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Als das „Snitzel-Business“ schwäbischer Dorfbuben explodierte

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10.04.2026

„Hi, Icke bin’s, alter Ami Rik De Lisle“ – die Stimme der lässigen, freundlichen USA, die in Berlin fast jeder kennt, meldet sich jahrzehntelang aus dem Äther. Dass sie jetzt verstummt ist, macht viele Fans umso trauriger, als gerade vor allem eine sehr unfreundliche amerikanische Stimme zu hören ist: Präsident Donald Trump droht, einen Teil der knapp 40.000 in Deutschland verbliebenen US-Soldaten abzuziehen. Zu Hochzeiten des Kalten Krieges waren es bis zu siebenmal so viele.

Aus Milwaukee an die Spree

Einer ist Rik De Lisle aus Milwaukee, 1978 kommt er in die eingeschlossene Stadt West-Berlin, um Radiosendungen für die dort stationierten US-Truppen zu moderieren. Doch die amerikanisch-coole Art, wie er Rock, Pop oder Soul präsentiert, macht ihn schnell zum Liebling der einheimischen Jugend – sogar jenseits der Mauer, in der sozialistischen DDR – trotz aller Verbote.   

Später moderiert De Lisle für deutsche Radiosender. Selbst Studenten aus der linken Szene lieben seine Shows, sehen ja auch keinen Widerspruch darin, antiamerikanische Parolen an Hauswände zu pinseln und dabei Jeans von Levi’s und US-Armee-Parkas zu tragen.  

Die schwäbischen Buben und das Geschäft mit den hungrigen GIs

Unzählige Deutsche haben ganz persönliche Erinnerungen an die Zeiten, als bis zu 250.000 US-Truppenangehörige in der Bundesrepublik stationiert waren. Der Autor dieses Textes betreibt in den 1980er Jahren mit Grundschulfreunden einen florierenden Lieferservice. Wenn die Soldaten aus der US-Garnison Neu-Ulm im Wald Manöver halten, haben sie ihre abgepackte Verpflegung schnell satt. Und schicken die herumlungernden Dorfbuben mit dem Fahrrad los, um für zehn Mark „Snitzel“ aus dem Gasthof zu holen. Das panierte Stück Schwein kostet acht Mark fünfzig, das bedeutet einen Dagobert-Duck-artigen Profit von einer Mark fünfzig! So werden Sparschweine gemästet und Träume wahr: Ein buntes Skateboard, die „Thriller“-Platte von Michael Jackson… Als A. aus der Vierten mit dem herausgepulten Pulver im Wald vergessener Platzpatronen den Weitsprung-Sandkasten in die Luft jagt, bereiten besorgte Eltern dem Snitzel-Business ein jähes Ende.  

Tausende US-Soldaten sind in Bayern stationiert – unsere Karte zeigt wo

Wer später, zu Jugendzeiten, Glück hat und einen „Ami“ kennt, der für ihn in den eigenen Läden der US-Kasernen („PX“) einkauft, kann mit den neuesten Nike-Turnschuhen und Football-Jacken durch die Pausenhalle stolzieren, die in deutschen Geschäften noch längst nicht erhältlich sind. Trotzdem: In örtlichen Discos kommt in Sachen Coolness niemand je an die US-Boys und -Girls ran. Einem Teil der einheimischen Heranwachsenden gefällt das, den anderen macht das eher neidisch. Jedenfalls finden sich nicht selten deutsch-amerikanische Liebespaare, die später in die USA ziehen. Doch das Verhältnis zwischen GIs und Deutschen ist kompliziert: Bewunderung und Sympathie stehen dem Unbehagen über die gen Osten gerichteten Pershing-2-Atomraketen entgegen.

Die besten Hamburger gab es auf dem „Ami-Plärrer“

In Augsburg, wo zeitweise bis zu 30.000 US-Amerikaner leben, ist das Deutsch-Amerikanische Volksfest („Ami-Plärrer“) für die besten Hamburger berühmt. Aber auch für heftige Prügeleien, die dann von der Militärpolizei Hollywood-reif geschlichtet werden. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion reduzieren die USA ihre Präsenz in Deutschland, viele Garnisonen, darunter die in Augsburg (1998) und Neu-Ulm (1991), werden aufgegeben. Macht Trump seine Drohung wahr, könnte die Truppenstärke weiter sinken. Davor graut es angesichts russischer Aggression selbst Zeitgenossen, die einst „Ami go home“ ins Bushäuschen geritzt haben: Würden sie doch bleiben, wie Kult-Discjockey Rick De Lisle, der nie in die Staaten zurückgekehrt und jetzt im Alter von 79 Jahren in Berlin gestorben ist.

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