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„Die Regierung erkauft sich Zeit“: Ralf Hermes rechnet mit Warkens Sparplänen ab

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16.04.2026

Die Reaktionen sind überwiegend positiv. An den Maßnahmen, mit denen Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) die Beiträge zur gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) stabilisieren will, regt sich bisher wenig Kritik. 20 Milliarden Euro sollen damit im kommenden Jahr eingespart werden. An den Fehlern im System ändert sich jedoch nichts, sagt Ralf Hermes, Vorstand der IKK Innovationskasse.Ende 2028 sei das Kostenproblem zurück, sagt der Krankenkassen-Manager. Die eigentliche Reform stehe noch aus. Hermes hat ein eigenes Modell entwickelt. Es sieht den Staat stärker in der Pflicht. Versicherte sollen nur noch 150 Euro im Monat zahlen, Arbeitgeber entlastet werden.Die großen Lebensrisiken seien abgedeckt, sagt Hermes. Zahnersatz ist es nicht. Im Interview erklärt er, wie sein Drei-Säulen-Modell funktionieren soll, wieso er die Pflegeversicherung abschaffen will und warum er Zusatzversicherungen nicht unsozial findet.

Herr Hermes, wie bewerten Sie die Vorschläge von Ministerin Nina Warken?

In einem Satz zusammengefasst: Die Bundesregierung erkauft sich Zeit.

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Mit dem Effekt, dass die Krankenkassenbeiträge vorerst nicht weiter steigen werden. Ist das nicht in Ihrem Sinne?

Natürlich ist es das. Vor allem ist es im Sinne der Versicherten und ihrer Arbeitgeber, die sich ja die Beiträge jeweils zur Hälfte teilen. Die Beitragssätze dürften stabil bleiben, auf hohem Niveau, aber immerhin. Das, was uns jetzt jedoch vorliegt, ist keine Reform. Es ist eine Sofortbremsung, was die Kosten angeht. Ich frage mich, ob man dazu eine mit hochkarätigen Professoren besetzte Finanzkommission benötigt hätte.

Die von ihr vorgelegten 66 Vorschläge sind alle nicht neu. Ohne mich selbst loben zu wollen: Das Aus für die beitragsfreie Familienversicherung von Ehegatten zum Beispiel habe ich selbst auf die Tagesordnung gebracht. Jetzt soll sie kommen, jedoch mit Ausnahmen.

Unter anderem für pflegende Angehörige. Ist das nicht vernünftig?

Doch, das ist vernünftig. Ich bin aber Chef einer Krankenkasse und sehe schon wieder einen enormen bürokratischen Aufwand auf meine Mitarbeiter zukommen. Bisher beitragsfrei mitversicherte Ehegatten sollen 3,5 Prozent vom Einkommen des Stammmitglieds der Kasse zahlen. Man muss sich jeden Fall genau anschauen, das kostet Zeit und Ressourcen und letztlich Geld. Das ist jetzt nur ein Beispiel. Soll ich mal eine Prognose wagen?

Ende 2028 ist das Kostenproblem wieder da. Die allermeisten Vorschläge sind ja nicht schlecht, aber sie schaffen keine Lösung. Die Bundesregierung besorgt Geld: Die Ärzte bekommen etwas weniger, die Eigenanteile der Versicherten steigen und so weiter. Nochmal: Das hat mit einer Reform nichts zu tun. Es entstehen keine neuen Strukturen wie bei unserem Drei-Säulen-Modell.

Kassen-Modell: Versicherte sollen 150 Euro im Monat zahlen

Sie meinen Ihren Reformvorschlag vom Februar. Haben Sie Ihr Modell inzwischen durchgerechnet?

Ja, zusammen mit dem Institut für Mikrodaten-Analyse in Kiel. Säule 1 ist in unserem Modell die solidarische Gesundheitsversorgung. Sie wird ausschließlich von Arbeitgebern und aus Steuermitteln finanziert. Und aus Mitteln der Rentenversicherung, weil diese Säule auch für Rentner verpflichtend sein wird. Die Arbeitgeber zahlen zehn Prozent. Das ist etwas weniger als durchschnittlich im Moment. Der Arbeitgeberanteil soll gedeckelt und nicht dynamisch sein.

Was deckt Säule 1 ab?

