„Teile, was du hast“
Anthony Mascarenhas deckte als Journalist den Völkermord in Bangladesch auf und musste deshalb mit seiner Familie nach London fliehen.
Keith Mascarenhas und Daniel Rhomberg sehen sich als Weltbürger und führen am Lanser See ein multikulturelles Gastronomieprojekt.
Die Familie Rhomberg/Mascarenhas möchte den Lanser See als sozialen Treffpunkt etablieren und teilt ihre Werte durch innovative Gastronomie.
Lanser See liegt in Lans bei Innsbruck, Einwohnerzahl: ca. 3.000
Anthony Mascarenhas deckte 1971 den Völkermord in Bangladesch auf
Der Völkermord forderte zwischen 500.000 und 3 Millionen Tote
Seit 2 Jahren Foodtrucks der „Koi Bar“ in Innsbruck und im Hofgarten
Anthony Mascarenhas deckte als Journalist den Völkermord in Bangladesch auf und musste deshalb mit seiner Familie nach London fliehen.
Keith Mascarenhas und Daniel Rhomberg sehen sich als Weltbürger und führen am Lanser See ein multikulturelles Gastronomieprojekt.
Die Familie Rhomberg/Mascarenhas möchte den Lanser See als sozialen Treffpunkt etablieren und teilt ihre Werte durch innovative Gastronomie.
Lanser See liegt in Lans bei Innsbruck, Einwohnerzahl: ca. 3.000
Anthony Mascarenhas deckte 1971 den Völkermord in Bangladesch auf
Der Völkermord forderte zwischen 500.000 und 3 Millionen Tote
Seit 2 Jahren Foodtrucks der „Koi Bar“ in Innsbruck und im Hofgarten
Keith Mascarenhas trägt einen langen Mantel und seine schwarze Rundbrille. „Get me some coffee, please“, sagt er im Londoner Akzent zu einem Angestellten hinter der Bar. Manche würden meinen, dass Keiths Erscheinung eher in eine der großen Metropolen der Welt passen würde: New York, Berlin oder eben London, wo er viele Jahre verbracht hat. Doch stattdessen sitzt er in seinem Lokal mit Sicht auf dem Patscherkofel am Lanser See in der Gemeinde Lans bei Innsbruck. Insgesamt leben hier und in der benachbarten Ortschaft Igls gerade einmal knapp über 3.000 Menschen. Im Winter wimmelt es von Schitourist:innen, während im Sommer vor allem Mountainbiker:innen und Wander:innen die beliebte Gegend, die nur wenige Minuten entfernt von Innsbruck-Stadt liegt, besuchen.
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Dem Ort ist Keith seit Jahrzehnten verbunden, denn von hier stammt auch die Familie seiner verstorbenen Ehefrau und somit auch seines Sohnes Daniel Rhomberg, der neben ihm sitzt. Rhomberg, dessen Gesichtszüge an jene seines indischen Großvaters erinnern, entstammt mütterlicherseits einer alten Tiroler Familie, die ihre Wurzeln in Vorarlberg hat. Wer sich mit den Rhombergs beschäftigt, stellt schnell fest, wie weit ihr Stammbaum zurückreicht. Aufregende Details inklusive. Die Vorfahren der späteren Textilgroßindustriellen waren im Mittelalter Raubritter. Die Grundstücke rundum den See erwarben sie im 19. Jahrhundert, als die Familie nach Tirol expandierte und dort zu einem wirtschaftspolitischen Machtfaktor wurde. Eine Badekultur gab es damals noch nicht. „Der See war anfangs einfach dabei. Zum Wirtschaftsfaktor wurde er erst später“, sagt Daniel Rhomberg.
Die Familie seiner Mutter wuchs reich und privilegiert auf. Daniel selbst verbrachte seine ersten Lebensjahre allerdings mit seinem Vater Keith in London. Englisch bezeichnet er bis heute als seine Erstsprache. „Das war dann ein bisschen ein Problem, als wir nach Lans kamen“, erinnert sich Rhomberg heute. Innerhalb von sechs Monaten musste er Deutsch lernen, um die Volksschule besuchen zu dürfen. Von der Londoner Metropole in die Tiroler Bergtourismus-Pampa. „Es war ein krasser Kontrast zum diversen London, wo meine oder die Existenz meines Vaters etwas völlig Normales war und zum Alltag gehörten“, so Daniel Rhomberg.
