Wenn meine Töchter mich fragen
08. Mai 2026 – 21. Ijar 5786
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Wenn meine Töchter mich fragen
Wenn meine Töchter mich fragen
Am 8. Mai 1945 wurde der NS-Staat besiegt, aber nicht das Denken, das ihn ermöglicht hat. Der Hass wächst heute wieder. Werde ich meinen Kindern einmal sagen können, dass ich nicht geschwiegen, sondern widersprochen habe?
Der 8. Mai ist der Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus. Er erinnert an das Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa, an die Befreiung vom nationalsozialistischen Terror und an Millionen Menschen, die verfolgt, entrechtet, deportiert und ermordet wurden.
Für mich ist der 8. Mai kein Datum fürs Archiv. Er ist eine Frage: Was tun wir mit dem Wissen um das, was geschehen ist?
Vielleicht war das eine der bittersten Illusionen nach dem 8. Mai: zu glauben, mit der militärischen Niederlage des Nationalsozialismus sei auch das Denken besiegt, das ihn möglich gemacht hatte. Doch Menschenverachtung stirbt nicht an einem Datum. Sie kann weiterglimmen wie Glut unter der Asche: verdrängt, verharmlost, überdeckt vom Alltag und von der tröstlichen Erzählung, es könne nie wieder geschehen. Aber Glut bleibt gefährlich. Sie braucht nur Sauerstoff: Angst, Wut, Neid, Schweigen, Gleichgültigkeit, Hetze. Und wenn niemand sie erstickt, frisst sie sich wieder durch das, was wir für sicher hielten.
Ich möchte in einer Welt leben, in der Unterschiedlichkeit kein Makel ist, sondern Normalität. Umso mehr beunruhigt mich, wie offen Hass heute wieder zutage tritt. Sein Kern ist immer derselbe: Er beginnt dort, wo der andere nicht mehr als Mensch gesehen wird. Wo Menschen zu Gruppen werden. Zu Kategorien. Zu Problemen. Zu Feindbildern.
Die Opfer waren nicht abstrakt
In diesem Jahr jährt sich das Massaker von Babyn Jar zum 85. Mal. Am 29. und 30. September 1941 ermordeten deutsche Einheiten nahe Kyjiw mehr als 33.000 jüdische Menschen aus Kyjiw und Umgebung. Auch in Esch-sur-Alzette wurde vor 85 Jahren versucht, jüdisches Leben auszulöschen. Die alte Synagoge wurde 1941 von den deutschen Besatzern zerstört. Heute gibt es in Esch wieder eine Synagoge – und damit sichtbares jüdisches Leben in der Stadt. Erinnerung heißt auch, dieses Leben zu schützen.
Diese Erinnerungen führen für mich zu demselben Gedanken: Die Opfer waren nicht abstrakt. Sie waren........
