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15.000 Tauben und ihr Erbe: Eine unangenehme Analyse aus Berlin

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23.03.2026

Dieser Mann führt einen einsamen Kampf. Er trägt eine Arbeitsmontur, darüber eine orangefarbene Weste. Der Treppenaufgang zum U-Bahnhof Bülowstraße in Schöneberg ist sein Arbeitsplatz, Kampfplatz für den Besen, den er in der einen Hand hält. In der anderen hat er einen Stiel, unten mit einem aufklappbaren Behälter versehen, wie ihn Reinigungskräfte in Fast-Food-Restaurants benutzen.Der Mann entfernt halbherzig einige Zigarettenkippen vom Boden und dann sich selbst sehr unauffällig. Als ginge ihn das alles nichts an: die fleckige Matratze aus Schaumstoff, die an einem Pfeiler des U-Bahn-Viadukts lehnt. Der zerbeulte Wäscheständer. Der halbleere Farbeimer. Die Essensreste. Und die erwartungsfrohen Tauben, die geglaubt zu haben scheinen, dass dieser Typ mit Warnweste ihnen ein paar Körner zuwirft. Das haben vorher schon andere erledigt. Eine hellbraune Insel ragt aus weißgrauer Gischt, die der Berliner Volksmund in seiner sehr konkreten Art Taubenscheiße nennt.

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Der Mittelstreifen unter der U-Bahntrasse ist voll davon, die Kapitulation des Besenmanns verständlich. Ein Besen taugt da nicht einmal zur Symptombekämpfung. Die Ursachen liegen ohnehin tiefer. Oder vielmehr höher, in der Stahlkonstruktion des Viadukts nämlich. Dort hocken dutzende Tauben. Einige haben es sich zwischen Metallstiften gemütlich gemacht, die zur Abwehr dieser Vogelart und ihres regen Stuhlgangs gedacht sind. Der klebt auch an einem Nest. Möglicherweise verfügt schon der Nachwuchs über einen lebhaften Stoffwechsel.

Geschätzt 15.000 Tauben bewohnen die Hauptstadt, vielleicht sind es auch ein paar tausend mehr. Der Bahnhof Bülowstraße ist eines der Ballungszentren für die gefiederten Freunde der Berliner. Sie verleihen diesem Ort ein besonderes Flair. Nicht die Berliner, die gefiederten Freunde. Man kann sich ihm nicht entziehen, dem Flair, man saugt es in sich auf.

Taubenkot: Das steckt drin

Über die Atemwege dringt feinster Staub in den Körper ein. Er transportiert eine sehr gehaltvolle Mischung: darin Salze der Harnsäure aus dem weißen Anteil der pastösen Hinterlassenschaft. In der dunklen Substanz steckt ein bunter Mix aus Mikroorganismen, darunter Bakterien, Hefen und Pilze der Risikogruppe 2. Danke für diese interessanten Informationen, liebes Umweltbundesamt.

Als Vertreter der Risikogruppe 3 ist oft das Bakterium Chlamydophila psittaci in den Ausscheidungen anzutreffen, bekannt als Erreger der Papageienkrankheit. Diese wiederum wird vom Tier auf den Menschen übertragen und fühlt sich für Letzteren wie eine Grippe an mit Fieber, Schüttelfrost und allem Drum und Dran. Die Papageienkrankheit kann zu einer veritablen Lungenentzündung ausarten. In mehreren europäischen Ländern steigt mittlerweile die Zahl der Fälle, auch in Deutschland. Danke für diesen Hinweis, liebes Robert-Koch-Institut.

All diese Berichte treffen am U-Bahnhof Bülowstraße auf Tauben-Ohren, und die Passanten schlagen jedwede Warnung in den Wind, den angereicherten. Hier herrscht noch ein vorbehaltlos harmonisches Miteinander. Menschen folgen der Spur der Keime, verspeisen im Vorübergehen einen Chicken-Döner oder ein Käse-Schinken-Baguette aus dem Backshop um die Ecke.

Einer leert eine Dose Bier, derer er sich mit beiläufiger Geste entledigt. Der geräuschvolle Vorgang beeindruckt die Tauben nicht im Geringsten. Vom alltäglichen Fehlverhalten der Stadtgesellschaft abgehärtet, eilen sie mal hierhin, mal dorthin in der Hoffnung auf eine milde Gabe. Getreu dem Motto: Drauf gekackt!In einer Ecke paart sich ein Täuberich mit einer Taube, versucht es jedenfalls. Sie ist tot. Es wird Frühling an diesem Ort in Schöneberg.


© Berliner Zeitung