Gekämpft wie eine Löwin: das deutsch-russische Leben der Lola Debüser
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Ich bin kürzlich gefragt worden, warum in Ostdeutschland die Sympathie für Russland und die Russen noch immer so groß ist. Darauf gibt es sicher verschiedene Antworten, aber eine betrifft Lola Debüser in mehrfacher Hinsicht – es sind die biografischen und kulturellen Bindungen, die sie und uns alle auf verschiedene Weise geprägt haben.
Lola und mich trennen fast genau 20 Jahre, und unsere Biografien sind um 20 Jahre versetzt in einigem parallel verlaufen – ich habe in der Schule gelernt, für deren Gründung sich Lola bei Walter Ulbricht 1949 persönlich eingesetzt hat, ich habe 20 Jahre nach Lola an der Leningrader Universität Slawistik studiert und dann wie sie kurzzeitig an der Humboldt-Uni gearbeitet, und schließlich bin ich 20 Jahre nach ihr als Lektorin zum Verlag Volk und Welt gekommen, wo wir uns auch kennenlernten.
Neben vielem anderen sind es diese biografischen Überschneidungen, die eine besondere Nähe zwischen uns erzeugt haben. Lola, gestorben Ende Dezember vergangenen Jahres, war meine Lehrerin, meine Mentorin, sie hat mir quasi das Handwerkszeug einer Lektorin beigebracht. Dazu gehörte nicht nur der Austausch über neueste Bücher, interne Vorgänge im Verlag oder die große Politik. In unseren Gesprächen erzählte sie viel von ihren Autoren und davon, wie sie und ihr Kollege Ralf Schröder besonders kritische Texte von sowjetischen Autoren in das Verlagsprogramm eingebracht und zum Teil „hineingeschmuggelt“ haben, sie schilderte, wie Kompromisse aussehen können, die nicht wehtun, aber viel ermöglichen, wie Verlagsarbeit Spaß machen kann und was die Fallstricke sind.
In den zehn Jahren unserer direkten Zusammenarbeit wurde Lola mehr und mehr zu meinem großen Vorbild – als Lektorin, als Wissenschaftlerin, aber auch als mutige und selbstbewusste Frau, die ihr Leben als alleinerziehende Mutter zu bewältigen hatte.
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Meilensteine im Umgang mit der Sowjetliteratur
Es lässt sich nicht hoch genug schätzen, was Lola als Lektorin für den Verlag Volk und Welt geleistet hat. Sie hat so großartige Autoren der sogenannten Dorfprosa wie Fjodor Abramow, Wassili Schukschin, Valentin Rasputin, aber auch Klassiker der sowjetischen Literatur wie Alexander Grin oder Daniil Charms für den deutschsprachigen Raum entdeckt und in sorgfältig edierten Ausgaben zugänglich gemacht. Ihre Herausgaben und Nachworte waren Meilensteine im Umgang mit der Sowjetliteratur, die ja viele Jahre nur als ideologisch angepasst galt und kulturpolitische Anforderungen erfüllen sollte.
Begonnen hat Lola ihre Verlagslaufbahn Anfang der 60er-Jahre beim Verlag Kultur und Fortschritt, der nicht nur der Gesellschaft für deutsch-sowjetische Freundschaft gehörte, sondern von ihr auch ideologisch auf Linie getrimmt wurde. Das änderte sich zunächst nur geringfügig, nachdem Kultur und Fortschritt 1964 mit dem Verlag Volk und Welt zusammengelegt worden war.
Lola bekam diese Engstirnigkeit zu spüren, als nach dem 11. Plenum drei ihrer Titel, unter anderem die Memoiren von Ilja Ehrenburg, aus dem Verlagsprogramm genommen wurden – sie hatte angeblich die Kulturpolitik der DDR nicht richtig verstanden. Ihr wurde das Gehalt empfindlich gekürzt, sodass sie kaum über die Runden kam.
„Ohne meine Mutter hätte ich damals unseren Lebensstandard mit zwei Kindern nicht halten können“, schreibt sie in ihren Erinnerungen, die 2025 unter dem Titel „Ein deutsch-russisches Leben“ im Wissenschaftsverlag Frank & Timme erschienen sind. Was es bedeutete, nach so einem Tiefschlag nicht aufzugeben und sich weiterhin für die Herausgabe literarisch hochwertiger und zugleich gesellschaftskritischer Texte einzusetzen, wird jeder verstehen, der in der DDR gelebt hat.
