Glas tragen sollen. Durch seine schnelle Zusage ist Albrecht einer der ersten vor Ort. Er erhält die Personalnummer 59. Und da er nun einmal da ist, fällt ihm die Aufgabe zu, sich um die Neuankömmlinge zu kümmern, die in den folgenden Monaten aus allen Ecken der Republik anreisen. Albrecht organisiert Trainings, um sie im Service und Cocktailmischen zu schulen. Mit seinen knapp 22 Jahren ist er dadurch bereits in eine mehr als verantwortungsvolle Position gerutscht.

„Man muss sich vorstellen: Nicht nur wir Kellner kamen von überall her. Auch auf der Führungsebene war das ein wild zusammengewürfelter Haufen aus der ganzen DDR. Deshalb waren die dankbar für jede Initiative, die man ergriffen hat. Die ganzen Strukturen waren einfach nicht so verknöchert wie sonst. Und als es um die Entscheidung ging, wo ich eingesetzt werden will, habe ich mich für den Jugendtreff entschieden. Ich wollte einfach lieber mit jüngeren Leuten arbeiten.“

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Ein Jahr bleibt er dort als Oberkellner. Dann beginnt ein kontinuierlicher Aufstieg. Zuerst wird Albrecht zum Restaurantleiter des Spreebowling mit seinen acht Bowlingbahnen befördert, später zum Leiter des 1. Obergeschosses, schließlich sogar zum Gastronomischen Leiter des Bereichs I. Damit unterstehen ihm zu Beginn des Jahres 1987 nicht nur die renommierten Palastrestaurants im 2. Obergeschoss, sondern auch die „Abteilung Volkskammer-Gastronomie“. Als Chefkellner des Spitzensegments im Großen Saal ist er fortan persönlich verantwortlich für den Tisch Erich Honeckers.

Einer derart steilen Karriere innerhalb der Deutschen Demokratischen Republik haftet rückblickend schnell der Ruch an, dass sie nur aufgrund einer Kollaboration mit dem Regime möglich gewesen sein kann. In der Tat tritt Albrecht 1975 der Partei bei, weil ihm die SED-Mitgliedschaft als Voraussetzung für eine Anstellung im Palast vorgegaukelt wird.

„Das war allerdings nur ein Trick meines HO-Direktors in Thüringen, der wahrscheinlich seine Anwerbe-Statistik aufbessern wollte. Grundsätzlich war die Mitgliedschaft keine Pflicht. Aber ich sehe das ganz emotionslos. Natürlich war mein Eintritt in dem Moment opportunistisch. Ich wollte mich eben verwirklichen und vor allem wollte ich für meine Familie eine ordentliche Wohnung. Wir hatten in Apolda ja nicht einmal ein Bad. Wir haben uns in der Küche gewaschen.“

Versammlungen als lästige Pflicht

Die monatlichen Parteiversammlungen im Palast der Republik werden für Roland Albrecht stets eine lästige Pflicht bleiben. Er versucht, ihnen so gut er kann aus dem Weg zu gehen, was einmal zu einem ulkigen Zwischenfall führt.

„Ich hatte zu meiner Sekretärin gesagt, dass sie nach einer halben Stunde nach Beginn in die Versammlung kommen und sagen soll, dass ein dringendes Telefonat auf mich wartet. Damit ich dort weg kann. Nun hatte ich mich schön in einen der Sessel gefläzt und war schon fast am Einschlafen, als die Sekretärin dann kam. Ich bin natürlich aufgesprungen vor Erleichterung und dabei so blöd umgeknickt, dass ich danach 16 Wochen einen Gips tragen musste.“

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In einem Protokoll wird diese Angelegenheit penibel vermerkt:„Unfallhergang: Nach Abschluss der Parteiversammlung trat Koll. Albrecht auf und knickte mit dem rechten Fuß um. Nachdem er nicht mehr auftreten konnte, wurde durch die Krankenschwester der Unfallwagen gerufen. Unfallursachen: Durch die sitzende Beschäftigung war ihm der rechte Fuß eingeschlafen und er hatte dadurch kein Gefühl. Eingeleitete Maßnahmen: In Arbeitsschutz-Belehrungen wird auf fachgerechtet [sic] Schuhwerk hingewiesen.“

