Heimat zwischen Zugehörigkeit und Konflikt
Heimat zwischen Zugehörigkeit und Konflikt
Von Claudia Rodriguez, GIBZ Mediathek
In «Heimatland» blickt Güner Yasemin Balci auf ihre Kindheit im Berliner Rollbergviertel zurück – und analysiert zugleich die gesellschaftlichen Spannungen, die Neukölln bis heute prägen.
In «Heimatland» erzählt Güner Yasemin Balci von ihrem Aufwachsen im Berliner Rollbergviertel – einem Stadtteil, der für sie Heimat ist und der ihr gleichzeitig Sorgen bereitet.
Balci wurde 1975 in Berlin-Neukölln als Tochter alevitischer Eltern aus der Türkei geboren. Seit vielen Jahren beschäftigt sie sich beruflich mit Themen wie Migration und Integration. Sie arbeitete als Sozialarbeiterin, Journalistin und Filmemacherin und ist seit 2020 Integrationsbeauftragte des Bezirks Neukölln. In diesem Buch verbindet sie ihre persönlichen Erinnerungen mit ihren beruflichen Erfahrungen.
Die Kapitel über ihre Kindheit und ihr Aufwachsen im Rollbergviertel lesen sich kurzweilig. Sie schreibt von Nachbarschaften, Gerüchen, Alltagsgewohnheiten – aber auch von Armut, Gewalt und Unsicherheit. Ihre Schilderungen wirken ehrlich und anschaulich. Eindrücklich ist ihr Blick als «Minderheit innerhalb der Minderheit», also als Alevitin in einem überwiegend muslimischen Umfeld. Dadurch werden soziale Unterschiede ebenso sichtbar wie kulturelle Spannungen.
Das Buch «Heimatland» von Autorin Güner Yasemin Balci.
Deutlich kritischer wird das Buch, wenn Balci auf die Entwicklung Neuköllns in den letzten Jahrzehnten eingeht. Sie beschreibt streng religiöse Milieus, patriarchale Strukturen und die zunehmende Einschränkung von Mädchen und Frauen. Dabei spricht sie Missstände offen an, auch solche, über die lange geschwiegen wurde.
«Heimatland» ist ein wichtiges Buch. Es zwingt dazu, unbequeme Fragen auszuhalten: Wie lassen sich Menschenrechte verteidigen, ohne in Pauschalisierungen zu verfallen? Wie spricht man über Probleme in Einwanderer-Communitys, ohne rechte Narrative zu bedienen? Balci liefert darauf keine fertigen Antworten, aber einen persönlichen, engagierten und mutigen Beitrag zur Debatte. Ein Buch, das provoziert, irritiert und gerade deshalb gelesen werden sollte – auch in der Schweiz.
Ich empfehle das Buch Leserinnen und Lesern, die sich für gesellschaftliche und politische Themen interessieren und bereit sind, sich mit kontroversen Positionen auseinanderzusetzen. Für rein literarische Unterhaltung ist das Buch hingegen weniger geeignet, da der politische Anteil deutlich überwiegt.
Güner Yasemin Balci: Heimatland, Berlin Verlag, München, 6. Auflage 2025, 319 SeitenISBN 978-3-8270-1525-9
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