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Sebstbefreiung von Buchenwald: Der Holocaust ist einzigartig

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25.03.2026

Das thüringische Weimar symbolisiert die Dualität der deutschen Geschichte: auf der einen Seite die »Klassikerstadt«, in der Goethe und Schiller residiert haben. Und auf der anderen das ehemalige Konzentrationslager Buchenwald, ein Ort des Schreckens, in dem geschätzt 56 000 Menschen ermordet wurden. Am 11. April 1945, als sich die US-Armee Buchenwald näherte, übernahmen die Häftlinge das Lager auf dem Ettersberg. Der »Schwur von Buchenwald« ging in die Geschichtsbücher ein.

Auch in diesem Jahr soll wieder an die Selbstbefreiung von Buchenwald erinnert werden. Doch das Gedenken könnte diesmal, sagen wir: etwas turbulenter als sonst werden. Denn unter der Überschrift »Kufiyas in Buchenwald« mobilisiert eine Initiative zum Protest nach Buchenwald. Hintergrund ist unter anderem das Zutrittsverbot einer Palästina-Aktivistin mit »Palituch« zu einer Gedenkveranstaltung vor einem Jahr und die damalige Ausladung des jüdischen Philosophen Omri Böhm auf Druck der israelischen Botschaft, da dieser den Krieg der Netanjahu-Regierung in Gaza kritisiert hatte.

Christian Klemm arbeitet seit 2007 beim »nd«. Er ist Leiter des Online-Ressorts nd.aktuell.

Es stimmt: Israel hat den Gazastreifen in eine Mondlandschaft verwandelt. Unzählige Tote sind den Bombardements der Besatzer in dem schmalen Küstenstreifen zum Opfer gefallen. Es gibt gute Gründe, das einen Genozid zu nennen. An dem Massaker dort trägt die Bundesrepublik eine Mitschuld, denn Deutschland ist nach den USA der wichtigste Waffenlieferant des zionistischen Staates. Zudem ließ Kanzler Friedrich Merz (CDU) seinerzeit kaum eine Gelegenheit aus, Ministerpräsident Benjamin Netanjahu bei dem Krieg den Rücken zu stärken.

Und dennoch ist der Holocaust mit nichts zu vergleichen. Weder mit dem Völkermord in Ruanda (1994), noch mit den Massakern in Srebrenica und Umgebung (1995) oder dem Völkermord an den Jesiden im Nordirak (2014) und auch nicht damit, was die Palästinenser in den vergangenen Jahren erleiden mussten.

Warum? Als ich 2000 im Bremer Mercedes-Benz-Werk in der Endmontage gearbeitet habe, gab es eine Tafel, auf der eine Zahl angeschlagen wurde: So viele Autos sollten in einer Schicht vom Band laufen. In den Vernichtungslagern der Nazis war es ähnlich: Dort gab es Vorgaben, nach denen Menschen ermordet wurden. An einem Tag mussten 500, an einem anderen 750 Personen ins Gas gehen. Treblinka, Auschwitz und Majdanek werden deshalb heute zu Recht als »Todesfabriken« bezeichnet. Wer also zwischen Holocaust und Gaza Parallelen sucht, beide Verbrechen sogar gleichsetzen will, der liegt falsch – auch wenn man sich noch so anstrengt.

Die Gedenkstätte in Buchenwald ist den Häftlingen gewidmet, die den Gräueltaten der Nazis schutzlos ausgeliefert waren. Das sollte man respektieren. Es gibt weitaus bessere Plätze, wo die Palästina-Solidarität auf die menschenverachtende Politik der Netanjahu-Regierung aufmerksam machen kann. Zum Beispiel vor der israelischen Botschaft in Berlin. Oder vor dem Bundestag, um an die Mitverantwortung Deutschlands beim Gaza-Krieg zu erinnern. Oder vor dem Kanzleramt. Oder, oder, oder. Dann komme ich auch mit meiner Kufiya vorbei. Versprochen.


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