Ihre Arbeit als Lektorin, vor allem das Entdecken und Herausgeben von Autoren, hat Lola sehr geliebt. „Volk und Welt war ein wunderbarer Verlag. Er hatte ein sehr aufwendiges, feinmaschiges Verfahren, das der Qualitätssicherung diente.“ Damit meinte Lola das intensive Zusammenspiel von Lektoren, Redakteuren und Übersetzern bei der Arbeit an den Texten, das es so heute nicht mehr gibt. Lola war durch ihre perfekte Zweisprachigkeit eine Ausnahme im Lektorat und wurde ständig von allen Kolleginnen und Kollegen konsultiert, wenn es um Übersetzungsfragen ging.
Ein verlegerisches Meisterstück
Der wichtigste Autor, den Lola Debüser für die DDR und den gesamten deutschsprachigen Raum entdeckte, war Andrej Platonow. Schon 1965 hatte Lola eine erste zweibändige Ausgabe seiner Erzählungen konzipiert, erscheinen konnte sie nach einigen Schwierigkeiten 1969. Von diesem Zeitpunkt an und bis zur Vollendung der sechsbändigen Platonow-Ausgabe bei Volk und Welt hat Lola das Werk von Platonow erforscht, mit höchster Sorgfalt ediert und nach akribischer und analytischer Textarbeit an den äußerst schwierigen Übersetzungen zu ihrem verlegerischen Meisterstück gemacht.
Eine Krönung dieser herausgeberischen Tätigkeit und zugleich die Erfüllung eines lang gehegten Traums war ihre Übersetzung von Platonows letztem Roman „Die glückliche Moskwa“ in Zusammenarbeit mit Renate Reschke. Voraussetzung für diese Arbeit war der Umstand, dass Lola, wie viele andere Volk-und-Welt-Mitarbeiter, gleich nach der Wende entlassen wurde, was sie aber nicht tragisch fand. Sie war froh, von nun an freiberuflich arbeiten zu können. Lola hatte weit über die Grenzen der DDR hinaus einen exzellenten Ruf in der Slawistik, sodass es an Aufträgen nicht mangelte.
Bei der Lektüre von Lolas Nachwort zu „Die glückliche Moskwa“ ist mir ein Aspekt ihrer Verbundenheit mit Platonows Gedankenwelt bewusst geworden: In Platonows Romanen, in seinen Analysen der heroischen und verlorenen Illusionen seiner Zeit, in seiner genialen Voraussicht, warum die Idee des Sozialismus so tragisch scheitern musste, konnte Lola auch einen Schlüssel zur eigenen Biografie finden. Sie schreibt im Nachwort als Kommentar zu einer sehr abwertenden Kritik von Viktor Jerofejew an diesem Roman: „Jerofejew und viele seiner Generation konnten oder wollten sich nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion nicht mehr vorstellen, dass zahllose Menschen mit ihr – vor allem in ihrer heroischen Anfangsphase – einen so ernsten Liebesroman hatten, dass sie bereit waren, ihr Leben dafür zu geben, und es auch taten.“
Sprachlich und politisch in der Sowjetunion beheimatet
Lolas Familie war von diesem „Liebesroman“ in besonderer Weise betroffen, und er hat auch sie selbst geprägt. Ihre Eltern, beide Kommunisten, waren Anfang der 30er-Jahre aus Berlin in die Sowjetunion emigriert, 1934 wurde Lola in Moskau geboren. Ihr Vater, ein ungarischer Jude, ging 1936 als Arzt nach Spanien zu den internationalen Brigaden, arbeitete nach seiner Rückkehr als Chirurg in einer Moskauer Unfallklinik, wurde 1941 verhaftet und ein Jahr später als angeblicher Spion erschossen.
Lolas Mutter war Schauspielerin, konnte in ihrem Beruf in Moskau aber nicht arbeiten und verlegte sich aufs Fotografieren. Nach Ausbruch des Krieges wurde sie als Deutsche mit ihren Kindern ins sibirische Tomsk evakuiert, wo gleich nach der Ankunft Lolas kleiner Bruder André an Masern erkrankte und starb. Nur mit großer Anstrengung konnte die Mutter sich und ihre Tochter in den folgenden zwei Jahren am Leben erhalten, bis sie 1943 den Auftrag bekam, die Kulturarbeit mit deutschen Kriegsgefangenen in einem Lager bei Stalingrad zu leiten.
