Nach der Zerstörung
23. Juli 2026 – 9. Aw 5786
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Der Tag der Trauer um den Tempel steht heute auch im Schatten von Schoa und 7. Oktober
Tischa beAw ist zwar nicht der einzige Trauertag mit Fasten, doch wurde er zum zentralen und wichtigsten Gedenktag im hebräischen Kalender, an dem wir zur Reflexion über Trauer, Zerstörung und die Härten in der jüdischen Geschichte aufgerufen werden. Ursprünglich stand die Erinnerung an die Zerstörung des Ersten Tempels im Mittelpunkt; bereits in der Entstehungszeit der Fastenordnungen und ihrer halachischen Form wurde an dem Tag jedoch auch der Zerstörung des Zweiten Tempels gedacht.
Von hier war es nur ein kurzer Weg zu der Sichtweise, die sich über die Jahrhunderte bis heute hält: Tischa beAw fasst das Gedenken an Pogrome, Verfolgungen, Vernichtung und Leid jeder Generation zusammen. Neben dem Anker von Freude und Segen, den die jüdischen Feste setzen, steht Tischa beAw für die psychische, spirituelle und religiöse Reflexion über das, was als Zerstörung und Exil erlebt wird.
Wie willst du dein Leben als Angehöriger eines überlebenden Volkes gestalten?
Wie willst du dein Leben als Angehöriger eines überlebenden Volkes gestalten?
Ein Blick in die Midrasch-Literatur, die in den Jahrhunderten nach der Zerstörung des Tempels entstand, offenbart eine interessante Tatsache. Weil der Midrasch seiner Natur nach die Schrift auslegt, beziehen sich die Midraschim oberflächlich meist auf die Zerstörung der biblischen Zeit – also auf den Ersten Tempel. Eine sorgfältige Lektüre zeigt jedoch, dass der Schmerz, die Ratlosigkeit und das Exilerleben, mit dem sie ringen, tatsächlich aus der Erfahrung der Zerstörung des Zweiten Tempels herrühren – aus der Wirklichkeit, in der ihre Verfasser lebten.
Bewusstsein des Exils
Das Bewusstsein des Exils, das diese Werke durchzieht, hängt nicht entscheidend davon ab, ob sie in Israel oder in Babylonien verfasst wurden. Selbst in Eretz Israel konnte man die Erfahrung haben, dass die Welt – ja sogar Gott – im Exil sei und dass zur Wiederherstellung eines würdigen menschlichen Daseins Erlösung erforderlich ist. So schildert der Babylonische Talmud im Traktat Rosch Haschana, wie die Schechina sich im Verlauf der Kriege und der Zerstörung vom Innersten des Heiligtums entfernte, gen Himmel zurückkehrte und das Land leer von der Gegenwart Gottes ließ.
Auch beschreiben die Weisen die Zeit nach der Tempelzerstörung als eine, in der entscheidende Dimensionen gestört sind: Gott hat in seiner Welt nicht mehr als »vier Ellen Halacha«, und »die Tore des Gebets sind verschlossen« (Berachot). Selbst die Natur ändert sich, und der Regen – so lebensnotwendig in Eretz Israel – wird rarer (Taanit). Die Essenz des Gefühls von Exil und Bruch fasst die Vorstellung zusammen, dass seit der Zerstörung des Tempels eine »Eisenmauer« zwischen Israel........