Sowohl Keith als auch Daniel sehen sich als Weltbürger. Heimat oder Zuhause bedeutet für sie nicht nur Tirol, sondern vieles, was darüber hinausgeht – und mit dem wahrscheinlich viele Menschen, die vor allem im Sommer den Moorsee mit Alpenpanorama zur Abkühlung aufsuchen, nicht rechnen.
Der Grund für jene Werte, die Vater und Sohn heute vertreten, heißt Anthony Mascarenhas, Keiths Vater und Daniels Großvater. Die heute fast schon vergessene Journalistenlegende wirkte vor mehr als einem halben Jahrhundert in jener Region, die heute viele als Südasien bezeichnen würden. Als Kind von aus Goa stammenden, indisch-katholischen Eltern erlebte Anthony Mascarenhas Mitte des 20. Jahrhunderts das Ende der britischen Kolonialherrschaft sowie die Geburt zweier neuer Nationalstaaten: Indien und Pakistan.
Im pakistanischen Karatschi, wo die Familie lebte, wuchs Mascarenhas mit jenen Menschen auf, die die Politik der Region in den Jahrzehnten darauf dominieren würden. Unter ihnen befanden sich etwa Zulfikar Ali Bhutto, unter dessen Amtszeit als Premierminister Pakistan als Atommacht aufgestiegen ist, oder Mujib ur-Rahman, dem Initiator der Unabhängigkeit Bangladeschs. Der Krieg, der aufgrund von Letzterem ausbrach, führte letztendlich dazu, dass die Familie Mascarenhas nach London flüchten musste. „Er hat den Genozid in Bangladesch aufgedeckt. Danach war er in Pakistan nicht mehr sicher“, erinnert sich Keith Mascarenhas heute.
Als Bangladesch Ende der 1960er-Jahre seine Unabhängigkeit ausrief, um sich von Pakistan zu lösen, brach ein blutiger Krieg aus. Islamabad wollte die Region, die bis dato als „Ostpakistan“ bekannt war, nicht aufgeben und schickte zahlreiche Truppen dorthin, um jeglichen Aufstand niederzuschlagen. Die Militärkampagne mündete in einen Völkermord, der unterschiedlichen Schätzungen zufolge zwischen 500.000 und drei Millionen Menschen das Leben kostete. Mascarenhas wurde ursprünglich im Auftrag der pakistanischen Regierung, in der viele seiner alten Freunde saßen, dorthin geschickt – eingebettet in die Armee. Doch als er die Gräuel sah, konnte er nicht zugunsten Pakistans berichten. „Mein Vater verpflichtete sich der Wahrheit und seinem journalistischen Ethos. Er bezahlte einen hohen Preis dafür“, so Keith.
Am 13. Juni 1971 erschien in der britischen Sunday Times Mascarenhas Bericht aus Bangladesch mit dem Titel „Genocide“. Darin schilderte er die systematische Gewalt an bengalischen Zivilist:innen, Massaker in zahlreichen Dörfern und pakistanische Offiziere und Generäle, die mit ihren Kriegsverbrechen prahlten. Erst durch Mascarenhas’ Arbeit stieg das internationale Interesse an dem Völkermord. Sie führte auch dazu, dass die globale Unterstützung für Bangladeschs Unabhängigkeitsbewegung wuchs und letzten Endes dazu führte, dass ein neuer Staat in der Region geboren wurde.
Ein Leben zwischen den Welten
In Großbritannien war für die Familie Mascarenhas vieles neu und gewohnt zugleich. Menschen aus dem indischen Subkontinent ließen sich auch damals in London zuhauf finden. Unterschiede zwischen ihnen spielten im Vergleich zu den jungen Nationalstaaten, sprich ihren Herkunftsländern, kaum eine Rolle. In Karatschi hatte sich Keith Mascarenhas als Christ einst behaupten müssen. Religiöser Fanatismus und Ethnonationalismus waren aufgekeimt. „Mir wurde damals oft gesagt, dass ein Christ nicht zu Pakistan gehören könne“, so Mascarenhas. Seinem Vater sei immer wieder „empfohlen“ worden, zum Islam zu konvertieren, um in der Medienwelt eine ordentliche Führungsposition zu erhalten. „Er wehrte sich dagegen. Im alten Indien spielten diese Unterschiede keine Rolle, doch plötzlich waren viele Brüche da“, erzählt Keith der WZ beim Gespräch am Lanser See. Auch die Gastronomie, die Keith gemeinsam mit seinem Sohn betreibt, ist von jener Diversität geprägt, mit der dieser einst aufgewachsen ist. Bis heute besitzt er ausschließlich die indische Staatsbürgerschaft.
