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Sie wechseln ihr Geschlecht, sind Zwitter oder Klone

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26.03.2026

Blattläuse vermehren sich überwiegend durch Klonen, wobei im Frühling ausschließlich Weibchen lebend geboren werden.

In der Natur existieren vielfältige Fortpflanzungsstrategien wie Zwittertum, Geschlechtswechsel und Parthenogenese.

Pflanzen und Tiere nutzen unterschiedliche Methoden, um genetische Vielfalt oder schnelle Vermehrung zu sichern.

Für Blattläuse gibt es nur im Herbst Sex.

Parthenogenese: Nachkommen entstehen aus unbefruchteten Eizellen.

Eine Blattlaus kann in wenigen Wochen hunderte Nachkommen haben.

Weinbergschnecken und Regenwürmer sind Zwitter mit doppelter Paarungschance.

Blattläuse vermehren sich überwiegend durch Klonen, wobei im Frühling ausschließlich Weibchen lebend geboren werden.

In der Natur existieren vielfältige Fortpflanzungsstrategien wie Zwittertum, Geschlechtswechsel und Parthenogenese.

Pflanzen und Tiere nutzen unterschiedliche Methoden, um genetische Vielfalt oder schnelle Vermehrung zu sichern.

Für Blattläuse gibt es nur im Herbst Sex.

Parthenogenese: Nachkommen entstehen aus unbefruchteten Eizellen.

Eine Blattlaus kann in wenigen Wochen hunderte Nachkommen haben.

Weinbergschnecken und Regenwürmer sind Zwitter mit doppelter Paarungschance.

Nur einmal im Jahr Sex und sonst kein Partner:innen-Bedarf? Die Blattlaus auf meinem Pflaumenbaum lebt das so. Sie vermehrt sich fast ausschließlich durch Klonen und braucht nur im Herbst ein Männchen, um befruchtete Eier zu legen, die als kleine schwarze Punkte auf den Bäumen überwintern. Im Frühling schlüpfen daraus wieder nur lauter Weibchen. Frauenpower pur, sozusagen. Jungfrauen werden Mütter.

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Nur das Klonen macht mir ein bisschen Sorgen. Ja, und natürlich auch, dass Sex nicht einmal nur aus Spaß stattfindet. Aber lauter Ebenbilder seiner selbst zu zeugen, wirkt auf mich schon ein bisschen gruselig. Und für das Bestehen einer Art und die Evolution, möchte man meinen, ist die Durchmischung des Genpools unumgänglich. Ist es für die meisten Arten ja auch. Aber eben nicht für alle. Genauso, wie sich bei weitem nicht alle heterosexuell fortpflanzen und ich, sobald ich nur einen Schritt auf mein Stückchen Wiese mache, von gleichgeschlechtlichen Paaren, Zwittern oder auch Arten, die ihr Geschlecht wechseln, umgeben bin. Die Natur baut darauf auf, divers zu sein.

Aus Töchtern schlüpfen Schwangere

Wie eben auch die Blattlaus auf meinem Pflaumenbaum, die ihren Weg gefunden hat und mit all ihren Klonen die Blätter besetzt, um mit ihnen den Frühling und den Sommer zu feiern. Aber wie funktioniert das eigentlich, sich zu klonen? Bei der Jungfernzeugung oder Parthenogenese, wie sie wissenschaftlich genannt wird, entstehen die Nachkommen aus unbefruchteten Eizellen. Diese brauchen also keine Spermien, um sich zu teilen. Es genügen lediglich Umweltreize, wie die steigenden Temperaturen im Frühling. Die Blattlaus-Weibchen legen in dieser Zeit auch keine Eier: Ihre Töchter schlüpfen schon in ihren Körpern aus den Eiern und kommen somit lebend zur Welt – und bereits schwanger.

Das ermöglicht eine explosionsartige Vermehrung der pflanzensaftsaugenden Schädlinge. Nach etwa zwei Wochen bekommen die Töchter eigene Töchter, und ab diesem Zeitpunkt weitere fünf bis zehn pro Tag. Auf eine einzige Blattlaus kommen somit hunderte Nachkommen innerhalb weniger Wochen. Erst im Herbst, ausgelöst durch den Umweltreiz, dass es kühler wird, gebären die Weibchen auch Männchen. Mit diesen paaren sie sich schließlich, um die winterfesten Eier zu legen. Danach beginnt der Kreislauf von Neuem.

Diese Art der Fortpflanzung ist nicht nur bei Blattläusen, sondern auch bei weiteren wirbellosen Tieren wie Wasserflöhen oder Fadenwürmern verbreitet. Pflanzen klonen sich ebenfalls oft und effizient. Durch die Ausläufer der Erdbeere zum Beispiel entstehen genetisch identische Ebenbilder. In meinem Beet kommt es dennoch nie zu einer explosionsartigen Vermehrung der Erdbeere (leider!) – ganz im Gegenteil. Denn auch die Weinbergschnecken lieben sie, die einen entscheidenden Vorteil bei der Partner:innenwahl haben und sich deshalb schnell vermehren: Sie sind Zwitter und brauchen nicht lange zu suchen.

Doppelte Chance auf ein Match

Die Zwitter oder Hermaphroditen, wie sie auch genannt werden, haben sowohl männliche als auch weibliche Geschlechtsorgane. Die Weinbergschnecke in meinem Beet kann sich zwar nicht selbst befruchten, ihr Riesenvorteil ist jedoch, dass sich die Chance, eine:n Partner:in zu finden, verdoppelt, indem es nicht speziell ein Weibchen oder Männchen sein muss. Das ist gerade für die Arterhaltung der Schnecke, die nicht gerade für Sprints und Schnelligkeit bekannt ist, notwendig, weil ihr Aktionsradius dadurch klein ist. Schön für die Schnecke. Gerade jetzt sitzt sie bestimmt schon in den Startlöchern, um nach der Winterruhe weiter an ihrer Vermehrung zu arbeiten und an meine Erdbeeren zu denken.

