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Das Privileg, aus der Ferne zu leiden

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10.03.2026

Ich habe nie im Iran gelebt. Und trotzdem begleitet mich dieses Land seit meiner Kindheit wie ein Schatten. Seit den 1980er-Jahren ist es immer nur schlimmer geworden: Krieg(e), Sanktionen, Inflation, Repression, Aufstände. Hoffnungen, die im Westen regelmäßig ausgerufen und ebenso regelmäßig wieder begraben wurden. Für mich ist der Iran kein abstraktes geopolitisches Problem, sondern ein Dauerzustand von Sorge um meine Großeltern, mit denen ich in meinen ersten Lebensjahren viel Zeit verbracht habe, bis sie wieder „heimgezogen“ sind.

Kennst du schon?: „Ihr seid alle Epstein“

Als Kind spürte ich die Schwere, lange bevor ich die Worte verstand. Erwachsene sprachen leiser, wenn in den Nachrichten wieder über den Iran berichtet wurde. Immer diese Unsicherheit: Geht es meiner Familie gut? Gibt es Wasser, Strom, funktionierende Telefonleitungen? Wir saßen stundenlang am Festnetztelefon, wählten Nummern, immer wieder, bis vielleicht eine Leitung frei war. Man schrie gegen das Rauschen an, froh über ein paar abgehackte Sätze. Die blau-rot umrahmten Airmail-Kuverts waren ein Ereignis. Ein Lebenszeichen.

Später kamen die Fragen. Immer wieder. Nett gemeint, neugierig, manchmal empathisch und trotzdem erschöpfend. „Warum trägst du eigentlich kein Kopftuch?“ Als wäre Identität eine Kleidungsfrage. Ständiges Erklären, Rechtfertigen, Einordnen. Nach 9/11 dann die Sicherheitskontrollen: „zufällig“ immer bei mir, trotz amerikanischem Pass. Blicke. Die unausgesprochene Annahme, dass (vermeintliche) Herkunft Gefahr bedeutet. Dauernd etwas erklären müssen, wofür man nichts kann. Ich will das nicht mehr. Ich will nicht mehr gefragt werden.

Der Willkür ausgesetzt

Für eine kurze Zeit konnte ich ein paar Mal sogar einreisen. Jedes Mal mit Herzrasen, bis ich wieder sicher zu Hause war. Im Iran spürt man sofort, wie sehr man der Willkür von Polizei, Sittenwächtern und Militär ausgesetzt ist. Die Umarmungen waren alles wert. Endlich wieder bei den Großeltern. Draußen waren wir kaum. Ich wollte nur ihren Alltag teilen.

Nicht alles entsprach dem westlichen Bild vom Iran. Im Unterschied zu vielen Nachbarstaaten dürfen Frauen hier studieren und arbeiten, sie bewegen sich selbständig durch den öffentlichen Raum, sind präsent. An Universitäten sind sie teils in der Mehrheit. Ich erinnere mich an den damaligen Staatspräsidenten Mahmud Ahmadinejad, der live im Staatsfernsehen jüdischen Mitbürger:innen zu einem Feiertag gratulierte. An Feiern, die hinter verschlossenen Türen stattfinden mussten. Ein Land voller Widersprüche, das der Westen kaum versteht.

Und dann diese westlichen Hoffnungen: Proteste, Aufstände, „schlaue“ Sager. Jedes Mal wussten wir schon von Anfang an: Es wird nichts ändern. Nicht aus Mangel an Mut, sondern weil eine realistische Nachfolgelösung fehlt. Der oft genannte Sohn des Schahs ist keine: Sein Vater hat mit Korruption, Überwachung und Repression überhaupt erst den Boden für die islamische Revolution bereitet. Geschichte wiederholt sich hier nicht als Erlösung.

Wer Angehörige im Iran hat, lebt seit fünfzig Jahren in permanenter Sorge. Nicht punktuell, sondern ständig. Angst vor Krieg, Geldentwertung, Abschaltungen, Verhaftungen. Und mit schlechtem Gewissen, denn: Ein paar andere Lebensentscheidungen der Eltern, und man wäre selbst auch dort.

Fünfzehn Jahre Erinnerungen geraubt

Technologie wird zum Rettungsanker. Messenger-Dienste sind keine nervigen Familienchats. Sie sind Nähe. Teilhabe. Ein „Guten Morgen“, ein Foto, eine Sprachnachricht, im Subtext immer: Ich bin noch da. Wenn diese Verbindung gekappt wird, bleibt reine Verzweiflung. Weil alles andere längst fehlt. Keine Sonntagsessen bei den Großeltern. Keine Umarmungen. Keine verschwörerischen Blicke des Großvaters, der heimlich das Lieblingsobst aufgehoben hat.

Ich möchte schreien. Vor allem die wenigen mächtigen Männer anschreien, die mir fünfzehn Jahre Erinnerungen mit meinen Großeltern geraubt haben. Zeit, die nicht nachholbar ist.

Vielleicht gibt es eines Tages wirkliche Freiheit. Der Blick auf „befreite“ Nachbarländer lässt mich zweifeln. Es ist ein langer Weg.

Neulich sagte ein Freund: „Bist du nicht froh, dass deine Oma schon gestorben ist?“

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Seit 28. Februar 2026 greifen Israel und die USA den Iran an. Hunderte Ziele im Iran wurden angegriffen; dazu zählen militärische Infrastruktur wie Raketenabschussrampen, Anlagen des Atomprogramms, Hauptquartiere der Militärführung sowie Vertreter der politischen Führung. Unter anderem wurde der 86-jährige Revolutionsführer Ali Chamenei getötet, der als zweiter Revolutionsführer nach Ayatollah Ruhollah Khomeini seit 1989 die oberste Autorität des Landes war. Außerdem sollen laut Angaben des Roten Halbmonds insgesamt mindestens 787 Menschen ums Leben gekommen sein. Mehr als 100.000 Rettungskräfte seien im Einsatz, hieß es in einer Mitteilung der humanitären Organisation im Iran.

Der Iran reagiert mit Gegenangriffen auf Israel und auf US-Militärstützpunkte in den Golfstaaten, die bis zuletzt versucht haben, sich aus dem Konflikt herauszuhalten, allerdings zum Teil im Vorfeld verkündeten, dass die USA ihren Luftraum für einen Angriff nicht nutzen dürfen. Außerdem hat die iranische Führung erklärt, sie werde die Meerenge von Hormus blockieren. Durch diese verläuft etwa ein Fünftel des weltweiten Erdöltransits, wodurch der Ölpreis in die Höhe geschossen ist.

Die Informationslage ist im Iran sehr schwierig, da das Internet wieder gesperrt wurde. Dies erschwert die Kommunikation mit Angehörigen im In- und Ausland. Viele Iraner:innen flüchten aus den Ballungsräumen in den Norden des Landes.

Sorge, Angst, Hoffnung und Freude – all das ist berechtigt

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Energieexperte Alfred Schuch über den Iran-Krieg (Video)

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ORF: Liveticker zur aktuellen Lage

New York Times: Ayatollah Ali Khamenei’s Son Emerges as Leading Choice to Be His Successor

Spiegel: Dieser Mann soll retten, was vom Regime in Teheran übrig ist

Iran Wire: New York Times Confirms IranWire’s Report on Larijani’s Expanding Power and New Responsibilities

New York Times: Nachruf Ali Khaemeini

hengaw.net: Aktuelle Menschenrechtslage im Iran


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