Einmal pro Jahr wird Albrecht zu einem Kadergespräch mit seinen Vorgesetzten zitiert. Die Protokolle, die er selbstverständlich erst nach der Wende 1989, nach der Öffnung der Palast-Archive, einsehen kann, sind nicht unbedingt Zeugnisse seiner Linientreue: „Seit 1978 ist er Parteigruppenorganisator der Parteigruppe I. In dieser Funktion leistet er gute Arbeit, wobei eine weitere Steigerung wünschenswert ist und möglich erscheint. (…) Entsprechend seiner höheren Verantwortung ist ihm zu empfehlen, mehr Zeit für die Kollektivarbeit aufzubringen. (…) Nach wie vor ist wünschenswert, dass er die FDJ-Arbeit stärker unterstützt.“

Trotz seiner Erfolge und seiner Professionalität werden Roland Albrecht mehrmals Steine in den Weg gelegt. Ein Anzeichen dafür, dass man an höherer Stelle unzufrieden mit seiner politischen Haltung ist. So wird er in seiner Zeit als Restaurantleiter des 1. Obergeschosses zum Reservistendienst bei der Volkspolizei abkommandiert. Er, in dessen Qualifizierung so viel Zeit und Geld investiert wurde, dem man immer wieder einbläut, „die operative Arbeit im Versorgungsprozess, die gastbezogene Arbeit in jeder Einrichtung der Abteilung noch weiter zu verbessern“, wird genau in dem Moment, da er dies in Angriff nehmen will, zur stupidesten Hilfstätigkeit verdonnert.

„Da war ich stinksauer. Aber meine Vorgesetzten meinten, dass sie da nichts machen können. Das muss also von der Partei gekommen sein. Alle Kollegen in leitenden Positionen sind von ihrem Dienst befreit worden. Nur ich nicht. Immerhin wurde ich nicht allzu weit weg eingesetzt, sondern in einem Polizeiregiment in Halle. Das konnte man von Berlin aus in drei Stunden erreichen.“

Das deutlichste Zeichen, dass Roland Albrecht in Ungnade fällt, ist allerdings seine völlig unerwartete Degradierung auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Sie ereilt ihn zu einem Anlass, der rückblickend nicht denkwürdiger sein könnte. Denn es ist der 7. Oktober 1989, der 40. Jahrestag der DDR, zu dem Erich Honecker „verdienstvolle Bürger aller Klassen und Schichten“ sowie ausländische Gäste im Palast empfängt, allen voran Michail Gorbatschow, den späteren Staatspräsidenten der Sowjetunion.

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„Ich habe dafür wie immer alles vorbereitet und das Personal eingeteilt. Doch drei Tage vorher hieß es plötzlich: Albrecht, du bist nicht mehr im Spitzensegment, du machst an dem Abend das Foyer. Das war für mich wie ein Schlag ins Gesicht.“

Albrecht wird nie erfahren, warum er dergestalt von seinem Posten entfernt wurde. Selbst nach der Wende schweigen sich seine ehemaligen Vorgesetzten zu dem Thema aus. In den Stasi-Akten sind alle betreffenden Stellen geschwärzt. Womöglich stieß der Parteiführung auf, dass er sich bei den Versammlungen mit einigen Kollegen für mehr persönliche Mitbestimmung eingesetzt hat. Doch nur einen Monat später fällt die Mauer. Und die Selbstverwirklichung des Roland Albrecht ging in die nächste Runde: Sein Restaurant Zander in der Kollwitzstraße in Prenzlauer Berg wird bald ein bedeutender Teil der Hauptstadtgastronomie.

Mehr zu Roland Albrecht und seiner gastronomischen Laufbahn in „Der Chef der Familie – Porträt eines ruhelosen Wirtes“, erschienen bei Periplaneta.

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