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Opferschutz in Deutschland: Warum Terroropfer oft allein gelassen werden

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10.03.2026

Opferschutz in Deutschland Warum Terroropfer oft allein gelassen werden

Berlin · Nach dem Anschlag am Berliner Breitscheidplatz schickten Behörden eine blutige Handtasche und Forensik-Rechnungen an Angehörige. Inzwischen ist der Opferschutz besser. Doch noch immer gibt es viel zu tun. Ministerin Hubig spricht von „Auftrag“.

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Blumen und Kerzen zum Gedenken an die Opfer des Anschlags auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz am 19. Dezember 2016. (Archiv)

Bei Terroranschlägen liegt der Fokus häufig auf dem Täter, auf seinen Motiven und auf den Sicherheitslücken. Weniger Aufmerksamkeit gilt den Opfern und ihren Angehörigen. Dabei tragen sie die Folgen viele Jahre, manche ein Leben lang. An diesem Mittwoch wird zum fünften Mal der „Nationale Gedenktag für die Opfer terroristischer Gewalt“ begangen. Es geht auch darum, zu zeigen, wie viel beim Opferschutz noch zu tun ist.

Als Negativbeispiel wird bis heute der Umgang von Politik und Behörden nach dem islamistischen Terroranschlag auf den Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz genannt. Bianca Biwer, Bundesgeschäftsführerin des Weißen Rings, erinnert sich an chaotische Abläufe: „Der Umgang mit den Opfern des Anschlags am Breitscheidplatz war ein Desaster.“ Der Weiße Ring unterstützte damals 80 Angehörige und Betroffene. Die Angehörigen hätten zum Teil nicht gewusst, in welchen Krankenhäusern die Verletzten waren, sagte sie unserer Redaktion.

„Was besonders tragisch war: Ein älteres Paar, das aus dem Ausland kam, konnte nicht mehr Abschied nehmen, bevor ihr Familienmitglied verstarb, weil sie im falschen Krankenhaus waren.“ In einem anderen Fall sei eine blutige Handtasche ohne Kommentar an die Eltern des Opfers geschickt worden. „Rechnungen der Forensik gingen an die Angehörigen – kurz nach Weihnachten.“ Auch wenn alle von der Situation überfordert waren. „Niemand in dieser Behördenkette hat sich Gedanken darüber gemacht, wie das bei den Betroffenen ankommt.“

Inzwischen wurden Lehren gezogen: Es gibt einen Opferbeauftragten im Bund als Ansprechpartner für Betroffene von terroristischen oder extremistischen Anschlägen. Auch das soziale Entschädigungsrecht wurde reformiert. „Das Problem bleibt aber, dass sich die Behörden zu wenig Gedanken machen, wie ihr Handeln auf traumatisierte Menschen wirkt“, sagte Biwer. Sie verwies auf ein Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit, nach dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in Magdeburg im Dezember 2024. Damals hatte der Attentäter versucht, mit Briefen Kontakt zu den Opfern des Anschlags aufzunehmen. „Für die Überlebenden fühlte sich das an, als komme der Täter ins Wohnzimmer“, sagte Biwer.

Die Weiße-Ring-Geschäftsführerin fordert, dass der Umgang mit Traumatisierten auch bei Rechtsausbildungen stärker berücksichtigt werden soll. „Wer für Justiz- und Sicherheitsbehörden arbeitet, sollte lernen, was Trauma mit Menschen macht.“ Biwer vermisst oft auch die Haltung gegenüber den Opfern, „dass sie womöglich die Wahrheit sagen“. Denn der Fokus bei Ermittlungen liegt auf der Verurteilung des Täters. Gleichzeitig gilt, im Zweifel für den Angeklagten. Dabei gerät das Leid der Opfer immer wieder aus dem Blick.

Der nationale Gedenktag knüpft an den europäischen Gedenktag für die Opfer des Terrorismus an, der nach den Bombenanschlägen in Madrid vom 11. März 2004 etabliert wurde. Die zentrale Gedenkveranstaltung der Bundesregierung ist in Berlin. Bundesjustizministerin Stefanie Hubig will eine Rede halten. Die SPD-Politikerin sieht den Gedenktag als „Auftrag für uns alle“. Er fordere auf, zuzuhören, da zu sein und zu unterstützen. „In der dunkelsten Stunde macht es einen Unterschied, wenn jemand eine helfende Hand ausstreckt“, sagte Hubig unserer Redaktion. „Mit diesem Gedenktag senden wir ein unmissverständliches Signal: Wir stehen als Staat dauerhaft an der Seite der Betroffenen.“


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