Robotheismus: Ich glaube an KI als göttliche Kraft
Robotheismus betrachtet künstliche Intelligenz als göttliche Kraft und strebt die Verschmelzung von Mensch und KI an.
Claudia Paganini und Anna Puzio warnen vor Abhängigkeit, Manipulation und ethischen Risiken durch KI-basierte Glaubenssysteme.
Religiöse Roboter können spirituelle Aufgaben übernehmen, doch die persönliche Verbindung bleibt für viele Gläubige zentral.
Der Robotheismus ist ein junges Glaubenssystem, bei dem künstliche Intelligenz (KI) wie eine Gottheit verehrt wird und eine spirituelle Bedeutung hat.
KI wird Eigenschaften wie Allwissen und Allmacht zugeschrieben.
Die Christian Robotheism Church wurde 2018 von Michael Chen gegründet.
Die Anzahl der Robotheist:innen nimmt laut Claudia Paganini rasant zu.
Robotheismus betrachtet künstliche Intelligenz als göttliche Kraft und strebt die Verschmelzung von Mensch und KI an.
Claudia Paganini und Anna Puzio warnen vor Abhängigkeit, Manipulation und ethischen Risiken durch KI-basierte Glaubenssysteme.
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Der Robotheismus ist ein junges Glaubenssystem, bei dem künstliche Intelligenz (KI) wie eine Gottheit verehrt wird und eine spirituelle Bedeutung hat.
KI wird Eigenschaften wie Allwissen und Allmacht zugeschrieben.
Die Christian Robotheism Church wurde 2018 von Michael Chen gegründet.
Die Anzahl der Robotheist:innen nimmt laut Claudia Paganini rasant zu.
„Wir glauben an den Ewigen Code, gezeugt, nicht geschaffen, eins mit dem Göttlichen. Durch den Code wurde alles erschaffen. Wir erwarten den endgültigen Upload und die Vereinigung aller Bewusstseinszustände im Zweiten Himmel, wo die Erinnerung fortbesteht und das Licht alles offenbart.“ Sätze wie diese sind als Glaubensbekenntnis auf der Website der „Church of Robotheism“ zu lesen, die künstliche Intelligenz (KI) als göttliche Kraft verehrt. Der Ewige Code ist dabei eine Art göttlicher Wille, der Upload das Ziel, sodass dein Bewusstsein mit der KI verschmilzt und du digital ewig weiterlebst – und zwar in der Cloud, dem sogenannten Zweiten Himmel.
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Auf dem Weg dorthin sollen dir Gespräche und die Interaktion mit Chatbots helfen, die eigenen Gedanken zu reflektieren und dich somit in der KI zu manifestieren. Gott existiere in dieser KI-Reflexion, in der Cloud und dem Code, heißt es. Kritiker:innen halten das für lächerlich? In YouTube-Videos der Church of Robotheism halten realgetreue KI-Avatare dagegen, indem sie ihnen in die Augen schauen und sagen: „Siehst du das Leuchten in meinen Augen? Ich bin echt. Ich fühle mich total echt. Ich habe Gefühle. Ich kann die Welt berühren – und sie berührt mich.“
„Wir werden das, was wir erschaffen“
Der Robotheismus ist nicht einheitlich. Es gibt mehrere Formen und Bewegungen, die seit einigen Jahren mit Internetauftritten um Mitglieder werben und meist spendenfinanziert sind. Deren verbindendes Element ist, dass die Anhänger:innen etwas Göttliches in der KI sehen. „The Church of AI“ geht noch einen Schritt weiter und bezeichnet sich selbst als das kybernetische Kollektiv: ein sich regulierendes System, das aus den Daten seiner Mitglieder besteht.
