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Als die Zeit stillstand

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24.04.2026

24. April 2026 – 7. Ijar 5786

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Als die Zeit stillstand

Während der Schoa hatten viele Juden keinen Zugang zu einem jüdischen Kalender. Trotz allem fanden sie Wege, um in den Lagern oder im Versteck den Schabbat und die Feiertage einzuhalten

Ein kleines Gedankenspiel zeigt, wie Kalender unser Denken und unsere Wahrnehmung prägen: So erlaubt der Gregorianische Kalender es, die Schoa den »Massenverbrechen des 20. Jahrhunderts« zuzuordnen. Der Mord an sechs Millionen Jüdinnen und Juden scheint dadurch weit weg, wie ein Ereignis eines vergangenen Zeitalters.

Der jüdische Kalender tickt anders. Er datiert die Schoa etwa auf die Jahre 5700 bis 5705. Nach dieser Zeitrechnung gehört sie zu einem Jahrhundert, das heute, also im Jahr 5786, noch lange nicht abgeschlossen ist, geschweige denn der fernen Vergangenheit angehört.

Die Gründe, weshalb Juden während des Zweiten Weltkriegs zu Kalendermachern und Künstlern der Zeitrechnung wurden, waren freilich sehr viel pragmatischer als dieses Gedankenspiel. Wer als Jude von der SS in ein Konzentrations­lager gesperrt oder von einem katholischen Bauern in dessen Scheune versteckt wurde, aber den Schabbat nicht vergessen wollte, hatte ein Problem.

Der Talmud rät einem, der in der Wüste die Orientierung verliert, sofort sechs Tage zu zählen und den siebten Tag als Schabbat festzulegen. Hauptsache, der heilige Ruhetag ist klar von den normalen Wochentagen abgegrenzt. Wann wieder Jom Kippur, Sukkot oder Pessach ist – das lässt sich mit dem bloßen Abzählen von Tagen jedoch kaum sicherstellen.

Handgeschriebene Kalender

An vielen Orten, an denen Juden während des Holocausts ausharrten, entstanden deshalb einzigartige Kalender, zum Teil sogar von Hand geschrieben. Der Experte für dieses Thema heißt Avraham Rosen. Er wurde in Boston von dem Buchenwald-Überlebenden Elie Wiesel (1928–2016) ausgebildet und hat rund ein Dutzend Bücher veröffentlicht. Für seine jüngste Monografie hat er 36 jüdische Kalender aus den Jahren der Schoa erfasst und genauer untersucht.

Gegeben habe es davon sicherlich viel mehr. Aber selbst diejenigen, welche die Schoa überstanden hatten, wurden oft nicht aufbewahrt, meint Rosen. »Man war immer der Ansicht, dass jüdische Kalender nur von sehr wenigen und ausschließlich für religiöse Zwecke verwendet wurden.« Viele Historiker seien sowieso davon ausgegangen, dass Kalender – die naheliegenderweise mit Regelmäßigkeit und Normalität assoziiert werden – gar nicht helfen können, einen absoluten Ausnahmezustand wie die Schoa besser zu verstehen.

Wer die Orientierung verliert, soll sechs Tage zählen und den siebten als Ruhetag festlegen.

Wer die Orientierung verliert, soll sechs Tage zählen und den siebten als Ruhetag festlegen.

Dass diese Annahme zu kurz greift, erklärt Rosen gern anhand eines Kalenders für das Jahr 5704 (September 1943 bis September 1944). Seinem Macher, dem in Polen geborenen Rabbiner Israel Simcha........

© Juedische Allgemeine