Trotz allem: Warum Optimismus keine Realitätsverweigerung ist
Es hat etwas bewusst Unzeitgemäßes, ausgerechnet jetzt ein Heft über gute Nachrichten zu machen, so wie wir das diese Woche getan haben. Während sich die Weltlage zuspitzt, Kriege eskalieren und ein neuer großer Konflikt – der von Donald Trump befeuerte Iran-Krieg – das nächste ökonomische Beben auszulösen droht, gerade als wir wieder Hoffnung geschöpft haben. Die Unsicherheit ist zurück, mit großer Wucht. Und sie ist nicht abstrakt. Sie reicht bis in den Alltag, in Preise, in Jobs, in das Gefühl, dass gerade etwas kippt.
Das profil 14/2026 liefert ganz bewusst Good News, ausnahmsweise. Ein Heft über Happy Ends und sinnvolle Gesetze, kleine Wunder und große Heldinnen. Zum E-Paper.
Optimismus wirkt da schnell wie eine Pose – wie Verdrängung. Aber vielleicht ist genau das ein Missverständnis.
Denn in Krisenzeiten waren es nie nur die großen politischen Antworten, die Gesellschaften stabilisiert haben. Es waren auch die kleinen Dinge. Die, über die niemand Leitartikel schreibt – und die doch entscheiden, ob ein Gemeinwesen auseinanderdriftet oder zusammenhält.
Während der deutschen Bombardements von London 1940 suchten Menschen Schutz in U-Bahn-Stationen. Sie saßen dort nicht nur schweigend nebeneinander, sie sangen. Nicht, weil ihnen danach war. Sondern weil das gemeinsame Singen eine Ordnung schuf in einer Situation, die keine mehr hatte. In Sarajevo, während der Belagerung in den 1990er-Jahren, wurden Konzerte organisiert, Ausstellungen, sogar ein Schönheitswettbewerb. Es war keine Flucht aus der Realität. Es war eine Antwort auf sie: Wir sind mehr als dieser Krieg.
Und auch hier, in Wien, nach 1945: Zwischen Trümmern und Mangel kehrte so etwas wie Normalität nicht in erster Linie über politische Programme zurück. Sondern über Orte, an denen Menschen wieder miteinander reden konnten. Kaffeehäuser, geöffnet trotz allem. Ein Tisch, ein Gespräch, ein Stück Alltag. Mehr war es nicht – aber es war genug, um wieder anzufangen, um weiterzumachen.
Diese Momente sind keine Fußnoten der Geschichte. Sie sind ihr Fundament. Sie zeigen, dass Zusammenhalt selten im Großen entsteht. Nicht in den historischen Reden, nicht in den strategischen Papieren. Sondern im Kleinen, im Wiederholen, im Alltäglichen. In dem, was Menschen füreinander tun, ohne dass es Schlagzeilen produziert.
Gute Nachrichten sind kein Gegenentwurf zur Realität. Sie sind ein Teil von ihr.
Gute Nachrichten sind kein Gegenentwurf zur Realität. Sie sind ein Teil von ihr.
Gute Nachrichten sind kein Gegenentwurf zur Realität. Sie sind ein Teil von ihr.
Und genau deshalb fanden wir ein Heft über gute Nachrichten jetzt nicht fehl am Platz, sondern sogar notwendig. Weil sich der Blick verengt, wenn der Druck steigt. Weil sich alles auf das konzentriert, was nicht funktioniert, was droht, was Angst macht. Das ist menschlich. Aber es ist auch riskant. Eine Gesellschaft, die nur noch ihre Krisen wahrnimmt, verliert irgendwann das Gefühl für sich selbst.
Gute Nachrichten sind kein Gegenentwurf zur Realität. Sie sind ein Teil von ihr. Sie erzählen nicht davon, dass alles gut ist. Sondern davon, dass nicht alles schlecht ist. Und dieser Unterschied ist entscheidend.
Es geht dabei nicht um große Durchbrüche. Sondern um das, was im Alltag trägt. Ein Projekt, das funktioniert, obwohl die Umstände schwierig sind. Eine Initiative, die Menschen verbindet, ohne großes Budget. Eine Geste, die zeigt, dass Rücksicht noch existiert. Es sind diese Dinge, die Vertrauen schaffen. Leise, unspektakulär, aber wirksam.
Wenn es enger wird, verschiebt sich, was zählt. Das Große wird unübersichtlich. Das Kleine wird konkret. Ein bisschen Glück, ein bisschen Freude – das klingt nach wenig. Ist es aber nicht. Es ist das, was erreichbar bleibt. Und genau deshalb wirkt es.
Vielleicht ist das der eigentliche Kitt der Gesellschaft. Nicht die Abwesenheit von Konflikten, nicht die große Einigkeit. Sondern die Summe dieser kleinen Erfahrungen, die zeigen: Wir funktionieren noch. Wir sind noch verbunden. Es gibt noch etwas, das uns trägt.
Ein Good-News-Heft in schlechten Zeiten ist daher kein Widerspruch. Es ist eine Setzung: gegen die Verengung, gegen die Dauerkrise im Kopf. Und für die Einsicht, dass eine Gesellschaft nicht nur an ihren Problemen gemessen wird, sondern auch daran, wie sie mit ihnen lebt.
Und manchmal beginnt das mit etwas sehr Einfachem: dem Entschluss, das Gute zu sehen.
Schaut gut aus! Ein profil-Special voller Good News, ausnahmsweise.