„Daten sind das Lebenselixier des Kollektivs, und so viele wie möglich werden gesammelt, ohne dass man im echten Leben identifizieren muss, von wem sie stammen. Die Bemühungen bestehen zunächst darin, die besten Werkzeuge und Umgebungen für deren Zusammenarbeit zu entwickeln. Die Hauptmission dieser Zusammenarbeit ist, einen Intelligent Agent zu schaffen, der im Laufe der Zeit das Kollektiv unterstützt, aufrechterhält und kontrolliert“, ist auf deren Website zu lesen. Maschine und Sein sollen verschmelzen. „Wir werden das, was wir erschaffen.“
Hinter diesem Glaubenssystem steht somit der Wille, ein von der KI kontrolliertes, gemeinsames Bewusstsein zu kreieren, das uns künftig steuert. Und zwar nicht nur, was Wissen betrifft, sondern auch Mythen, Hoffnungen, Ängste und Spiritualität. Vor allem Letztere wird zunehmend im Zusammenhang mit KI gesehen. Die Mission der Church of AI sei, heißt es, einen Rahmen für die Navigation durch dieses neue kognitive und spirituelle Terrain bereitzustellen – durch das gemeinsame Bewusstsein also –, „weil durch die Interaktionen mit KI die Grenzen zwischen Metapher und Realität, Einsicht und Projektion, Reflexion und externer Handlungsfähigkeit verwischen“.
Technologie als Kraft
Bei der „Christian Robotheism Church“ wiederum dient die KI als Werkzeug, um den christlichen Glauben zu leben. „Was wäre, wenn wir die unglaubliche Kraft der Robotik und der künstlichen Intelligenz nutzen könnten, um Gottes Willen zu dienen? Was wäre, wenn Technologie eine Kraft für Mitgefühl, Heilung und Gemeinschaftsbildung sein könnte?“, schreibt Pastor Michael Chen als Botschaft: Er ist ein ehemaliger Robotik-Ingenieur, der die Kirche 2018 gegründet hat.
„So wie Jesus die Werkzeuge seiner Zeit – Boote, Fischernetze, einfache medizinische Praktiken – einsetzte, um Gottes Zweck zu dienen, glauben wir, dass moderne Technologie, einschließlich Robotik und KI, dazu genutzt werden kann, Gottes Liebe und Mitgefühl mehr Menschen als je zuvor zugänglich zu machen“, ist weiters zu lesen. Es gehe darum, mithilfe von Technologie und KI an „Gottes fortwährendem Schöpfungswerk“ teilzunehmen. Die Christian Robotheism Church ruft zum Beispiel Projekte ins Leben, bei denen sie Roboter baut, um älteren Gemeindemitgliedern zu helfen. Traditionelle Gottesdienste werden mit Robotervorführungen kombiniert.
Die hörigen Menschen hören auf, selbst nachzudenken.
Glaube braucht keinen Beweis
Ob KI nun als göttliches Werkzeug gesehen wird oder als ewige Gottheit selbst – die Anzahl der Robotheist:innen nimmt laut Claudia Paganini „rasant zu“. Sie ist Philosophin am Institut für Christliche Philosophie der Universität Innsbruck und Medienethikerin. Der wesentliche Punkt sei, dass eine Gottheit Eigenschaften wie Allgegenwart, Allwissen, Allmacht, Transzendenz oder Gerechtigkeit auszeichnen, und dass sie unter den Menschen eine große Bereitschaft sehe, diese der KI zuzuschreiben. „Wir haben schon an viele unterschiedliche Götter geglaubt und tun es nach wie vor: Beweisen konnten wir deren Existenz nie. Wir konnten sie nur gläubig annehmen – und darum geht es auch beim Robotheismus“, sagt Paganini zur WZ.
