Ein Lob auf den Aussenminister
Ignazio Cassis: Mit Durchwursteln zum Erfolg für die Schweiz?
Durchwursteln in der Aussenpolitik – Ein Lob auf den Aussenminister
Ignazio Cassis gleicht nach bald neun Amtsjahren mehr denn je einem Avatar. Und doch könnte er als einer der Erfolgreichsten abtreten.
«Durchwursteln» ist also sein Prinzip. Er sehe darin eine «schweizerische Kernkompetenz», erklärte Ignazio Cassis im Interview mit CH-Media. «Durchwursteln» bedeutet für den FDP-Aussenminister, «den besten Weg zu finden, um unsere Interessen zu wahren – Schritt für Schritt, mit gesundem Pragmatismus».
Cassis rief mit seinen Aussagen sogleich die Kritiker auf den Plan. «Konzeptlosigkeit wird zum Konzept, Strategielosigkeit zur Strategie, Orientierungslosigkeit zur Orientierung», schrieb dazu etwa der «SonntagsBlick». Von einem «erbärmlichen» Konzept spricht auch der ehemalige Top-Diplomat Georges Martin: «Es ist, als ob unser Aussenminister gar nicht da wäre. Wenn etwas schiefläuft, ist er einfach still, er will keine Risiken eingehen.»
Als ob er gar nicht da wäre. Dabei ist Ignazio Cassis schon ziemlich lange da. Hält er bis Ende Jahr durch, wird er Micheline Calmy-Rey (SP), die am längsten amtierende Aussenministerin der letzten Jahrzehnte (2003–2011), an Anciennität übertroffen haben.
Wie Ignazio Cassis die Aussenpolitik prägte – oder tat er das?
Neun Jahre sind normalerweise genug, um eine Ära zu prägen. Im Fall von Calmy-Rey fällt es nicht schwer, diese Ära zu charakterisieren. Es waren die Jahre der «aktiven Neutralität», ein von der Bundesrätin höchstselbst geprägter Begriff. Calmy-Rey hielt flammende Plädoyers für Solidarität, Gleichstellung und gegen soziale Ungerechtigkeit. Sie massregelte Staaten wie die Türkei, China und die USA wegen Verletzung von Menschenrechten.........
