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Krieg der USA und Israels gegen den Iran: Die uralte Versuchung des Regimewechsels

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02.03.2026

Krieg der USA und Israels gegen den Iran Die uralte Versuchung des Regimewechsels

Düsseldorf · Regimewechsel sind keine Erfindung des 21. Jahrhunderts. Seit 2500 Jahren versuchen Mächtige, andere Mächtige von der Macht zu entfernen – Donald Trump ist da keine Ausnahme. Die Bilanz ist zwiespältig.

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Das zerstörte Anwesen von Ajatollah Ali Chamenei in Teheran.

Nach der Kapitulation geht alles ganz schnell. Die Sieger marschieren in die Hauptstadt ein, die Gegner der unterlegenen Regierung kehren aus dem Exil zurück, die Volksvertretung entmachtet sich unter dem Druck der Ereignisse selbst, das neue System kommt ohne Kontrolle durch das Volk aus, es folgen Schauprozesse und Todesurteile, eine Besatzungstruppe sichert das Ganze ab. Binnen weniger Wochen ist die gesamte politische Verfassung umgekrempelt.

Das ist kein Bericht aus dem 21. Jahrhundert, sondern aus dem Jahr 404 vor Christus. Die Unterlegenen sind die Athener, die Sieger die Spartaner. Fast 30 Jahre lang haben sie um die Vorherrschaft in Griechenland gekämpft, und der Kampf ist stets auch einer um die politische Ordnung gewesen: Athen stand für die Herrschaft des Volkes, die Demokratie (die freilich eine ganz andere, sehr viel wüstere Veranstaltung war als heute), Sparta für die Herrschaft weniger, die Oligarchie. Der sogenannte Peloponnesische Krieg ist eine lange Kette von Putschen und erzwungenen Herrschaftswechseln, am Ende selbst in Athen.

Wer also meint, es sei völlig neu und unerhört, das Oberhaupt eines anderen, souveränen Staats von der Macht zu entfernen, dem mag ein Blick in die Geschichte helfen. Der erzwungene Regimewechsel ist ein uraltes Muster, seit jeher verführerisch für die Mächtigen. Deshalb ist es auch wenig verwunderlich, dass der mächtigste Staat der Erde dieses Jahr bereits zweimal zu diesem Mittel gegriffen hat: Erst haben US-Kommandos im Januar Venezuelas Machthaber Nicolás Maduro in die USA geschafft, um ihn dort vor Gericht zu stellen. Und nun haben amerikanische und israelische Bomben den Obersten Führer des Iran, Ali Chamenei, getötet, und mit ihm Dutzende hohe Vertreter seines verbrecherischen Regimes.

Dabei muss in beiden Fällen vorerst unklar bleiben, ob es um einen vollständigen Wechsel geht. Maduro ist nicht mehr an der Macht, sein sozialistisches Regime dagegen sehr wohl. Das selbstverständliche Eingreifen und der Anspruch Donald Trumps, über Zukunft und Ressourcen des Landes zu verfügen, kommt dem allerdings schon recht nah. Und im Iran hat sich ein Nachfolgegremium konstituiert, das vorerst die Geschäfte führt; außerdem soll der sogenannte Expertenrat einen Nachfolger Chameneis bestimmen. Trump hat zwar klar gesagt, die Iraner sollten die „Regierung übernehmen“, wenn die Militärschläge vorüber sein – aber vorerst hält das Regime.

Ohne Ideologie geht es nicht

Schon das Römische Reich installierte genehme Herrscher in abhängigen Gebieten. Im Italien des Mittelalters bekriegten sich Dutzende Städte gegenseitig, und wer gewann, setzte beim Verlierer entweder ein papst- oder ein kaisertreues Regime ein: Guelfen gegen Ghibellinen. So richtig beginnt die Geschichte des erzwungenen Regimewechsels aber erst in der Neuzeit, also im 16. Jahrhundert, weil zur Versuchung, über die Regierung der anderen zu bestimmen, immer auch ein ordentlicher Schuss Staatsideologie gehört. Und die entwickelt sich langsam, über Jahrhunderte.

Der Politikwissenschaftler John M. Owen hat für die Zeit zwischen 1528 und 2003 mehr als 200 erzwungene Regimewechsel zusammengetragen – von eher obskuren Beispielen bis zu weltpolitischen Umwälzungen. So begann der Dreißigjährige Krieg mit einem Regimewechsel, als 1620 die katholischen Fürsten den Calvinisten Friedrich von der Pfalz als böhmischen König entfernen und die Macht der Habsburger wiederherstellen.

Der abgesetzte venezolanische Präsident Nicolás Maduro (2.v.l.) und seine Frau Cilia Flores (r.) werden in New York zum Gericht gebracht.

Owen nennt als Voraussetzung jedes Regimewechsels „transnationale ideologische Polarisierung“, also die Konkurrenz zweier Weltanschauungen. Und er identifiziert chronologisch vier Wellen des Regimewechsels: 16./17. Jahrhundert (Katholizismus gegen Protestantismus), 18./19. Jahrhundert (Monarchie gegen Republik), 20. Jahrhundert (Demokratie gegen Kommunismus und Faschismus), 20./21. Jahrhundert (Islamismus gegen weltliche Herrschaft).

