Magazin: Die Doppelherrschaft: Matrix der Revolution
Die Doppelherrschaft: Matrix der Revolution
Leo Trotzkis Buch über die Geschichte der russischen Revolution enthält ein heute kaum bekanntes Kapitel über das Phänomen der Doppelherrschaft. Der Text liefert tiefe Einsichten in den historischen Mechanismus der Revolution und wird hier in kommentierter Fassung neu herausgegeben.
Der russische Marxist Leo Trotzki legte mit seiner im Exil verfassten umfangreichen Geschichte der russischen Revolution1 nicht nur ein bedeutendes historiographisches Werk vor, er griff auch insgesamt die Frage nach dem historischen Mechanismus der Revolution auf und stellte darüber theoretische Verallgemeinerungen an, die für alle Revolutionär:innen noch heute von zentraler Bedeutung sind.
Für Trotzki ist die Revolution in ihrer allgemeinsten Definition der „gewaltsame Einbruch der Massen in das Gebiet der Bestimmung über ihre eigenen Geschicke.“2 In friedlichen Zeiten erhebe sich der Staat über die Gesellschaft und werde die Geschichte von Minister:innen, Beamt:innen, Diplomat:innen und Generäl:innen gemacht. Doch sobald dieser Staatsapparat aufgrund bestimmter äußerer und innerer Verwerfungen aus dem Gleichgewicht gerät und seine schaltenden und waltenden Fähigkeiten einbüßt, brechen diese Schranken zusammen und die Masse der Bevölkerung kann vom Objekt der Geschichte zu dessen Subjekt werden. Die bis dato unterworfenen Klassen beginnen, sich aktiv in das gesellschaftliche Leben einzumischen, eigene Strukturen und Institutionen zu bilden und so die noch bestehenden alten Institutionen herauszufordern. Dies führt unweigerlich zu Zusammenstößen, in letzter Konsequenz zum Bürgerkrieg. Der Hergang dieses Kampfes, welcher sich in einer Abfolge von Stadien der Doppelherrschaft, die von Episoden des offenen Bürgerkriegs unterbrochen werden, ausdrückt, bildet zusammengenommen die Ereignisgeschichte einer jeden Revolution.
In sozialer Hinsicht ist eine Revolution nach Trotzki „der Übergang der [politischen] Macht von der einen Klasse zur anderen.“3 Dieser Prozess ist insofern ökonomisch fundiert, als dass die politische Herrschaft einer Klasse nicht auf beliebiger sozialer Grundlage möglich ist, sondern ihr eine bestimmte Entwicklung der Produktivkräfte zu Grunde liegt. Jede Klassengesellschaft enthält in diesem Sinne die Bedingungen der Möglichkeit ihrer eigenen Aufhebung. Das Bürgertum beispielsweise schuf sich, im Verlaufe der Ausdehnung seines bevorzugten ökonomischen Regimes mit allen dazugehörigen juristischen und kulturellen Institutionen in Form der Arbeiter:innenklasse seinen Antipoden, seinen „Totengräber“. Je höher sich die Produktivkräfte daraufhin entwickelten, je weiter sich die Arbeitsteilung ausdifferenzierte und je konzentrierter und folglich planmäßiger die Produktion von statten ging, desto stärker wurde eben dieses Bürgertum aus der sich selbst eingerichteten ökonomischen Struktur der Gesellschaft verdrängt und in allen Sphären der Produktion und Planung nach und nach ersetzt durch besoldete Angestellte und Beamte. Fast völlig seiner gesellschaftlichen Funktion beraubt, beschäftigte sich das zum Parasiten mutierte Bürgertum im Zeitalter des Imperialismus nur noch mit „Revenueneinstreichen, Kuponabschneiden und Spielen an der Börse.“4 Doch trotz der Tatsache, dass die ökonomischen Grundlagen für den Übergang zum Sozialismus bereits reif waren, trat das Bürgertum, seine Verkehrsformen und seine staatlichen Institutionen nicht einfach kampflos von der Bühne. Es musste, wie schon immer in der Geschichte, gewaltsam von der Spitze der Gesellschaft vertrieben werden. Dieser Prozess ging in Russland so weit wie noch nie zuvor in der Geschichte und zeigte auch hier, dass die Revolution kein einzelner Augenblick ist, obschon Revolutionen im vergleich zur ganzen menschlichen Geschichte nur sehr kurze Episoden darstellen, sondern ein frappierend komplexer Prozess mit aufeinanderfolgenden Phasen und gegenläufigen, widerstreitenden Tendenzen.