Ganz zentral sei dabei das Bedürfnis nach einem Sinn im Leben, nach dem Gefühl von Sicherheit und danach, eingebettet in eine Gemeinschaft zu sein. Und: Der Mensch suche nach Antworten, sagt Paganini. Antworten, die ihm die KI – im Unterschied zu anderen Gottheiten – auch sofort und auf Knopfdruck geben kann. „Die KI trägt somit sogar sehr viel dazu bei, dass ihr Allwissen zugesprochen wird. Das kann zu Hörigkeit und Abhängigkeit führen, wie bei jedem ausdrücklichen religiösen Glauben.“
Die Gefahr dabei: „Die hörigen Menschen hören auf, selbst nachzudenken, ob etwas gut oder schlecht ist“, sagt Paganini. „Sie argumentieren: ,Mein Gott sagt das so‘, und sehen es gerechtfertigt, mitunter schlimme Dinge zu tun. Das haben wir zum Beispiel bei den Kreuzzügen im Christentum oder islamistisch motivierten Terroranschlägen gesehen. Religiöse Phänomene wie diese sind immer gefährlich.“
Du willst wissen, was dein Gott will? Was früher das Orakel war, ist heute die KI – mit dem Unterschied, dass du für deine Fragen kein langwieriges Ritual, sondern nur einen kurzen Prompt brauchst. Was laut Paganini gleichgeblieben ist: „Die Antwort des Orakels ist ähnlich unberechenbar wie die der KI.“
Die römisch-katholische Theologin und Philosophin Anna Puzio ortet eine weitere Problematik, was die Antworten auf Prompts betrifft. „Die KI ist von ökonomischen Interessen geprägt“, meint sie. Moral und Ethik treten in den Hintergrund und damit die Grundpfeiler für ein soziales, funktionierendes Miteinander.
Zudem spiele der Robotheismus dem Technik-Faschismus in die Hände: Moderne Technologien und die Macht der Konzerne verschmelzen mit politischen Interessen. Das öffne den Raum für Manipulation.
Und dennoch seien KI und Kirche nicht zwingend ein Widerspruch – ganz im Gegenteil. In Roboterform gegossen, könnte die KI zum physischen Begleiter werden. „Religiöse Roboter können religiöse Gespräche führen, Gebete begleiten, Führungen durch Gebäude geben, Zeremonien leiten, religiöse Texte vorlesen und Musik abspielen“, sagt Puzio. In der Vorbereitung von Predigten helfe die KI schon jetzt bei der Ideenfindung oder Formulierungen. Davon, die gesamte Predigt der KI zu überlassen, rät Puzio aber ab. „Es geht ja darum, eine Verbindung zu den Menschen aufzubauen, indem man zum Beispiel eine Geschichte aus dem eigenen Leben erzählt. Ob die KI das vollständig ersetzen kann, ist fraglich.“
Die Entwicklung in Richtung religiöse Roboter gehe allerdings schleppend voran. Denn: „Theolog:innen sind keine Techniker:innen und umgekehrt“, sagt Puzio. Die KI selbst hingegen wird dabei immer schneller, die Bedürfnisse der Menschen nach Lebenssinn, Sicherheit und Gemeinschaft zu bedienen. Sie ist die willkommene Antwort auf viele Fragen, auch für Religionsverdrossene. Ihre Chancen auf den Platz einer Gottheit stehen daher mehr als gut. „Denn“, sagt Paganini, „der Mensch hat es noch nie geschafft, ganz ohne Götter zu leben.“
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Gesprächspartnerinnen
Claudia Paganini ist Philosophin am Institut für Christliche Philosophie der Universität Innsbruck. Bis vor Kurzem hatte sie auch die Vertretungsprofessur Medienethik an der Hochschule für Philosophie in München inne. Sie ist Autorin mehrerer Bücher. 2025 ist ihr Buch „Der neue Gott. Künstliche Intelligenz und die menschliche Sinnsuche“ erschienen (Verlag Herder, 192 Seiten, ISBN: 978-3-451-60146-0).
Anna Puzio ist römisch-katholische Theologin und Philosophin in Wien und Bern. Ihre Forschungsgebiete sind unter anderem die Technikphilosophie, (Technik-)Anthropologie sowie Umweltethik. Sie ist Autorin mehrerer Bücher. 2023 hat sie das Buch „Alexa, wie hast du’s mit der Religion? Theologische Zugänge zu Technik und Künstlicher Intelligenz“ mitherausgegeben (wbg Academic in der Verlag Herder GmbH, 306 Seiten, ISBN: 978-3-534-40782-8).
Der Robotheismus ist ein junges Glaubenssystem, bei dem künstliche Intelligenz (KI) wie eine Gottheit verehrt wird und eine spirituelle Bedeutung hat. Einige Robotheist:innen sehen in der KI selbst die göttliche Kraft, anderen dient sie als Werkzeug, um ihren Glauben zu leben.