1823 US-Präsident James Monroe formuliert den außenpolitischen Grundsatz, „dass die amerikanischen Kontinente fortan nicht als Ziele künftiger Kolonisierung durch irgendwelche europäischen Mächte gelten sollen“. Die USA würden dies als unfreundlichen Akt werten. Daraus folgte eine lange Reihe von US-Militärinterventionen in Lateinamerika, etwa 1983 in Grenada und 1989 in Panama; das Wort vom „Hinterhof der USA“ geht auf die Monroe-Tradition zurück.

1917 Präsident Woodrow Wilson formuliert als Kriegsziel der USA, „die Welt für die Demokratie sicher zu machen“. Die rapide Demokratisierung des Deutschen Kaiserreichs Ende 1918 geht wesentlich auf amerikanischen Druck zurück.

1940 Präsident Franklin D. Roosevelt nennt die USA „das große Arsenal der Demokratie“. Im Zweiten Weltkrieg sterben mehr als 400.000 US-Amerikaner.

2005 Präsident George W. Bush formuliert den Regimewechsel als Leitlinie seiner Politik: „Das Überleben der Freiheit in unserem Land hängt mehr und mehr vom Erfolg der Freiheit in anderen Ländern ab. Amerikas grundlegende Interessen und unsere tiefsten Glaubenssätze sind nun eins.“

2013 Außenminister John Kerry erklärt: „Die Ära der Monroe-Doktrin ist vorbei.“

2025/26 Donald Trump beansprucht für sich die Weiterentwicklung der Monroe- zur „Donroe-Doktrin“. Die neue Nationale Sicherheitsstrategie hält fest, man strebe keinen „demokratischen oder sonstigen sozialen Wandel“ in anderen Ländern an, „der erheblich von ihren Traditionen und ihrer Geschichte abweicht“.

Der Kalte Krieg war eine Zeit der Regimewechsel

Dabei liegen die USA als „Changer-in-Chief“, wie Owen sie in ironischer Anlehnung an den US-Präsidenten als „Commander-in-Chief“ nennt, seit etwa 1900 deutlich vorn, aber auch die UdSSR war eine eifrige Regimewechslerin – man denke an den Prager Frühling 1968 oder den Einmarsch in Afghanistan 1979. Kein Wunder, war doch der Kalte Krieg nicht zuletzt eine weltweite ideologische Auseinandersetzung der Supermächte.

Bleiben zwei Fragen – die nach dem Recht und die nach dem Erfolg. Das Völkerrecht, wie wir es kennen, ist ein Produkt der Neuzeit, und seit dem Westfälischen Frieden 1648 ist die Souveränität der Staaten einer seiner Kerne. Daraus folgt, was die Juristen Interventionsverbot nennen: Einmischung in die inneren Angelegenheiten anderer ist tabu.

Das wird vor allem von den Feinden der Menschenrechte gern zur eigenen Absicherung ins Feld geführt (China hat darin eine zynische Meisterschaft entwickelt); es ändert aber am Rechtsgrundsatz nichts. Deshalb sind die Schläge gegen Venezuela und den Iran zwar politisch, aber keineswegs rechtlich komplex, wie der Bundeskanzler befand, sondern eindeutig rechtswidrig. „Ein Diktator weniger ist eine gute Nachricht“, hat CSU-Landesgruppenchef Alexander Hoffmann in Sachen Venezuela gesagt – zweifellos; trotzdem ist das Ergebnis vom Weg dorthin zu unterscheiden. Dass ein Regimewechsel einen Völkermord beendet wie der Einmarsch Vietnams in Kambodscha 1978, ist die große Ausnahme.

Die Bilanz ist nicht eindeutig negativ

Und der Erfolg? Owen hat festgehalten, vor allem kurzfristig bringe ein Regimewechsel dem Wechsler Vorteile. Auf mittlere und lange Sicht dagegen ist die Bilanz zwiespältig, allerdings auch nicht eindeutig negativ. Der Zweite Weltkrieg entwickelte sich von einem Verteidigungskrieg zur größten Regimewechsel-Aktion der Geschichte, indem er eine mörderische Diktatur beseitigte. Westdeutschland wurde endgültig zur Demokratie und profitierte davon auch materiell eindeutig und nachhaltig. Und Europa erlebte durch die Blockkonfrontation einen langen, wenn auch kalten Frieden.

Die sowjetische Invasion in Afghanistan geriet zum Debakel, ebenso die westliche Intervention dort 2001. Die Installation einer demokratischen Regierung auf Haiti 1994 durch die USA hatte keine nachhaltige Wirkung; das Land ist in Anarchie versunken, ebenso wie Somalia. Der Irak stürzte nach dem Golfkrieg 2003 ins blutige Chaos, ist aber heute immerhin keine Bedrohung mehr für seine Nachbarn. Das spartanische Regime in Athen übrigens brach nach weniger als einem Jahr zusammen; die Demokratie erlebte eine neue Blüte.

Wie weit das Engagement der USA in Venezuela und im Iran geht, liegt noch im Nebel (der Amoralist Trump interessiert sich eigentlich nicht für den ideologischen Überbau, sondern nur für den eigenen Vorteil); wie erfolgreich es ist, erst recht. Der Regimewechsel wird bleiben: als Mittel der Machtpolitik. Als ihre vielleicht größte Versuchung.

Anmerkung der Redaktion: Dieser Artikel wurde ursprünglich schon im Januar 2026 auf RP ONLINE veröffentlicht. Da er weiter aktuell ist, bieten wir ihn aktualisiert noch einmal zum Lesen an.


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