Die großen Lebensrisiken, allen voran die Krankenhausversorgung. Für die Planung in diesem Bereich sind die Bundesländer zuständig. Insofern ist es nur konsequent, dass die Krankenhausversorgung überwiegend aus Steuermitteln bezahlt wird.

Was ist mit der stationären Pflege?

Sie gehört ebenfalls zur Säule 1. Die Pflegeversicherung in der jetzigen Form fällt weg. Außerdem finanziert diese Säule die Notfall- und Vorsorge-Strukturen, ebenso die Hochkosten-Medizin, die personalisierte Medizin, also sehr teure Medikamente.

Wie steht es mit Säule 2?

Sie deckt die alltägliche ambulante Versorgung ab, inklusive ambulanter Operationen und ambulanter Pflege. Dazu die Medikamente abseits der Hochkosten-Medizin sowie die Verwaltungskosten. Die Krankenkassen sind für Säule 2 zuständig. Finanziert wird sie über eine Gesundheitsprämie.

Was zahlen Versicherte dafür?

Nach unseren Berechnungen 150 Euro im Monat.

Was ist mit Geringverdienern und sozial schwachen Versicherten?

Die werden über Säule 1, über einen Sozialausgleich finanziert.

Wie viel kostet Säule 3?

Die ist freiwillig. Sie ist die Zusatzversicherung oder private Versicherung, für alles, was über die verpflichtenden Säulen 1 und 2 hinausgeht.

Auch die zahnmedizinische Versorgung?

Die ist in der ambulanten Säule 2 enthalten. Zahnersatz allerdings nicht. Die Versicherten werden nach diesem geschlossenen Modell nicht überfordert, kommen aber in den Genuss von Spitzenmedizin. 150 Euro sind, finde ich, ein guter Preis. Wie gesagt: Es wird soziale Ausgleichszahlungen durch den Staat geben müssen, über Säule eins.

Was ist mit den Eigenanteilen für Krankenhausaufenthalte und Medikamente?

Die haben wir nach dem jetzigen Stand eingerechnet, also ohne die Verdopplung, die Ministerin Warken anstrebt.

Den Zahnersatz sollen die Versicherten wirklich selbst bezahlen?

Nina Warken bewegt sich doch auch schon in diese Richtung, etwa wenn sie Hautkrebsscreening und Homöopathie aus dem Leistungskatalog streicht. Wir als Gesellschaft können nicht mehr alles finanzieren. Die Krankenkassen sollten stattdessen mehr Freiheiten bekommen und flexible Tarife anbieten können. Mehr Wettbewerb. Den gibt es im Moment nur in den Sonntagsreden der Politik, aber nicht in der Realität, obwohl wir 90 Krankenkassen haben. Die bieten alle mehr oder weniger das Gleiche an auf einem hochgradig regulierten Markt.

Was erwarten Sie von der eigentlichen Reform, die bis Mitte des Jahres erarbeitet werden soll?

Darauf bin ich sehr gespannt. Vielleicht enthält der Vorschlag der Expertenkommission Elemente unseres Drei-Säulen-Modells. Ich weiß, dass es innerhalb der Union eine sehr rege Diskussion darüber gibt. Es wird auch in Gewerkschaftskreisen und unter Sozialdemokraten diskutiert. Da geht es allerdings eher in die Richtung: „Das ist ja Sozialabbau. Das ist ja Privatisierung.“

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Das ist es keineswegs. Wenn man die größten Lebensrisiken über ein verstärktes finanzielles Engagement des Staats absichert, kann von Sozialabbau wohl nicht die Rede sein.

Gibt es noch von anderer Seite Kritik?

Ich war überrascht, wie gut der Vorschlag insgesamt aufgenommen worden ist. Ich gebe zu, dass diese Reform aufwendig sein wird und sicher drei bis fünf Jahre benötigt, bis sie greift. Aber ich bleibe dabei: Sie ist sozial ausgewogen. Fürs Erste sorgt die Bundesregierung mit ihren Maßnahmen immerhin mal für Ruhe. Deswegen wird sie auch von den meisten Interessengruppen im Gesundheitswesen gelobt. Mal abwarten, wie groß der Aufschrei sein wird, wenn es an eine echte Reform geht.


© Berliner Zeitung