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Zurück zum Mond, aber nicht nach vorn: Warum Artemis II enttäuscht

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13.04.2026

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Zurück zum Mond, aber nicht nach vorn: Warum Artemis II enttäuscht

13. April 2026 | Rainer Zitelmann

Der Start der neuen NASA-Rakete sollte Geschichte schreiben – doch Kritiker sehen Stillstand. Warum private Raumfahrt der eigentliche Fortschritt ist

Ich habe mich ebenfalls über Artemis II gefreut – und trotzdem geht mir die NASA-Propaganda von den „historischen Rekorden“ auf die Nerven.

Tatsache ist: 1969 waren wir weiter als heute. Damals sind Amerikaner auf dem Mond gelandet, heute fliegen sie nur vorbei. Lautstark wurden von der NASA „Rekorde“ verkündet, nur weil man ein paar tausend Kilometer weiter geflogen ist als damals. Nein, es ist kein „historisches“ Ereignis, im Wesentlichen das zu wiederholen, was man schon vor fast 60 Jahren getan hat.

Fortschritt der privaten Raumfahrt

Der wirkliche Fortschritt hat in der privaten Raumfahrt stattgefunden. Die Kosten des SLS-Systems der NASA sind gigantisch – sie liegen pro Flug bei vier Mrd. Dollar. Musk dagegen hat die Startkosten im Vergleich zum Shuttle um mehr als 90 Prozent reduziert. SLS ist nach wie vor eine Wegwerfrakete, wie die Saturn V der sechziger Jahre, während die gleiche Falcon 9 Rakete von SpaceX schon 34 Mal geflogen ist.

Am 14. Dezember 1972 verließen die letzten Menschen die Oberfläche des Mondes. Mehr als ein halbes Jahrhundert sollte vergehen, bis Astronauten wieder in die Nähe des Mondes kamen. Für Verschwörungstheoretiker, die behaupten, die sechs Mondlandungen zwischen 1969 und 1972 seien in einem Fernsehstudio inszeniert worden, schien diese lange Pause wie eine Bestätigung. Doch deren Theorien sind längst widerlegt – und im Übrigen hätten die Sowjets einen solchen Betrug schon 1969 sofort entlarvt.

Warum also dieses verlorene halbe Jahrhundert?

Erstens: Nachdem das Rennen zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion entschieden war, gab es keinen zwingenden Anreiz mehr, zum Mond zurückzukehren.

Zweitens: Die staatlich geprägte Raumfahrt in den folgenden Jahrzehnten – insbesondere im Bereich der bemannten Raumfahrt mit dem Space-Shuttle-Programm – war eine große Enttäuschung. Nach dem Ende des Programms im Jahr 2011 waren die USA nicht einmal mehr in der Lage, ihre eigenen Astronauten mit eigenen Raketen zur Internationalen Raumstation ISS zu bringen. Stattdessen waren sie auf die alten russischen Sojus-Raketen angewiesen, wobei Moskau sich sein Monopol teuer bezahlen ließ.

Der Durchbruch kam erst mit dem Aufstieg der privaten Raumfahrt. Seit 2020 bringen amerikanische Raketen wieder amerikanische Astronauten von amerikanischem Boden in den Orbit – diesmal mit Systemen, die von dem privaten Unternehmen SpaceX nach eigenen Entwürfen und Geschäftsmodellen entwickelt und betrieben werden, und nicht mit staatlich konzipierten Systemen, die von Auftragnehmern unter enger NASA-Regie gebaut werden. Von 324 Raketenstarts weltweit wurden im vergangenen Jahr 165 von SpaceX durchgeführt. Wäre SpaceX ein Land, dann wäre es Nr.1, weit vor China mit 88 Starts.

Was kommt als Nächstes?

Ein neuer Wettlauf zum Mond hat begonnen, diesmal zwischen den Vereinigten Staaten und China. Der nächste Wettlauf – und der weitaus wichtigere – wird ebenfalls zwischen diesen beiden Ländern stattfinden: der Wettlauf zum Mars.

