Ermordung von Leo Trotzki: Wie es geschah
Ermordung von Leo Trotzki: Wie es geschah
Natalja Iwanowna Sedowa
Am 80. Jahrestag der Ermordung von Leo Trotzki veröffentlichen wir den Augenzeugenbericht von seiner Ehefrau Natalja Iwanowna Sedowa. Dieser Bericht erscheint zum ersten Mal in deutscher Sprache.
(Dienstag, 20. August 1940, 7 Uhr morgens)
“Weißt du, ich fühle mich gut heute, zumindest heute Morgen. Es ist lange her, seit ich mich so wohl gefühlt habe…. Letzte Nacht habe ich eine doppelte Dosis Schlafmittel genommen. Ich habe gemerkt, dass mir das gut tut.”
“Ja, ich erinnere mich,wir haben das in Norwegen beobachtet, als du dich öfter ausgelaugt gefühlt hast… Aber es ist nicht die Droge selbst, die dir gut tut, sondern der tiefe Schlaf, die vollständige Erholung.”
”Aber ja, natürlich.”
Wenn er die riesigen Fensterläden aus Stahl, die unsere Freunde nach dem Angriff auf unser Haus am 24. Mai angebracht hatten, morgens öffnete oder abends schloss, merkte L.D. hin und wieder an: “Nun, jetzt kann uns kein Siqueiros kriegen.” Und beim Aufwachen würde er mich und sich begrüßen, indem er sagte: “Siehst du, sie haben uns letzte Nacht doch nicht umgebracht, und du bist immer noch unzufrieden.” Ich habe mich so gut verteidigt, wie es ging…. Einmal, nach einer solchen „Begrüßung“, fügte er nachdenklich hinzu: „Ja, Natascha, wir haben eine Galgenfrist bekommen.“
Schon 1928, als wir nach Alma-Ata verbannt wurden, wo uns das Unbekannte erwartete, unterhielten wir uns eines Abends im Abteil des Zuges, der uns ins Exil brachte… Wir konnten nach den Unruhen der letzten Wochen, und besonders den letzten Tagen in Moskau nicht schlafen. Trotz unserer äußersten Müdigkeit hielt die nervöse Anspannung an. Ich erinnere mich, dass Lew Dawidowitsch mir damals gesagt hatte: “Es ist besser so (Exil). Ich bin dagegen, in einem Bett im Kremel zu sterben.”
Aber an diesem Morgen war er weit weg von solchen Gedanken. Sein körperliches Wohlbefinden ließ ihn erwartungsvoll auf einen „richtig guten“ Arbeitstag blicken. Energisch ging er hinaus in den Hof, um seine Kaninchen zu füttern, nachdem er zügig seine Morgentoilette erledigt und sich ebenso schnell angezogen hatte.
Wenn sein Gesundheitszustand schlecht war, war das Füttern der Kaninchen eine Belastung für ihn; Aber er konnte es nicht aufgeben, denn er hatte Mitleid mit den kleinen Tieren. Es war schwer, es so zu tun, wie er es wollte, so wie es seine Gewohnheit war – gründlich. Darüber hinaus musste er auf der Hut sein; seine Stärke musste für eine andere Art der Arbeit geschont werden – die Arbeit an seinem Schreibtisch. Die Pflege der Tiere, das Reinigen der Käfige usw. verschaffte ihm einerseits Entspannung und Ablenkung, ermüdete ihn andererseits aber auch körperlich, was sich wiederum auf seine allgemeine Arbeitsfähigkeit auswirkte. Er vertiefte sich komplett in alles, was er tat, unabhängig von der Aufgabe.
