Was wirklich zählt: Wir leben wie Monarchen im Besitzreich
Was wirklich zählt: Wir leben wie Monarchen im Besitzreich
Kolumnistin Sarah Kunz sortiert regelmässig aus – und fühlt sich danach oft besser. Bis sie merkt, dass es jemand anderes mit seinem Besitz ganz genau nimmt.
Kürzlich sahen wir im Fernsehen eine Reportage über Sho. Sho ist Japaner und extremer Minimalist. Er besitzt einen Stuhl, der zugleich Tisch und Sofa ist. Einen Teller, der auch Schneidebrett und Schüssel sein will. Seine Winterjacke ist multifunktional, sein Bett eine zusammenfaltbare Matratze mit Schlafsack. Im Kühlschrank steht ein einsames Joghurt. Nur auf ein Kuschelkissen will Sho nicht verzichten – irgendetwas Menschliches muss ja bleiben.
Ein voller Kleiderständer – für Minimalistinnen und Minimalisten unvorstellbar.
Sho sagt, je weniger er besitzt, desto freier fühle er sich. Besitz sei Ballast, sei Ablenkung. Statt materielle Dinge anzuhäufen, konzentriere er sich auf das Erleben. Was ja eigentlich ganz schön ist.
Wenn ich nach Hause komme, hänge ich meine Jacke zwischen die anderen sieben. Ich stopfe meine Schuhe ins proppenvolle Regal und schmeisse den Rucksack in den Schrank, wo noch drei andere vor sich hindümpeln. Einer klein, einer mittelgross, einer mit 31 Litern Fassungsvermögen.
Unser Spiegelschrank ist ein Museum des Überflusses. Drei Zahnseiden mit verschiedenen Millimeterdurchmessern, zwei Zahnbürsten, eine elektrische und eine für den guten Willen. Haargummis, die sich vermehren, sobald man nicht hinschaut. Shampoos für Volumen, Schuppen, Glanz. Zustände, die man nicht hat, aber offenbar jederzeit erreichen könnte.
In der Küche wird es nicht besser. Pfannen in allen Grössen und Lebensphasen. Flache Teller, Suppenteller, kleine Teller, Dessertteller. Eine Eiswürfelform in Herzchenform, Muffinpapier mit Blumenmuster. Und eine Eismaschine, die seit zwei Jahren unbenutzt in der hintersten Ecke steht – ein Denkmal gescheiterter Ambitionen.
Ab und zu sortiere ich aus. Ein T-Shirt, das zwar seit Jahren im Schrank liegt, von dem ich aber immer gedacht habe, ich «ziehe es irgendwann sicher wieder an». Ich verkaufe eine von drei Teekannen auf Ricardo, bringe ein paar Bücher in die Brocki. Man wird etwas Ballast los.
Kolumnistin Sarah Kunz.
Danach fühlt es sich jeweils kurz etwas leichter an. Fast so, als hätte ich ein Problem gelöst. Bis ich von Sho hörte.
Nicht einmal wegen des enormen Unterschieds. Sondern wegen der Zahl. Denn Sho besitzt 395 Gegenstände. Nicht «rund 400». Sondern 395.
Das klingt zunächst nach erstaunlich viel. Bis man merkt, dass da jedes Wattestäbchen einzeln zählt. Wir kaufen die immer im Zweierpack, wenn sie Aktion sind. 400 Stück mit einem Griff. Wir besitzen alleine mit Wattestäbchen mehr als Sho.
Und plötzlich wirkt nicht mehr der eigene Besitz übertrieben, sondern die Zahl seltsam präzise, ja fast ehrgeizig. Denn wer zählt, fängt irgendwo an. Und hört idealerweise auch wieder auf. Bei 395 zum Beispiel.
Mit dieser Erkenntnis verschiebt sich etwas. Nicht bei den Dingen, sondern bei der Idee. Ist denn ein Paar Socken eins oder zwei? Ist ein einzelner Schuh ohne den zweiten überhaupt noch ein Gegenstand? Und was ist mit Dingen, die man nie benutzt, aber trotzdem nicht wegwirft – zählen die doppelt oder gar nicht?
Vielleicht ist nicht die Frage, wie viel man besitzt. Sondern, ob man anfangen möchte, zu zählen.
*Sarah Kunz ist Redaktorin beim Badener Tagblatt und lebt in Winznau.
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