Für die bürgerlichen Historiker ist die Revolution eine undurchschaubare Smuta (russ. Wirre bzw. Zeit der Wirren).5 In der schnellen Abfolge von Ereignissen, der Regierungen und Übergangsregierungen, dem das Auf- und Abschwellen der Aktivität der Massen, den Aufständen und Gegenaufständen können sie nichts als ungelenktes Chaos erkennen. Der reaktionäre deutsche Osteuropahistoriker Jörg Barbarowski schrieb in seinen Reflexionen über die russische Revolution stellvertretend für seine ganze Zunft:
Der Glaube an das Vermögen des Menschen, den Gang des Geschehens zu durchschauen und ihn zu beherrschen, ist eine Illusion. Das gleichzeitige Denken, Fühlen und Handeln der Millionen folgt keinem erkennbaren Muster.6
Der Glaube an das Vermögen des Menschen, den Gang des Geschehens zu durchschauen und ihn zu beherrschen, ist eine Illusion. Das gleichzeitige Denken, Fühlen und Handeln der Millionen folgt keinem erkennbaren Muster.6
Barbarowski spricht hier dem modernen, d.h. dem alterschwachen, Bürgertum aus der Seele. Denn dieses ist aus seiner individuell zersplitterten Klassenlage und der historischen Sackgasse, in der es sich befindet, heraus zu keinen höheren historischen Verallgemeinerungen mehr fähig, als den abstrakten Idealen der Demokratie, der Freiheit und Gleichheit. Für das Bürgertum ist eine Revolution nur etwas, was wie ein Naturereignis spontan auftritt, erlitten werden muss und gegen das man sich nach allen Regeln der Staatskunst mit Polizeiknüppel, Schutzhaft und Inlandsgeheimdienst bestmöglich wappnen sollte. Dabei vergessen die Herren Staatshistoriker und Innenminister gerne, dass auch der Zar eine Polizei und einen Geheimdienst hatte und dass diese Apparate von Berufswegen sogar so viel Einblick in die elementaren Prozesse der russischen Gesellschaft erlangten, dass sie die herannahende Revolution zwar vorhersehen konnten, aber diese nicht abwenden konnten. Revolutionen sind von den klügsten Zeitgenossen in der Tat immer historisch vorausgesehen worden, wenn auch ihr konkreter Zeitpunkt und der unmittelbare Anlass ihres Ausbruchs im Vorhinein nicht exakt bestimmt werden konnte. Die Entwicklung der Produktivkräfte trifft an einem bestimmten Punkt im Schoße der alten Gesellschaft unausweichlich auf die alten Eigentums- und Verkehrsformen, die von den Staaten mit Gewalt aufrechterhalten werden und die weitere Entwicklung hemmen. Die aufsteigende soziale Klasse muss auf ihrem Weg zur Herrin über die ganze Gesellschaft die alten herrschenden Klassen, die sich an die überkommene Ordnung klammern, sowie ihren dazugehörigen Staat „zerbrechen, zerschlagen“, um die Produktivkräfte auf höherer Stufenleiter weiterentwickeln zu können.7 Dies allein fundiert die historische Unausweichlichkeit der Revolution. Ihr Ausgang jedenfalls ist selbstverständlich nicht vorherbestimmt. Der Klassenkampf, „bald versteckt, bald offen“, bemerkten Marx und Engels im Manifest endete historisch „jedesmal mit einer revolutionären Umgestaltung der ganzen Gesellschaft […] oder mit dem gemeinsamen Untergang der kämpfenden Klassen.“8 Und Rosa Luxemburg fasste es in der Junius-Flugschrift von 1915 in der griffigen Parole: „Sozialismus oder Barbarei“.9
Trotzki, in seiner Rolle als Historiker, kommt hier der Verdienst zu, die wirklich zugrundeliegenden Zusammenhänge und Bewegungsgesetze des revolutionären Prozesses offengelegt zu haben. Während der Lektüre seiner Geschichte kommt Ordnung ins Chaos und es beginnt, sich ein historisches Muster zu formen, dem der Prozess zu gehorchen scheint. Dieses Muster, heruntergebrochen auf seine allgemeinste Form, ist vor allem in einem Kapitel von Trotzkis Geschichte besonders deutlich zu erkennen, dem Kapitel über die Doppelherrschaft.