Ich erinnere mich an 1933, als wir von Prinkipo in Richtung Frankreich aufbrachen, wo wir in einer einsamen Villa nicht weit entfernt von Royan nahe der Atlantikküste lebten. Unser Sohn hatte zusammen mit unseren Freunden diese Villa eingerichtet, die den Namen “Gischt” trug. Die Wellen des aufgewühlten Meeres flossen in unseren Garten und salzige Gischt wehte durch unsere offenen Fenster. Von unseren Freunden umgeben lebten wir in halblegalen Verhältnissen. Gelegentlich waren wir bis zu zwanzig Personen. Acht oder neun wohnten auf dem Gelände. Im Anbetracht unserer Situation stand es außer Frage, eine Haushälterin oder jemanden, der in der Küche helfen kann, zu rufen. Die ganze Last lag auf Jeanne, der Frau meines Sohnes, und Vera Molinier, und ich half auch. Die jungen Genossen wuschen das Geschirr. Lew Dawidowitsch wollte auch mit der Hausarbeit helfen und begann, das Geschirr zu spülen. Aber unsere Freunde protestierten: “Er sollte sich nach dem Essen ausruhen. Wir kommen schon klar.” Außerdem sagte mir mein Sohn Leva: “Papa besteht darauf, eine wissenschaftliche Methode des Geschirrspülens zu verwenden und es frisst zu viel unserer Zeit.” Letztendlich musste sich L.D. von dieser Tätigkeit zurückziehen.
Der Mittelweg, die lustlose Haltung, die halbherzige Art, all das kannte er nicht. Deswegen ermüdete ihn nichts mehr als unverbindliche oder halbherzige Gespräche. Aber mit welchem Enthusiasmus er auszog, Kakteen zu sammeln, um sie in unseren Garten zu pflanzen. Er war in einem Rausch, er war der erste im Einsatz und der letzte, der ging. Nicht ein einziger der jungen Leute, die ihn bei unseren Spaziergängen aufs Land umgaben, und die mit ihm draußen arbeiteten, konnte mit ihm mithalten: sie ermüdeten schneller und fielen einer nach dem anderen zurück. Er aber war unermüdlich. Wenn ich ihn betrachtete, staunte ich oft. Woher nahm er seine Energie, seine körperliche Ausdauer? Weder die unerträglich heiße Sonne, die Berge, noch die Abstiege mit Kakteen schwer wie Eisen störten ihn. Er war hypnotisiert von der Vollendung der Aufgabe, die vor ihm lag. Er fand Entspannung durch den Wechsel seiner Aufgaben. Dies verschaffte ihm auch eine Verschnaufpause von den Schlägen, die gnadenlos auf ihn niedergingen. Je vernichtender der Schlag, desto inbrünstiger vergaß er sich in der Arbeit.
Unsere Spaziergänge, die eigentlich Kriegsexpeditionen für Kakteen waren, wurden durch “Umstände außerhalb unserer Kontrolle” immer seltener. Doch ab und zu, nachdem er von der Monotonie seines Alltags genug hatte, sagte Lew Dawidowitsch zu mir: „Diese Woche sollten wir uns einen ganzen Tag frei nehmen, um spazieren zu gehen, meinst du nicht auch?“
“Du meinst, einen Tag Zwangsarbeit?”, zog ich ihn auf.
“Also gut, lass uns gehen, um sicher zu gehen.”
“Es wäre am Besten, früh loszukommen. Lass uns um sechs Uhr morgens herum aufbrechen?”
“Sechs passt für mich, aber wirst du nicht zu müde sein?”
“Nein, es wird mich nur erfrischen und ich verspreche, es nicht zu übertreiben.”
Normalerweise fütterte Lew Dawidowitsch seine liebevoll beobachteten Kaninchen und Hühner von Viertel nach sieben (manchmal 7:20) bis neun Uhr morgens. Manchmal würde er seine Arbeit unterbrechen, um Anweisungen oder Ideen, auf die er gekommen war in sein Diktiergerät zu sprechen. An diesem Tag arbeitete er ohne Unterbrechung im Hof. Nach dem Frühstück versicherte er mir, dass er sich gut fühle und sprach über seinen Wunsch, einen Artikel über die Wehrpflicht in den USA zu schreiben. Und er hat tatsächlich angefangen, ihn zu diktieren.
Um ein Uhr kam Rigault, unser Anwalt im Fall der Angriffe vom 24. Mai, um uns zu sehen. Nach seiner Abfahrt schaute Lew Dawidowitsch, nicht ohne Bedauern, in mein Zimmer, um mir zu sagen, dass er die Arbeit an dem Artikel unterbrechen und die Vorbereitung des Materials für den Prozess im........