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Die damalige Entscheidung, nach Tirol zu ziehen, bereut Keith Mascarenhas bis heute nicht – obwohl er immer noch kein Deutsch spricht. „Ich wollte, dass mein Sohn bei der Familie seiner Mutter, die nach seiner Geburt verstarb, aufwächst. Er sollte sie kennenlernen“, sagt dieser. Jedes Migrantenkind, dass in der damaligen Zeit in Tirol aufwuchs, weiß, dass das nicht immer einfach war. Selbst im kleinen, aber internationaler wirkenden Innsbruck wurde man damals schnell schief angeschaut. „Davon ließ ich mich nicht beeindrucken. Mir als Weltbürger, der schon damals so viele Länder kannte, taten manchmal eher die provinziellen Tiroler leid“, sagt Mascarenhas. Wie wichtig ihm seine indischen Wurzeln bis heute sind, merkt man ihm an. Am Besten versteht er sich mit den Arbeitskräften in seinem Restaurant: Pakistaner, Bangladescher, Iraker, Afghanen, Spanier aber auch einheimische Tiroler:innen, die mit dem „See“ zusammengewachsen sind. In der Küche packt Mascarenhas gerne selbst an, während auf Urdu oder Englisch geflucht und gescherzt wird.
London, Los Angeles – wie wäre es mit Lans?
Der Ausgangspunkt von alldem war das Jahr 2016. Daniel Rhomberg, der damals in Wien lebte, stand vor dem Abschluss seines Architekturstudiums. Zeitgleich zerbrach sich Adi, sein 90-jähriger Großvater mütterlicherseits, den Kopf über die Zukunft des Sees. Er griff zum Hörer und rief seinen Enkel an. „Er wollte wissen, was meine Pläne nach dem Studium seien. Ich sagte daraufhin, dass mir die Türen offenstehen würden, um nach London oder Los Angeles zu ziehen“, erinnert sich Rhomberg. „Wie wäre es stattdessen mit Lans?“, war die Reaktion seines Großvaters.
Jahrelang hatten die anderen Erben den Lanser See verkommen lassen. Hinzu kamen zahlreiche Fehden und Streitigkeiten. Nun lag es an Daniel Rhomberg, der weiten Welt den Rücken zu kehren und zu Hause aufzuräumen. Gemeinsam mit seinem Freund Matthias Stöger sowie seinem Vater Keith begann er damals anzupacken. Monatelang wurde abgerissen, geschuftet und gebaut. Dabei gelang es Rhomberg auch, sein erlerntes Wissen als Architekt eindrucksvoll anzuwenden, wie man heute etwa anhand der zahlreichen stilistischen Räume am See bewundern kann.
Das Kernstück der See-Gastronomie ist allerdings die „Koi-Bar“, in der japanisch-indische Fusionsgerichte serviert werden, sowie die darüber liegende Galerie, in der regelmäßige Events stattfinden. Ausgestellt sind neben fernöstlichen Artefakten auch die Gemälde des Hauses Rhomberg. „Wir haben mittlerweile viele Stammgäste sowie Firmen aus der Region, die hier jährlich Hochzeiten oder Weihnachtsfeiern zelebrieren“, sagt Rhomberg.
Laut Rhomberg, Mascarenhas und Stöger ist die Zukunftsvision für den Lanser See klar ausgerichtet: Im Schatten der Dystopien des 21. Jahrhunderts sowie einer KI-Revolution, die womöglich auch mehr Freizeit schaffen wird, soll der See nicht nur im Sommer zu einem „Mittel gegen Einsamkeit“ werden. „It’s a social business“, sagt Keith Mascarenhas entschieden. Die Technologie habe sich verändert, doch die Grundbedürfnisse der Menschen würden stets dieselben bleiben.
In den letzten zwei Jahren hat der See in gewisser Art und Weise expandiert. Zwei Foodtrucks der „Koi Bar“ lassen sich mittlerweile in der Innsbrucker Innenstadt sowie im Hofgarten finden. Dadurch lässt sich etwa das beliebte Ramen oder auch das indische Dal-Gericht, das auf einem Rezept von Mascarenhas’ Mutter beruht, an der Innpromenade oder anderswo genießen. „Teile, was du hast – diese Lebenseinstellung wurde mir schon früh mitgegeben. Sie kommt von meinem Großvater“, resümiert Daniel Rhomberg.
