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Solidarität ist kein Teilzeitjob

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03.03.2026

Die Gefahren des Krieges gegen Iran für Zivilist*innen sind real und besorgniserregend. Jede Eskalation bedeutet Leid für Menschen, die keinerlei Macht über politische Entscheidungen haben. Bis jetzt sind Dutzende Menschen getötet, darunter Kinder.

Doch wenn Aktivist*innen und Politiker*innen in westlichen Ländern über Jahre hinweg kaum öffentlich Stellung gegen Folter, systematische Repression und Massenhinrichtungen durch das iranische Regime bezogen haben, wirkt die nun plötzlich laute Sorge um die Zivilbevölkerung selektiv – und damit unglaubwürdig. Seit 47 Jahren herrscht die Islamische Republik mit Gewalt. Hunderttausende Menschen wurden getötet oder hingerichtet. Erst vor zwei Monaten fielen nach Straßenprotesten Zehntausende innerhalb von nur zwei Tagen der Repression zum Opfer. Wer dazu schwieg oder das relativierte, kann sich heute nicht glaubhaft auf reine Humanität berufen.

Solidarität darf nicht situativ sein. Wer sich glaubwürdig auf die Seite der Menschen stellt, muss es kontinuierlich tun – nicht nur dann, wenn geopolitische Spannungen eskalieren.

Es ist selbstverständlich richtig, auf die reale Angst vieler Menschen im Iran vor Krieg hinzuweisen. Doch zur ganzen Realität gehört auch, dass viele im Iran aus tiefer Verzweiflung über die anhaltende Unterdrückung und Perspektivlosigkeit jede Veränderung zum Besseren herbeisehnen – selbst wenn sie mit Risiken verbunden ist. Diese Verzweiflung ist kein Ruf nach Militarismus, sondern ein Ausdruck fehlender Alternativen.

Beides muss gleichzeitig ausgehalten werden können: Die berechtigte Furcht vor Bomben und die ebenso berechtigte Wut auf die Unterdrücker im eigenen Land. Wer nur eine Seite dieser Wirklichkeit zitiert, instrumentalisiert die Betroffenen für die eigene Agenda. Solidarität bedeutet, die Stimmen der Iraner*innen in ihrer ganzen Zerrissenheit ernst zu nehmen – zwischen der Hoffnung auf Befreiung und der Furcht vor dem Feuer. 


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