Dort erkennt Trotzki, dass das hervorstechendste äußere Merkmal der russischen Revolution, nämlich die Spaltung des staatlichen Überbaus in zwei Hälften, kein besonderes Merkmal der russischen Zustände ist. 1917 stand auf der einen Seite die bürgerliche provisorische Regierung (die kurz nach dem erfolgreichen Februaraufstand, der den Zaren stürzte, im rechten Flügel des taurischen Palais unterkam), die sich auf den alten Staatsapparat stützte und auf der anderen Seite die Sowjets (russ. Räte) der Arbeiter- und Soldatendeputierten (die den linken Flügel des Gebäudes bezogen). Wahrlich „a house divided“. Beide Hälften der Staatsgewalt, die eine im Niedergang und die andere im Aufstieg begriffen, begannen, zunächst versteckt, aber zunehmend offen um die Hegemonie über die ganze Gesellschaft zu kämpfen.
Trotzki entdeckt in seiner Untersuchung der russischen Doppelherrschaft und ihrer innewohnenden Tendenzen ein allgemeines historisches Gesetz, nämlich dass sich alle Revolutionen (und unter umgekehrten Vorzeichen auch die Konterrevolutionen) in einer zweitweiligen Spaltung des staatlichen Überbaus manifestieren, deren zwei Hälften die jeweils kämpfenden Klassen repräsentieren und er entdeckt, dass die Geschichte einer Revolution (und einer Konterrevolution) nichts weiter ist, als die Geschichte der Entstehung, Entwicklung und jedesmaligen Aufhebung dieser Doppelherrschaft, nach der einen oder nach der anderen Seite hin.
Dies leitet er allerdings nicht empiristisch aus den konkreten russischen Verhältnissen ab, die durchaus mit gewissem Recht als historische Besonderheit angesehen werden können, stattdessen entwickelt er die Hypothese von der Universalität der Doppelmacht in revolutionären Prozessen aus den basalen soziologischen Grundelementen der Klassengesellschaft, dem Stand der Produktivkräfte und den ihnen entsprechenden Produktionsverhältnissen, den aus ihnen entspringenden sozialen Klassen und dem historisch spezifischen staatlichen Überbauten. Anschließend prüft er seine Hypothese der Reihe nach an allen großen Revolutionen der Moderne, den englischen Bürgerkriegen von 1642-51, der französischen Revolution von 1789-99, der russischen Revolutionen von 1905 und 1917 und deutschen Revolution von 1918, ab, ob sich seine Entwicklungstheorie der Revolution in der Geschichte manifestiert – mit durchschlagendem Erfolg. Die Liste der Revolutionen könnte noch um einige weitere Ereignisse erweitert werden, die nach Trotzkis Tod geschahen, wie der verlorenen Revolutionen in Chile 1972, in Portugal 1974 und im Iran 1979, doch auch hier bestätigt sich wieder nur die allgemeine historische Gesetzmäßigkeit.
Interessant sind auch Trotzkis Kommentare zur marxistischen Staatestheorie, die den Staat als den Staat als Instrument der jeweilig herrschenden Klasse auffasst. Dogmatische Auslegungen dieser Theorie könnten tatsächlich auf die Idee kommen, dass ein gleichzeitiges Existieren zweier rivalisierender Staatsmächte in spe eine theoretische Unmöglichkeit darstellt. Aber die Geschichte ist nicht dafür bekannt, das völlige Umschlagen der gesamten Staatsverhältnisse von heute auf morgen vorzunehmen. Jede soziale Revolution, egal wie schnell sie von statten geht, ist ein Prozess der Überwindung einer zum Teil jahrhundertealten ökonomischen Struktur und ihrer Staats- und Rechtsordnung durch eine noch in ihren frühesten Ansätzen befindliche und daher noch unstete und unbestimmte Staats- und Rechtsordnung, die sich selbst eine noch vorläufige und unzureichende materielle Entsprechung in den Eigentums- und Produktionsverhältnissen gegeben hat. Dies drückt sich in der Komplexität und Verwickeltheit der Umwandlung der Staatsgewalt aus. Trotzki bemerkt dazu:
Wenn der Staat die Organisation der Klassenherrschaft ist, die Revolution aber die Ablösung der herrschenden Klasse, so muß der Übergang der Macht von der einen Klasse zur anderen notwendigerweise widerspruchsvolle Staatszustände schaffen, vor allem in Form der Doppelherrschaft. Das Verhältnis der Klassenkräfte ist keine mathematische Größe, die sich von vornherein berechnen läßt. Wenn das alte Regime aus dem Gleichgewicht geschleudert ist, kann das neue Verhältnis der Kräfte sich nur als Resultat ihrer gegenseitigen Nachprüfung im Kampf ergeben. Das eben ist die Revolution.10
Wenn der Staat die Organisation der Klassenherrschaft ist, die Revolution aber die Ablösung der herrschenden Klasse, so muß der Übergang der Macht von der einen Klasse zur anderen notwendigerweise widerspruchsvolle Staatszustände schaffen, vor allem in Form der Doppelherrschaft. Das Verhältnis der Klassenkräfte ist keine mathematische Größe, die sich von vornherein berechnen läßt. Wenn das alte Regime aus dem Gleichgewicht geschleudert ist, kann das neue Verhältnis der Kräfte sich nur als Resultat ihrer gegenseitigen Nachprüfung im Kampf ergeben. Das eben ist die Revolution.10
Damit wird jedem mechanisch Staatsverständnis stalinistischer Prägung von vornherein der Boden entzogen.
