„Du bist Tipico“? Hoffentlich nicht!
Kommentar zur Glücksspielsucht: Strengere Regeln für Tipico und Co. allein helfen nicht
„Du bist Tipico“? Hoffentlich nicht!
Erschreckend viele Deutsche haben ein Problem mit Glücksspielen. Doch strengere Regeln für die Branche allein sind nicht die Lösung.
Nie wieder die arme Wurst sein – das ist die verheißungsvolle Botschaft. Nie mehr derjenige sein, dem der Chef den blödesten Auftrag gibt, der immer die einzige Scherbe auf dem Radweg erwischt und im Supermarkt stets die Pappe mit den Knickeiern zieht.
„Du bist nicht irgendwer“, so beginnt der Clip, „du erkämpfst dir deinen Platz! Du bist da, wo vorn ist! Wo aus Chancen Siege werden!“ „Ach, wirklich?“, möchte man da entgegnen, „fühlte sich bislang gar nicht so an.“ Aber wenn es eine so sichere Stimme verspricht, zu Bildern cooler Jungs, die auf Hochhausdächern Fußball spielen, in der Werbepause der Sportschau – dann muss es wohl stimmen.
Aber nein, die Wahrheit ist natürlich weit profaner. Sportwetten – und um die geht es hier – machen manchmal Spaß, niemals cool, selten reich, fast immer ärmer. Und gelegentlich auch abhängig.
Ein Volk von Spielern
Werbung, wie diese von Tipico, fällt in Deutschland auf fruchtbaren Boden. Wir sind ein Volk von Spielern – so bestätigt es der neue Glücksspiel-Survey, der gestern vorgestellt wurde. Mehr als ein Drittel der Befragten gab dort an, im vergangenen Jahr das Glück im Spiel gesucht zu haben. Die meisten beim Lotto (harmlos), ein stattlicher Teil jedoch auch am Automaten, bei Kasinos oder Sportwetten (weniger harmlos). Brisant aber ist vor allem eine Zahl in dieser Studie: 2,2 Prozent – so viele der Teilnehmer weisen demnach eine „Störung durch Glücksspielen“ auf. Das Spielen hat sie krank gemacht.
Die Zahl hat sich gegenüber den vorherigen Erhebungen nicht verändert. Dennoch – oder gerade deshalb – könnte sie für die Wettanbieter teuer werden. Ende dieses Jahres soll der Glücksspielstaatsvertrag überprüft werden, der die Zulassung von Anbietern regelt. Sind zu viele Spieler abhängig, könnten dort neue Regeln zu ihrem Schutz festgeschrieben werden. Die aber dürften das Geschäft mit dem Spielen empfindlich treffen.
Regulieren lässt sich nur, was bekannt und zugelassen ist. Das Netz aber ist voll von illegalen Angeboten.
Regulieren lässt sich nur, was bekannt und zugelassen ist. Das Netz aber ist voll von illegalen Angeboten.
Nervöser geht es kaum
Deshalb tobt um diese Zahl ein erbitterter Deutungskampf. Just einen Tag vor der Präsentation hat die Automatenindustrie deshalb eine eigene Pressemitteilung verschickt, Tenor: Die Zahl ist unseriös, wir präsentieren bald eine eigene, und die wird viel niedriger sein. Nervöser geht es kaum.
Dabei hat die Glücksspielindustrie einen wichtigen Punkt: Regulieren lässt sich nur, was bekannt und zugelassen ist. Das Netz aber ist voll von illegalen Angeboten, auf die Spieler ausweichen können, wenn ihnen das Erlaubte zu wenig Thrill bietet. Ein neuer Vertrag muss also letztlich ein Kompromiss sein, zwischen Schutz der Spieler und Freiheit der Anbieter.
KostenpflichtigWetten bis in den Ruin? Warum Sportwetten-Kunden womöglich ihr verlorenes Geld zurückfordern können
KostenpflichtigDavid hat hunderttausend Euro verloren – jetzt will er von Tipico sein Geld zurück
Dabei wäre ja schon viel gewonnen, wenn die Vereine und die Deutsche Fußball-Liga nicht jeden Deal mit Anbietern akzeptierten, deren Filme an die dunkelsten Zeiten der Zigarettenvermarktung erinnern. „Du bist Tipico!“, dröhnt am Ende des Clips ein Mann in die Kamera.
Es klingt wie eine Drohung.
