Krebs überlebt, aber nicht gesund? Ein Charité-Programm macht Patientinnen jetzt Hoffnung
Sie konnte wieder in Urlaub fahren, auf die Insel Usedom ist sie gereist. Ein Jahr zuvor wäre das noch undenkbar gewesen. Die Frau hatte erfolgreich eine Tumor-Therapie hinter sich gebracht, litt aber noch an den Begleiterscheinungen, an chronischer Müdigkeit: Fatigue.
Hannah Woopen hat jetzt von diesem Fall berichtet, der ein gutes Ende nahm. Die Ärztin arbeitet an der Charité und leitet an dem Universitätsklinikum ein Projekt, das den Namen Survivorship Clinic trägt. Es richtet sich an Frauen, die eine gynäkologische Krebsbehandlung erhalten haben. Wie die Berlinerin, die zu Kräften kam und wieder eine Urlaubsreise unternehmen konnte.
Krebs betrifft uns alle: Was die Medizin heute besser weiß als vor zehn Jahren
„Wir haben der Patientin erst einmal empfohlen, Sport zu machen“, sagt Hannah Woopen. Die Ärztin und ihr Team haben ein Programm entworfen, das auf die Bedürfnisse der Patientin zugeschnitten war. Es orientiert sich an Prinzipien der Mind-Body-Medizin, in der Geist, Psyche, Körper, Verhalten und soziale Aspekte in ihrer Kombination eine Rolle spielen.
Etwa fünf Millionen Krebsüberlebende gibt es deutschlandweit. Zweieinhalb Millionen gelten als Langzeitüberlebende. Mit ständig verbesserten Behandlungsmethoden steigt auch ihre Zahl. Bei Brustkrebs liegt die Fünf-Jahres-Überlebensrate inzwischen bei bis zu 90 Prozent. Allerdings ist das Risiko, erneut zu erkranken, ungleich verteilt. Warum es sich so verhält, war der Ausgangspunkt einer Studie an der Charité. Aus ihr ist eine Sprechstunde hervorgegangen, eben die Survivorship Clinic, ein hierzulande einzigartiges Angebot.
Charité-Team stellt Studie in Kopenhagen vor
Weltweit einzigartig ist auch das Forschungsvorhaben. „Es ist die weltweit erste Studie, die den Effekt eines Programms für Langzeitüberlebende überprüft“, sagt Jalid Sehouli, Direktor der Klinik für Gynäkologie am Campus Virchow der Charité. An diesem Freitag stellen er und Hannah Woopen die bisherigen Ergebnisse auf dem Jahreskongress der Europäischen Gesellschaft für gynäkologischen Krebs in Kopenhagen vor.
Wichtigstes Ergebnis: „51 Prozent der Frauen haben eine verbesserte Lebensqualität“, sagt Projektleiterin Woopen. Das ergaben die Antworten der Probandinnen auf einen standardisierten Katalog, nach dem körperliche und psychische Symptome abgefragt wurden. Bislang haben 191 Berlinerinnen teilgenommen. Es gab Kontrollgruppen in anderen deutschen Städten, in denen die Patientinnen jedoch nur die übliche Nachsorge durchliefen.
Die Survivor Clinic an der Charité ist ein systematisches Programm. Es basiert auf der Erkenntnis, dass etwa die Hälfte der Frauen, die eine Krebstherapie abgeschlossen haben, weiterhin über gesundheitliche Probleme klagen, und das auch noch lange nach dem Ende der Behandlung. Die übliche Nachsorge geht allerdings nur fünf Jahre. „Wir haben im klinischen Alltag gesehen, dass Frauen einen zweiten Tumor bekommen haben, Darmkrebs zum Beispiel, nach zehn oder zwölf Jahren“, berichtet Professor Sehouli.
Hannah Woopen sagt: „Es gibt viele Folgeerkrankungen.“ Neben Fatigue auch Probleme mit Herz und Kreislauf, dazu psychische Symptome. Langzeitfolgen treten in Clustern auf, so formuliert es die Projektleiterin: „Sie hängen miteinander zusammen.“
Newsweek-Ranking: Charité Berlin unter den besten zehn Krankenhäusern der Welt
Dem trägt das Berliner Programm Rechnung. „Am Anfang machen wir einen Check-up.“ 45 Minuten nehmen sich die Charité-Ärzte dafür Zeit. Die durchschnittliche Dauer einer Sprechstunde beträgt hierzulande gerade einmal acht Minuten. Jede Patientin wird zur weiteren Diagnose in die Kardiologie der Charité überwiesen. Die Knochen werden untersucht. „Es gibt viele Fälle von Osteoporose“, sagt Hannah Woopen. Je nach Bedarf werden die Frauen an andere Fachbereiche des Uniklinikums weitervermittelt.
Aus einer Leistungsdiagnose ergibt sich ein individuell abgestimmtes Sportprogramm. Die jüngste Teilnehmerin war bisher Mitte 20, die älteste jenseits der 90. Eine Ernährungsberatung gehört zum Angebot. „Jede Patientin wird vom Sozialdienst beraten“, sagt Hannah Woopen. Es geht unter anderem um Reha-Leistungen.
Moderation nennt die Projektleiterin das Verfahren, das die medizinischen Ressortgrenzen überwindet und einen ganzheitlichen Blick auf die Patientinnen wirft. Eines der zentralen Ziele ist Sekundärprävention: Folgeerkrankungen sollen früh erkannt, bestenfalls vermieden werden.
Programm könnte auf Männer ausgeweitet werden
Dieser Ansatz hat auch den Gemeinsamen Bundesausschuss (GBA) überzeugt, das höchste Gremium der Selbstverwaltung im Gesundheitswesen, das den Leistungskatalog der Krankenkassen festlegt. Aus seinem Innovationsfonds kamen 4,2 Millionen Euro an Fördergeld.
Noch läuft das Pilotprojekt lediglich an der Charité. „Wir haben aber die Vision, dass es das in allen Bundesländern gibt“, sagt Professor Sehouli. Irgendwann soll das bislang auf Frauen fokussierte Programm auch auf Männer ausgeweitet werden.