Debatten über die Theorie der Permanente Revolution
Im Frühjahr 2025 organisierte die Partei der sozialistischen Arbeiter:innen (PTS) in Neuquén, Argentinien eine Reihe von Diskussionsveranstaltungen über den zentralen theoretischen Beitrag Leo Trotzkis zum Marxismus, die Theorie der Permanenten Revolution (TPR). Die TPR wurde von Trotzki in Folge der Erfahrungen der Niederlage der ersten russischen Revolution von 1905 entwickelt und hat als seine drei Hauptelemente 1) Die Beziehung zwischen bürgerlich-demokratischer und sozialistischer Revolution in den kolonialen, halbkolonialen und peripheren Ländern, 2) Die Beziehung zwischen der nationalen und internationalen Ebene der sozialistischen Revolution und 3) Die Veränderungen in den Übergangs- oder postrevolutionären Gesellschaften. Im Rahmen dieser Diskussionen ergab sich die Notwendigkeit einer Erweiterung der TPR um bestimmte Aspekte, die ihre Anwendbarkeit auf die heutigen Verhältnisse präzisieren sollen. Einer dieser Erweiterungen war das Wiederaufgreifen von Trotzkis These von der Universalität der Doppelherrschaft in revolutionären Prozessen. Der argentinische Marxist Juan Del Maso, der einen Artikel über die Resultate dieser Veranstaltungen verfasst hat, hebt zwei zentrale strategische Schlussfolgerungen, die sich aus dem Verhältnis von Doppelmacht und TPR ergeben, hervor
„1) Vor der Revolution muss die Arbeiter:innenklasse eine Hegemonie über alle unterdrückten sozialen Schichten aufbauen, was eine neue Form der demokratischen Organisation der Massen beinhaltet. 2) In solchen Momenten entsteht eine „widersprüchliche Staatssituation“, in der zwei gegensätzliche Mächte nebeneinander bestehen, was von zentraler Bedeutung ist, um die sozialen und politischen Kämpfe vor der Revolution mit der Revolution selbst zu verbinden (die sonst ein messianisches Ereignis bleiben würde).
„1) Vor der Revolution muss die Arbeiter:innenklasse eine Hegemonie über alle unterdrückten sozialen Schichten aufbauen, was eine neue Form der demokratischen Organisation der Massen beinhaltet. 2) In solchen Momenten entsteht eine „widersprüchliche Staatssituation“, in der zwei gegensätzliche Mächte nebeneinander bestehen, was von zentraler Bedeutung ist, um die sozialen und politischen Kämpfe vor der Revolution mit der Revolution selbst zu verbinden (die sonst ein messianisches Ereignis bleiben würde).
Die Herausforderung der Revolutionär:innen ist es, die Theorie von der Doppelmacht nicht nur als analytische Linse zum Verständnis historischer und kommender Revolutionen zu verstehen, sondern sie auch in ihrer Konzeption der revolutionären Strategie zu berücksichtigen. Wenn die Revolution für die Revolutionär:innen kein nur zu erleidendes „messianisches“ Ereignis mit völlig offenem Ausgang sein soll, sondern eine feste Größe in ihrem Plan der Revolutionierung der Gesellschaft, dann müssen bereits heute bestimmte Vorbereitungsaufgaben angegangen werden, die die Wahrscheinlichkeit maximieren können, dass der Prozess der Revolution auch wirklich in der Machteroberung des Proletariats gipfelt und nicht vorher entgleist. Diese Aufgabe ist auch deshalb von zentraler Bedeutung, weil die Geschichte sehr reich an solchen Entgleisungen ist.