Doch nationales Prestige und das Streben, einen Wettlauf zu gewinnen, reichen als langfristige Motivation nicht aus. Nach der Mondlandung wurde Wernher von Braun, der Chefarchitekt des Apollo-Programms, nach der Zukunft der Raumfahrt gefragt. Seine Antwort war eindeutig: Raumfahrt muss für die Menschen auf der Erde nützlich sein – und profitabel! Raumfahrtprojekte sollten sich selbst tragen, so von Braun.

Ohne ökonomische Anreize werden die nächsten wirklich großen Schritte in der Raumfahrt nicht stattfinden. Diese Anreize fehlen heute weitgehend, weil die Frage der Eigentumsrechte im Weltraum ungeklärt ist. Nach Artikel 2 des Weltraumvertrages von 1967 ist es Staaten untersagt, Souveränität über Himmelskörper oder deren Land zu beanspruchen. Ob dieses Verbot auch für private Akteure gilt, ist unter Weltraum-Juristen umstritten, da der Vertrag hierzu nichts sagt.  Ich zeichne diese Diskussion ausführlich im 10. Kapitel meines Buches „Weltraumkapitalismus“ nach.

Doch ohne Privateigentum gibt es weder den Anreiz noch die finanziellen Voraussetzungen für Projekte wie den Bau von Städten auf dem Mond oder gar auf dem Mars. Elon Musk hat davon gesprochen, eines Tages eine Million Menschen auf dem Mars anzusiedeln. Aber selbst eine Siedlung mit 1.000 oder 10.000 Menschen wäre undenkbar, wenn sie ausschließlich von Steuerzahlern finanziert werden müsste.

Ohne Privateigentum wird es auch im All nicht gehen

Auf der Erde haben Wirtschaftssysteme ohne Privateigentum nie funktioniert. Warum sollte das auf dem Mond oder dem Mars anders sein?

Wer also sollte das Recht haben, Eigentum auf oder an Himmelskörpern zu beanspruchen? Meine Antwort ist einfach: diejenigen, die die finanziellen Mittel haben, das Risiko eingehen und das Knowhow haben, Himmelskörper zu erreichen, zu erschließen und zu nutzen. Wenn SpaceX den Mars erreicht und beginnt, dauerhafte Siedlungen zu bauen, dann sollte das Eigentum an Land zunächst dem Unternehmen zustehen – natürlich nicht am gesamten Planeten, aber an einem überschaubaren Gebiet.

Das würde auch die Finanzierung ermöglichen. SpaceX könnte beispielsweise Land auf dem Mars in einen REIT (börsennotierte Immobilien-Aktiengesellschaft) einbringen, so dass Marktkräfte seinen Wert bestimmen. Jeder könnte sich daran beteiligen. Der Mars würde am Ende Millionen von Aktionären gehören.

Dasselbe Prinzip sollte für zukünftige Industrien wie den Weltraumbergbau gelten, insbesondere auf Asteroiden. Wenn Himmelskörper niemandem gehören – oder, wie manche meinen, „der gesamten Menschheit“ –, dann wird der Weltraum kaum produktiver genutzt werden als die Antarktis, wo der Antarktis-Vertrag und das Fehlen von Eigentumsrechten jede wirtschaftliche Entwicklung blockieren.

Wir müssen aufhören, den Weltraum ausschließlich als Objekt der Neugier und Forschung zu betrachten. So wie Satelliten den Orbit bereits zu einem Wirtschaftsraum Raum gemacht haben, so muss die Menschheit wirtschaftliche Aktivitäten auch weiter in den Weltraum ausdehnen – und damit die Vision verwirklichen, die von Braun schon vor mehr als einem halben Jahrhundert formuliert hat.

Rainer Zitelmann ist Autor des Buches „Weltraumkapitalismus“ – Leseauszüge hier


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