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Merkel, Obama und bald Scholz: „Ich sehe in Memoiren von Politikern eine Hybris“

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Merkel, Obama und bald Scholz „Ich sehe in Memoiren von Politikern eine Hybris“

Analyse | Berlin · Autobiografien von Politikern versprechen Einblicke hinter die Kulissen der Macht. Der Historiker Magnus Brechtken erklärt, warum die Memoiren von Merkel nicht gelungen sind. Und Kommunikationsforscher Joachim Trebbe analysiert, was hinter diesen Büchern steckt.

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2024 erschienen die Memoiren der Ex-Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) unter dem Titel „Freiheit: Erinnerungen 1954-2021“. (Archivbild)

Angela Merkel (CDU) und der russische Präsident Wladimir Putin sitzen sich bei einem Treffen gegenüber, als ein schwarzer Labrador den Raum betritt und die damalige Bundeskanzlerin beschnuppert. Fotografen halten die Szene fest, die Merkel sichtlich unangenehm ist: Denn sie hat Angst vor Hunden. „Ich versuchte, den Hund zu ignorieren, obwohl er sich mehr oder weniger direkt neben mir bewegte. Ich interpretierte Putins Gesichtsausdruck so, dass er die Situation genoss“, notiert sie rund 17 Jahre nach dem Vorfall in ihrer Autobiografie „Freiheit“, die 2024 erschien.

Dass gerade diese Szene zum meistzitierten Moment des Buches wurde, verweist auf die Logik politischer Memoiren: Sie brechen Zeitgeschehen auf das persönlich Erlebte herunter und erlauben seltene Einblicke durch das Schlüsselloch des Moskauer Kremls oder des Weißen Hauses in Washington. Kein Wunder also, dass Merkels Memoiren im Erscheinungsjahr zum erfolgreichsten Buch des Jahres wurden.

Scholz kündigt Memoiren an

Auch andere Politiker wie US-Präsident Barack Obama sowie Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU), veröffentlichten im selben Jahr ihre Memoiren. Und auch Merkels Nachfolger Olaf Scholz (SPD) hat bereits angekündigt, seine Autobiografie 2027 rausbringen zu wollen. Das Genre hat sich im politischen Betrieb mittlerweile fest etabliert.

Damit stellt sich die Frage, welche Funktion politische Memoiren eigentlich erfüllen und warum sich nicht gerade wenige Politiker dazu entscheiden, sie zu schreiben. „Ich sehe in diesen Memoiren eine Hybris“, sagt Joachim Trebbe, Professor für Kommunikationswissenschaft an der Freien Universität Berlin, unserer Redaktion. „Denn Politiker, die aus hohen Ämtern ausgeschieden sind, halten sich selbst für wichtig genug, um das, was sie erlebt haben, der interessierten Leserschaft vorzutragen.“

Kampf um Deutungshoheit

Darüber hinaus zielen Memoiren auf Deutungshoheit, auf den Diskurs. Dieser erhoffte Einfluss finde auf zwei Ebenen statt: „Zeitgenössisch, weil sie den mit Texten und Interviews beeinflussen können. Historisch, wenn sie meinen, dass die Geschichtswissenschaft das verarbeitet“, sagt Magnus Brechtken, Historiker und stellvertretender Leiter des Instituts für Zeitgeschichte in München. Das sei allerdings heute zweischneidig, denn die Geschichtswissenschaft gehe mittlerweile kritisch mit solchen Texten um. „Langeweile und Lügen werden dann klar benannt“, analysiert Brechtken, der seit über 30 Jahren zu politischen Memoiren forscht.

Dass politische Memoiren keine neutralen Quellen sind, zeigt ein historisches Extrembeispiel: Bernhard von Bülow, Reichskanzler des Deutschen Kaiserreichs, der seine Memoiren erst nach seinem Tod veröffentlichen ließ. „Sie waren voller Verdrehungen und Lügen“, sagt Brechtken. Einige hätten derzeit sogar gemunkelt, er sei der einzige Politiker, dem es gelungen sei, nach seinem Tod noch Selbstmord zu begehen.

Wahrheitsgehalt in Memoiren

Offensichtliche Lügen findet man in heutigen Memoiren von Politikern wohl nicht mehr, aber wie steht es generell um den Wahrheitsgehalt? „In solchen Memoiren steckt viel Rechtfertigung. Man will erklären, dass man aus bestem Wissen und Gewissen gehandelt hat und warum bestimmte Entscheidungen zu einem Zeitpunkt richtig waren“, sagt Trebbe. Autobiografien von Politikern seien meist ein Klopfen auf die eigenen Schultern und keine kritische Auseinandersetzung mit den eigenen Entscheidungen, meint der Kommunikationswissenschaftler.

Gewinnbringend werden Memoiren dort, wo sie über bloße Rechtfertigung hinausgehen. „Politiker haben das Zeitgeschehen aus einer ganz bestimmten Perspektive miterlebt. Spannend wird es in Memoiren dann, wenn sie sich nicht mehr an bestimmte Geheimhaltungspflichten halten müssen und man dann etwa erfährt, wie der persönliche Umgang mit Staatsgästen war“, sagt Trebbe und nennt als Beispiel Merkels Vorfall mit Putin und dem Hund.

Merkel fehlt Reflexionstiefe

Für Brechtken ist Reflexionstiefe ein zentraler Punkt. „Heute muss jeder Politiker damit rechnen, dass alles geprüft wird. Wer klug ist, stellt sich darauf schon beim Schreiben ein“, sagt er. Als gelungenes Beispiel dafür nennt er die Autobiografie des ehemaligen Bundestagspräsidenten Wolfgang Schäuble (CDU), die 2024 unter dem Titel „Erinnerungen. Mein Leben in der Politik“ erschien. „Er bedenkt schon beim Schreiben die mögliche Kritik, den Kontext, die möglichen Positionen der Leserinnen und Leser, zeigt Reflexionswillen und historische Perspektivität seiner Person“. Dadurch nehme man ihn ernster als einen Autor, der das nicht zu zeigen vermöge – seiner Sichtweise nach etwa Merkel. „Angela Merkel verzichtet auf diese Reflexionsdimension, ob aus Unwillen oder Unfähigkeit lassen wir mal offen“, sagt er.

Wer sich fragt, warum bekannte Persönlichkeiten ihre Memoiren schreiben, dürfe auch die ökonomische Dimension nicht vernachlässigen. „Politiker und ihr Verlag erhoffen sich ein Geschäft. Ein paar Tausend verkaufte Exemplare und ein paar Vortragsreisen bringen ganz gutes Taschengeld“, sagt Brechtken.

Und was bringt Merkels Nachfolger im Kanzleramt auf den Tisch? „Bei Scholz erwarte ich, dass Details zum Scheitern der Ampel-Regierung kommen, die er zu dem Zeitpunkt, als es passiert ist, nicht äußern konnte – weil er damals Rücksicht nehmen musste auf den Koalitionspartner und auf den Ablauf für die Neuwahlen“, prognostiziert Trebbe. Es könne Scholz in die Karten spielen, dass er noch so nah am politischen Geschäft dran sei und derzeit durch sein Bundestagsmandat noch selbst politisch aktiv ist. „Ein Knaller wäre es, wenn er in seiner Biografie tatsächlich die menschliche Note hochziehen würde.“ Das erwartet der Kommunikationswissenschaftler aber eher nicht.


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