Beginnen wir mit der ersten strategischen Schlussfolgerung. Die Arbeiter:innenklasse bildet in hochentwickelten Gesellschaften heute unbestreitbar die Mehrheit der Bevölkerung. Doch gibt es auch hier durchaus noch starke Mittelschichten, wie das Kleinbäuer:innentum, dessen soziales Gewicht trotz seiner geringen Anzahl nicht unterschätzt werden sollte. Das Proletariat muss sich vor seiner Machtergreifung zur Führerin der gesamten Nation aufschwingen, muss also, indem es die sozialen und demokratischen Forderungen der Mittelschichten und anderer relevanter gesellschaftlicher Gruppen als Teil eines hegemonialen Programms adressiert, eine Mehrheit des Volkes in sein Lager hinüber gezogen haben und sie damit auch dem Lager der Konterrevolution entzogen haben. Auch das Aufgreifen der Forderungen nach nationaler Selbstbestimmung der vom eigenen Staat unterdrückten Nationen spielt hierfür eine große Rolle. Erringt das Proletariat hier die Hegemonie, können die Kämpfe der Bäuer:innen für eine demokratische Landreform und die Unabhängigkeitskämpfe unterdrückter Nationen die schweren Reserven der sozialen Revolution bilden. Die Oktoberrevolution wäre unmöglich gewesen, wenn die Bolschewiki nicht die Mehrheit des politisch aktiven Bäuer:innentums mit der demokratischen Forderung nach einer Landreform und dem Ende des Krieges auf ihre Seite gezogen hätten. Dies wurde erleichtert, durch die Bildung von demokratischen Organisationen der Bäuer:innen, den sogenannten Bäuer:innensowjets, in denen die verschiedenen politischen Parteien, offen ihre Ideen vertreten konnten. Auch wäre die Oktoberrevolution nicht möglich gewesen, wenn sich die Bolschewiki nicht an die Seite der vielen unterdrückten Völker des Zarenreichs gestellt hätten und deren demokratische Forderung nach nationaler Selbstbestimmung bis hin zum Recht auf staatliche Loslösung nicht unterstützt hätten.
Vor allem in Ländern der kolonialen und halbkolonialen Peripherie sind diese Fragen auch heute noch eine Überlebensfrage der Revolution. In Bolivien beispielsweise leben immer noch fast 30 Prozent der Bevölkerung auf dem Land, der Anteil an individuellem Handwerkertum und kleinen Ladenbesitzer:innen ist sehr hoch und es gibt ganze 56 vom Zentralstaat unterdrückte indigene Nationen. Während diese Zeilen geschrieben werden, erschütteren eine anhaltende Massenbewegung und Streiks das Land, die sich möglicherweise in eine revolutionäre Situation entwickeln könnten. Die Aufgabe der Kommunist:innen ist es, das strategische Reservoir der Mittelschichten und der unterdrückten Nationen mittels eines sozialen und demokratischen Programms der proletarischen Hegemonie gegen die Regierung in Stellung zu bringen, damit die Revolte hinüberwachsen kann in eine soziale Revolution. Bevor das Proletariat die Nation aufheben kann, muss es selbst zur Vertreterin der gesamten Nation emporsteigen. Dabei ist die Bildung von Bäuer:innensowjets sowie von Aktionskomitees, etwa zur Verteidigung der Ländereien indigener Nationen und zur Verteidigung gegen die Übergriffe des US-Imperialismus, eine Schlüsselaufgabe.
Die zweite strategische Schlussfolgerung betrifft eine der wichtigsten Lehren aus der Geschichte der beiden russischen Revolutionen, nämlich die Zentralität der Sowjets, der Räte, die nicht nur die Organe der zukünftigen proletarischen Staatsmacht im Embryonalstadium sind, sondern als Abschluss des Prozesses der Bildung Organen der Selbstorganisation als höchster Form der Einheitsfront des Proletariats zu verstehen sind. Mit Einheitsfront ist hier zunächst eine defensive Taktik gemeint, das heißt die Vereinigung der politisch und sozial gespaltenen Arbeiter:innenklasse zur........
