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Wie ich meine Überpünktlichkeit kurierte

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10.03.2026

Wie ich meine Überpünktlichkeit kurierte

Online-Redaktorin Stefanie Geske über «Digital Detox» und verpasste Termine.

Normalerweise beantworte ich gleich morgens meine Handy-Nachrichten beim Frühstück. Nicht besonders achtsam. Um diese ungesunde Routine zu durchbrechen, denke ich mir an diesem Montagmorgen: Handyverzicht. Jetzt! Bis am Mittag keine Nachrichten. Sollte zu schaffen sein. Noch kurz schicke ich zwei wichtige Nachrichten an die Eltern von Gspändli unserer Tochter. Der Rest kann und muss warten. Die Welt wird schon nicht untergehen. Also lege ich das Handy beiseite, drehe meine Lieblingsmusik auf – und wirble durchs Haus. Erledigungsmodus: An.

Die unliebsame Unordnung in meinem Büro hält an diesem Morgen viele Aufgaben für mich bereit: alte Dokumente schreddern, Bastelutensilien sortieren – und endlich diese Schachteln in den Schubladen möglichst platzsparend anordnen. Aufräumen ist für gewöhnlich nicht so mein Ding. Darum bin ich ganz besonders stolz, meinen freien Vormittag dieser wichtigen Aufgabe zu widmen.

Mittags-Zeit: «Mama hat heute Abend Chorprobe», verkünde ich meiner Tochter – und ernte dafür einen Daumen hoch. Ganz kurz greife ich seit dem Morgen das zweite Mal zum Handy: Schon wieder töchterliche Gspändli-Terminkoordination. Dann Teller abräumen und ein gemeinsames Spiel. Und weiter dreht sich das fröhliche Ordnungskarussell bis nach dem Nachtessen.

Dann dieser Moment: Das Singbüchlein liegt unangetastet dort, wo es seit dem Morgen parat liegt. Mich beschleicht Schreckliches. Vergewisserung im Handykalender: Ja, tatsächlich. Ich – bin – zu – spät! Ein Anruf in Abwesenheit und eine Nachricht. «Chorprobe?» Immerhin ein lächelndes Emoji. Wie konnte das passieren? Ach ja: Mein auf stumm geschaltetes digitales Gedächtnis hatte ich aus meinem Sichtfeld verbannt.

Meine Phobie gegen Unpünktlichkeit lässt mich kurz zweifeln, ob eine Teilnahme meinerseits an diesem Abend noch Sinn ergibt. Dann: Im Sturmschritt zur Probe. Mich empfangen lächelnde, singende Gesichter, ein leerer Stuhl direkt beim Eingang – und ein «Schön bisch no cho» in der Pause. Ich ärgere mich trotzdem noch immer. Zu spät zu sein grenzt für notorische Überpünktlichkeits-Fanatiker wie mich an einen Weltuntergang. Nach der Pause sitze ich singend und mit schlechtem Gewissen da: Warum nur immer diese Abhängigkeit von der digitalen Agenda?»

Auf dem Heimweg erspähe ich nochmals eine ungelesene Nachricht vom Nachmittag: Eine kranke Freundin bittet mich um ihre Abmeldung bei der Chorleitung. Boden auf, Autorin rein. Echt jetzt? Die Welt steht zwar noch, aber an diesem Abend irgendwie schief. Ob ich so schnell nochmals handyfrei mache? Sicherheitshalber lieber in den Ferien. Denn mein analoges Gedächtnis braucht manchmal digitale Starthilfe.

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