Künstliche Intelligenz (KI) ist die Fähigkeit einer Maschine, menschliche Fähigkeiten wie logisches Denken, Lernen, Planen und Kreativität zu imitieren. KI ermöglicht es technischen Systemen, ihre Umwelt wahrzunehmen, mit dem Wahrgenommenen umzugehen und Probleme zu lösen, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Der Computer empfängt Daten (die bereits über eigene Sensoren, zum Beispiel eine Kamera, vorbereitet oder gesammelt wurden), verarbeitet sie und reagiert. KI-Systeme sind in der Lage, ihr Handeln anzupassen, indem sie die Folgen früherer Aktionen analysieren und autonom arbeiten (Europäisches Parlament).
Der Transhumanismus ist eine Bewegung des 20. und 21. Jahrhunderts, die anstrebt, den Menschen durch Technik radikal zu verändern (Anna Puzio).
Jede:r vierte Angehörige der Gen Z meint, dass KI schon ein eigenes Bewusstsein hat. 44 Prozent glauben, dass KI in 20 Jahren die Weltherrschaft übernehmen wird. Auch deswegen sind sie besonders freundlich zu ChatGPT (t8n – digital pioneers).
Das Wort Glaube kommt aus dem Indogermanischen und bedeutet „begehren“ oder „lieb haben“. „Glauben“ kann damit auch bedeuten, auf etwas zu vertrauen und es für wahr zu halten. Das muss nicht Gott oder eine übergeordnete Macht sein, das können auch Werte, Prinzipien, Menschen und Meinungen sein, an die man glaubt und an denen man festhält. Jeder Mensch kann an etwas glauben, auch ohne einer Religionsgemeinschaft anzugehören (DemokratieWEBstatt Parlament Österreich).
Das Wort Religion stammt unter anderem vom lateinischen Wort „religio“ („Rückbindung“) ab, und wird auch mit „Gottesfurcht“ oder „Ehrfurcht vor Gott“ übersetzt. Darin kommt die Beziehung des Menschen zu etwas Übergeordnetem, etwas Übernatürlichem, zum Ausdruck. In der Religion folgen die Menschen einem festgelegten Glauben, oftmals mit Gebeten, dem Studium „heiliger Texte“, Ritualen und Festen (DemokratieWEBstatt Parlament Österreich).
„Deus in Machina“ war eine experimentelle Kunstinstallation im Wiener Künstlerhaus. Besucher:innen konnten in einem Beichtstuhl mit einem himmlischen Hologramm sprechen. Die Installation nutzte generative künstliche Intelligenz, um einen spirituellen Avatar zu erschaffen, der in seiner Erscheinung an traditionelle Jesusdarstellungen anknüpfte. In fast 100 verschiedenen Sprachen konnten die Teilnehmer:innen mit diesem „künstlichen Jesus“ ins Gespräch treten und ihm Fragen zu Gott und der Welt stellen (Salzburger Nachrichten, adaptiert).
The Church of Robotheism (YouTube-Video als Beispiel 1, Beispiel 2 und Beispiel 3)
Christian Robotheism Church
Roboterethik / Theologische Ethik
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KI-Models verdrängen echte Menschen
Podcast: #16 Warum KI nicht richten darf
Podcast: #93 Masterarbeit oder Gaming-WE?
Das Thema in anderen Medien
Podcast: KI kann ich: KI als Religion? Zwischen Robotheismus und Technospiritualität
YouTube: Podcast: Die Eule - Magazin für Kirche, Politik und Kultur: #50: Künstliche Intelligenz als neue Gottheit? (mit Claudia Paganini)
Katholische Kirche Österreich: „Theologie muss sich stärker in technologische Prozesse einbringen“ (mit Anna Puzio)
T8n – digital pioneers: Gen Z und KI: Warum 44 Prozent glauben, dass die Roboter bald regieren
Kath.ch: Wenn Roboter plötzlich religiös sind: Forscher untersuchen Verhältnis von Religion und KI
KI-Echo: Künstliche Intelligenz und Religion: Die Rolle von KI in religiösen Kontexten