Erst 1947 kehrte sie mit Lola nach Deutschland zurück. Lola hatte ihre gesamte Kindheit in der Sowjetunion verbracht und war nicht nur sprachlich, sondern auch politisch dort beheimatet. Die Umstellung auf das Leben in der DDR fiel ihr schwer, weshalb sie auch sehr gern Anfang der 50er-Jahre zum Slawistik-Studium nach Leningrad ging.
Stalins Tod 1953 war ein harter Schlag für sie, und ein politisches Erwachen setzte bei ihr erst nach Chruschtschows Rede 1956 und der danach einsetzenden Tauwetterperiode ein. Entscheidend war dabei die kritische sowjetische Literatur, in der eine ehrliche Aufarbeitung der Stalinzeit begann. „Meine Mutter hat mir nie verboten, über die Verhaftung und Ermordung meines Vaters zu sprechen. Sie selbst hat in ihren Vorträgen dieses Kapitel ausgespart. Darüber haben wir uns später furchtbar gestritten. Sie wollte einfach nichts Schlechtes über die Sowjetunion sagen, die sie aufnahm, als sie vor den deutschen Faschisten flüchten musste, und die ihre Heimat vom Nationalsozialismus befreit hat“, schreibt sie in ihren Erinnerungen.
Lola musste sich nach 1989 nicht wenden oder frühere Ansichten verwerfen, denn sie hatte Platonows nüchterne Analysen schon lange vorher verstanden und auf ihre, auf unsere Zeit umgesetzt.
Dreamteam mit Ralf Schröder
Wenn man sich Lolas verlegerische Leistung als Ganzes anschaut, so lässt sich ohne Einschränkung sagen: Alle von ihr entdeckten und betreuten Autoren bürgten für hohe literarische Qualität und setzten Maßstäbe für die Rezeption sowjetischer Literatur. In Zusammenarbeit mit ihrem engen Freund und Vertrauten Ralf Schröder, jenem Lektor, der unter anderem Bulgakow, Ehrenburg, Babel, Tendrjakow und Trifonow für den deutschsprachigen Raum entdeckte und in seinen Nachworten wissenschaftlich kommentierte, ist es gelungen, dieser Literatur den negativen Stempel kulturpolitischer Engstirnigkeit zu nehmen und das Beste und Bleibende herauszufiltern, was sie zu bieten hatte.
Sie haben erreicht, dass die Bücher sowjetischer Autoren vor allem in den 70er- und 80er-Jahren sehr begehrt waren und im Buchhandel zum Teil zu „Bückware“ wurden. Ralf Schröder war in diesem Dreamteam immer derjenige mit Außenwirkung, er reiste durchs Land und hielt äußerst kenntnisreiche und kritische Vorträge. Lola hat mehr im engeren Kreis des Lektorats gewirkt, sie war die innere Bastion. Wenn es sein musste, hat sie um ihre Titel gekämpft wie eine Löwin, und sie konnte auch brüllen wie eine solche, wenn sie mit Argumenten bei ihrem Gegenüber nicht durchkam.
Lola hat die Zeit nach dem Ausscheiden bei Volk und Welt als großes Glück angesehen, weil sie endlich nur das tun konnte, was ihr am meisten am Herzen lag – wissenschaftlich arbeiten, schreiben und auch übersetzen. Dies hat sie noch viele Jahre tun können und damit vor allem in der Platonow-Forschung wesentliche Impulse gesetzt. Wunderbar aufgehoben in ihrer Familie blickte sie am Ende glücklich und versöhnt auf ihr bewegtes und reiches Leben zurück. Es war ein Leben für die Literatur, die sie über alles geliebt, für die sie gekämpft und mit der sie uns beschenkt hat. Christina Links, geboren 1954, studierte Slawistik in Leningrad und war von 1981 bis 2001 Lektorin für russische und osteuropäische Literatur im Berliner Verlag Volk und Welt und danach Dramaturgin beim henschel SCHAUSPIEL Theaterverlag. Darüber hinaus war sie (gemeinsam mit Wilfried F. Schoeller) Kuratorin von umfangreichen Literaturausstellungen über Michail Bulgakow und Warlam Schalamow, arbeitete als Herausgeberin und Übersetzerin und ist weiterhin als Literaturagentin tätig. Sie lebt in Berlin.Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source geben wir allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.