Die Regenwürmer neben ihr, die meine Freunde sind, sind übrigens auch Zwitter. Der Aronstab ein paar Meter weiter, ein krautiges Gewächs mit Blüten in einem pfeilspitzartigen Blatt, kann gar nicht aktiv nach einer Sexualpartnerin/einem Sexualpartner suchen, weil er im Boden verankert ist. Die Pollen müssen zu ihm kommen. Oder umgekehrt. Denn der Aronstab wechselt sein Geschlecht.

Zuerst weiblich, dann männlich

Das Ganze passiert innerhalb eines Blütenstandes, und zwar zeitlich versetzt (Vorweiblichkeit oder Proterogynie). Um Selbstbestäubung zu verhindern, reifen im Inneren des kolbenartigen Blütenstandes zuerst die weiblichen Blüten heran, die mit ihrem „Duft“ (er erinnert an modrig-fauliges Aas) zum Beispiel Schmeißfliegen anlocken. Diese bestäuben sie mit dem Pollen anderer Aronstäbe. Erst danach, sobald diese Blüten verwelkt sind, switched die Pflanze von weiblich auf männlich und produziert männliche Blüten und Pollen, mit denen die Schmeißfliegen wiederum andere Aronstäbe bestäuben.

Auch die Gurke, die in meinem Beet wachsen würde – gäbe es die Weinbergschnecke nicht –, kann ihr Geschlecht ändern. Bei ihr passiert das aber eher stressbedingt: Wird es zu heiß oder zu trocken, bildet sie nur noch männliche Blüten aus. Sie zählt, genauso wie der Aronstab, zu den sogenannten einhäusigen Pflanzen, die sowohl weibliche als auch männliche Blüten auf einem Individuum bilden können. Die allermeisten Arten der Pflanzenwelt sind jedoch Zwitter, bei denen beide Geschlechter in einer einzigen Blüte vereint sind. Heterosexualität, also ein Geschlecht pro Pflanze (zweihäusig), kommt am seltensten vor.

In der Natur, in meinem Beet und auf meinem Pflaumenbaum ließe sich also nichts in irgendeine aufgezwungene Norm pressen – die zu definieren somit auch gar nicht möglich ist. Was die Blattlaus betrifft: Ich habe noch einmal nachgedacht. Und ich bin wirklich froh, nicht lauter kleine Klone in die Welt zu setzen, die ich jeden Tag sehen muss. Egal zu welcher Jahreszeit.

Petra Tempfer nimmt euch alle zwei Wochen mit nach draußen in die Natur, in ihren Garten und zu allem, was da so lebt. Nächstes Mal wird es blutig: Es wird um die Kriege auf ihrer Terrasse gehen. Um komplexe, brutale Kriege um Territorien, Nahrung und Ressourcen, in denen die Ameisen, die diese führen, den Menschen um nichts nachstehen. Einige Völker schaffen es allerdings, fairer als wir zu agieren. Wann und wie? Schau in zwei Wochen wieder hier vorbei.

Zu allen bereits erschienenen Kolumnen geht es hier.

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Manche Pflanzen und weibliche Tiere etwa der Blattläuse (Aphidoidea), aber auch einiger Fisch- und Eidechsenarten, können sich eingeschlechtlich fortpflanzen. Das heißt, ohne von einem männlichen Artgenossen befruchtet zu werden. Bei diesem Vorgang spielt die Parthenogenese eine entscheidende Rolle: Durch bestimmte Hormone wird der unbefruchteten Eizelle eine Befruchtungssituation „vorgespielt“, woraufhin diese sich zu teilen beginnt und zu einem Organismus heranreift. (bionity.com)

Weinbergschnecken (Helix pomatia) sind Zwitter und besitzen somit sowohl weibliche als auch männliche Geschlechtsorgane. Der Vorgang der Fortpflanzung vom einleitenden Liebesspiel bis hin zur endgültigen Verpaarung kann mehrere Stunden in Anspruch nehmen. Dabei wird von einer der Schnecken ein Liebespfeil in die andere Schnecke gestoßen, wodurch es anschließend zur Befruchtung kommen kann. (brandenburg.nabu.de)

Der bis zu 40 cm hohe gefleckte Aronstab (Arum maculatum) ist in feuchten Laubwäldern und Auwäldern zu finden. Mit seinen dunkelgrünen, lang gestielten, oft gefleckten und pfeilförmigen Blättern und der auffälligen Blüte ist er unverkennbar. Seine Knolle dient als Speicherorgan und ermöglicht einen Austrieb Anfang des Frühlings. Trotz seiner Giftigkeit galt der Aronstab in früheren Zeiten als magische Pflanze und soll von Hexen für Liebeszauber eingesetzt worden sein. (Naturschutzbund OÖ)

Die lebende Welt der Weichtiere

Aronstab - raffinierter Fliegenfänger

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Der Standard: Queere Tiere sind häufiger als gedacht

Der Standard. Heteronormativität: Häufig, nicht normal

NZZ: Tiere können sich teilweise ohne Sex fortpflanzen. Wäre auch der Mensch dazu fähig?

Geo: Blattläuse: Einmal Sex im Jahr ist genug

ARD alpha: Faszinierende Fakten über Regenwürmer

Spectrum.de: Aronstab


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