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Anthony Mascarenhas war ein Journalist südasiatischer Herkunft, der vor allem durch seine Berichterstattung über den Krieg von 1971 in Ostpakistan international bekannt wurde. Er wurde 1928 in Belgaum im damaligen Britisch-Indien geboren und wuchs in Karatschi auf, wo er auch seine journalistische Laufbahn begann.
Zunächst arbeitete er für pakistanische Zeitungen und gehörte zu den wenigen Reportern, die während der militärischen Operationen im damaligen Ostpakistan Zugang zu den Konfliktgebieten erhielten. Dort wurde er Zeuge massiver Gewalt gegen die Zivilbevölkerung, über die er in Pakistan jedoch nicht frei berichten konnte. Mascarenhas floh deshalb nach London und veröffentlichte im Juni 1971 in der Sunday Times einen vielbeachteten Bericht, der die internationale Aufmerksamkeit auf die Ereignisse lenkte und die Wahrnehmung des Bangladesch-Kriegs von 1971 stark beeinflusste. Später verarbeitete er seine Recherchen und politischen Analysen in mehreren Büchern, darunter The Rape of Bangladesh und Bangladesh: A Legacy of Blood. Er starb 1986 in London, gilt aber bis heute als einer der wichtigsten journalistischen Augenzeugen dieses Konflikts.
Indien, Pakistan und Bangladesch: Zur Zeit des Bangladesch-Kriegs von 1971 war Südasien stark von den Spannungen zwischen Indien und Pakistan geprägt, die bereits seit der Teilung Britisch-Indiens 1947 in Rivalität standen. Pakistan bestand damals aus zwei geografisch getrennten Teilen, Westpakistan und Ostpakistan (dem heutigen Bangladesch), zwischen denen große sprachliche, wirtschaftliche und politische Unterschiede bestanden. Nach einem Wahlsieg der ostpakistanischen Partei Awami League 1970 verweigerte die Militärführung in Westpakistan die Machtübergabe, was zu Protesten und schließlich zu einer militärischen Niederschlagung in Ostpakistan führte.
Die Gewalt, die Fluchtbewegungen und der Widerstand der bengalischen Unabhängigkeitsbewegung führten 1971 zu einem offenen Krieg. Indien griff im Dezember 1971 militärisch ein, unterstützte die Unabhängigkeitskräfte und besiegte die pakistanischen Truppen in Ostpakistan innerhalb weniger Wochen. Daraus entstand der neue Staat Bangladesch, während Pakistan politisch und militärisch geschwächt aus dem Konflikt hervorging. Der Krieg veränderte das Machtgefüge in Südasien nachhaltig und verschärfte zugleich die langfristige Rivalität zwischen Indien und Pakistan.
Lanser See und Familie Rhomberg: Der Lanser See ist ein kleiner Moorsee auf einem Mittelgebirgsplateau südöstlich von Innsbruck in Tirol. Er liegt auf etwa 840 Metern Höhe und ist von Wiesen und Wald umgeben, was ihn seit dem 19. Jahrhundert zu einem beliebten Ausflugsziel macht. Der See wurde früh touristisch erschlossen und entwickelte sich besonders im 20. Jahrhundert zu einem bekannten Naturbad für die Region Innsbruck. Aufgrund seiner relativ geringen Tiefe erwärmt er sich im Sommer schnell, was das Baden begünstigt. Heute ist der Lanser See Teil eines geschützten Landschaftsraums und zugleich ein wichtiger Naherholungsort.
Die Familie Rhomberg ist eine Unternehmer- und Industriellenfamilie aus Vorarlberg, die seit dem 19. Jahrhundert vor allem in der Textilindustrie sowie später im Bau- und Infrastruktursektor tätig war. Verschiedene Zweige der Familie gründeten oder leiteten Unternehmen, aus denen unter anderem die heutige Rhomberg Gruppe hervorging, die in Bauwesen, Bahntechnik und Projektentwicklung aktiv ist. Wie viele wohlhabende Unternehmerfamilien der Habsburgermonarchie investierten einzelne Mitglieder auch in Immobilien und Freizeitprojekte, wodurch ihr Name in unterschiedlichen Regionen Österreichs auftaucht. Historisch steht die Familie beispielhaft für die Industrialisierung im westlichen Österreich und den Übergang von der Textilproduktion zu diversifizierten Industriekonzernen im 20. Jahrhundert. Bis heute ist der Name Rhomberg in Wirtschaft und regionaler Geschichte vor allem in Vorarlberg und Tirol präsent.
