Wenn öffentliche Saunen zum Sex-Treffpunkt werden
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Dieser Artikel behandelt sexuelle Belästigung. Der Inhalt kann belastend wirken. Eine Liste mit Unterstützungseinrichtungen findest du am Ende des Textes.
Es ist ein Internetforum, in dem sich Nutzer:innen über unterschiedlichste Themen rund um Sexualität austauschen: von Swingerpartys bis hin zu Fetischen. In einem dieser Threads besprechen vermeintlich bi- und homosexuelle Männer, in welchen Wiener Bädern sexuelle Begegnungen besonders häufig zustande kommen.
Immer wieder genannt werden dabei die Dampfbäder und Whirlpools der öffentlichen Bäder. Dort könne man „einfach drinnen sitzen bleiben und irgendwann merken, wer geil auf einen ist“, schreibt ein Nutzer. Ein anderer formuliert es ähnlich: „Im Dampfbad angefangen, im Ruhebereich zu mehrt fortgesetzt und in der Kabine zu dritt abgesch(l)ossen.“
Andere Beiträge lesen sich wie Erfahrungsberichte. „Grad ausm Jörgerbad raus und gleich zwei Mal auf meine Kosten gekommen: einmal durch einen älteren bärtigen Herrn und einmal durch einen jungen schlanken glatten Kerl“, schreibt ein Nutzer.
Zwischen diesen Schilderungen finden sich auch direktere Aufforderungen für Treffen in den Bädern. „Sind morgen geile Daddys ab 50 im Theresienbad?“, fragt etwa ein User. Ein anderer sucht nach einer früheren Bekanntschaft: „Ist zufällig der geile Typ hier, dessen Schwanz ich heute im Amalienbad in der Hand hatte? Wir wurden leider unterbrochen.“ Ein mittlerweile gesperrter Nutzer berichtet offen: „Im Amalienbad bin ich auch schon öfter im Whirlpool abgewixxt (sic!) worden.“ Aber nicht immer erfüllt sich die Erwartung: „Ich war dort ohne Erfolg, stundenlang geschaut“, heißt es in einem weiteren Beitrag.
Dass es mithilfe des Forums zu vorrangig einvernehmlichen Treffen kommt, steht außer Frage. Kompliziert und in vielen Fällen übergriffig wird es aber, wenn unbeteiligte Badegäste mit unerwünschten Annäherungsversuchen konfrontiert werden.
Blicke, Nähe, Grenzüberschreitungen
Was, wenn man da nicht mitmachen möchte und als Mann einfach nur in die Sauna gehen will?
Zuletzt berichtete der Standard im Dezember über Fälle sexueller Belästigung in der gemischten Sauna des Wiener Amalienbads. Mehrere Frauen schilderten, von Männern angestarrt und bedrängt worden zu sein, einer habe vor ihnen masturbiert. Die Stadt Wien reagierte mit angekündigten Schulungen für das Personal und plant einen Verhaltenskodex für die Saunabereiche.
Im Gespräch mit der WZ berichten auch mehrere Männer von ähnlichen Situationen. Sie erzählen von langen, fixierenden Blicken anderer Saunagäste. Von Männern, die sich auffällig nahe dazusetzen. Oder von Personen, die ihnen von Raum zu Raum folgen. „Man merkt relativ schnell, dass es nicht einfach normales Schauen ist“, berichtet etwa der 25-jährige Markus. „Das hat eine andere Intensität.“
Der 26-jährige Tobi und der 29-jährige Alex erzählen der WZ außerdem von zwei unterschiedlichen Situationen, in denen ihr Gegenüber in der Sauna begonnen habe, zu masturbieren. Alex sagt, so perplex gewesen zu sein, dass er zunächst schockiert sitzen blieb. „Ich habe diesem Mann keinerlei Signale in diese Richtung gegeben, ich war einfach nur allein in der Sauna“, erzählt er. Erst nachdem er sich wieder gefasst habe, konnte er die Sauna verlassen.
Warum aber frequentieren die Forenteilnehmer für ihre expliziten Treffen gewöhnliche Hallenbäder?
Anders als in speziellen Swinger- oder Gaysaunen, die dezidiert für solche Treffen gedacht sind, richten sich die städtischen Bäder ja an eine breite Öffentlichkeit. Der Reiz liege aber gerade im öffentlichen Setting, schreibt ein Forenteilnehmer offen: „Im Hallenbad etwas zu machen, hat halt einen gewissen Reiz.“
Widersprüche gegen solche Praktiken tauchen in den Beiträgen nur vereinzelt auf und werden schnell zurückgewiesen. Über die strengeren Kontrollen, die es inzwischen durchaus gibt, ärgern sich die Nutzer stattdessen eher. „Der Saunawaschl im Amalienbad war wieder sehr lästig“, schreibt ein User.
Maßnahmen und Reaktionen
Die WZ hat die Wiener Bäder mit den Ergebnissen der Recherche konfrontiert. Dort betont man, dass „Belästigungen und unangemessenes Verhalten jeder Art keinen Platz“ hätten. Man verfolge eine Null-Toleranz-Politik, bei Verstößen werde die Polizei verständigt und ein unbefristetes Hausverbot ausgesprochen. Für die vergangenen zwei Jahre spricht die MA 44 von elf dokumentierten Fällen sexueller Belästigung in den Saunabereichen.
Zugleich räumt man ein, dass einzelne Vorfälle sexueller Handlungen bekannt seien, allerdings nicht in dem Ausmaß oder in der Form organisierter Treffen, wie sie in Onlineforen beschrieben werden. Dass solche Foren existieren und auch öffentliche Bäder darin erwähnt werden, sei bekannt. Die Einrichtungen selbst seien aber „nicht als einschlägige Treffpunkte einzustufen“.
Um Grenzüberschreitungen zu verhindern, setzt die Stadt auf verstärkte Kontrollen, geschultes Personal und bauliche Anpassungen. So wurde etwa in Dampfbädern die Beleuchtung verbessert, um nicht einsehbare Bereiche zu reduzieren.
Auch die Betreiber des Forums haben auf WZ-Anfrage Stellung genommen. Man sehe sich als Plattform für Austausch und Vernetzung, insbesondere für Menschen aus der LGBTQIA+-Community sowie für Personen mit speziellen sexuellen Interessen. Öffentliche Orte würden von einigen Nutzer:innen als niederschwellige Treffpunkte genutzt. Belästigung Unbeteiligter sei dabei jedoch „weder beabsichtigt noch akzeptiert“. Man sehe sich jedoch nicht als Auslöser einer zunehmenden Problematik.
Als Reaktion auf die Recherche will das Forum nun dennoch stärker eingreifen: Threads, in denen konkrete Badeanstalten als Treffpunkte genannt werden, sollen künftig nicht mehr erlaubt sein. Die Threads, aus denen die WZ zitiert hat, sind mittlerweile nicht mehr aufrufbar.
Hilfe und Beratungsstellen
Wenn du selbst von sexueller Belästigung betroffen bist oder jemanden unterstützen möchtest, findest du hier Hilfe:
Männerberatung: Tel.: 0800 400 777, online hier
Frauen- und Mädchenberatungsstellen: Tel.: 01 595 37 60, online hier
Frauenhelpline gegen Gewalt: Tel.: 0800 222 555, online hier
Gleichbehandlungsanwaltschaft: Tel.: 0800 206 119, online hier
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Markus (Name und Alter von der Redaktion geändert)
Tobi (Name und Alter von der Redaktion geändert)
Alex (Name und Alter von der Redaktion geändert)
Schriftliche Stellungnahmen der Wiener Bäder und der Betreiber des Forums
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