Kein Ort, keine Geschichte
25. Februar 2026 – 8. Adar 5786
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Kein Ort, keine Geschichte
Vom Eschnerberg bis Vaduz: Jüdische Spuren im sechstkleinsten Staat der Welt
Im Liechtenstein des 21. Jahrhunderts gibt es keine jüdische Gemeinde, keine Synagoge, keinen festen Begegnungsort für Juden. Für die wenigen jüdischen Einwohner gibt es keine Gemeinschaft. In einem Beitrag der Liechtensteiner Zeitung »Vaterland« hieß es nüchtern: »Ein jüdischer Begegnungsort fehlt.« Auch in den Schulen spielt das Thema kaum eine Rolle, und viele junge Menschen wissen wenig über die jüdische Geschichte des Landes.
Das steht im Kontrast zu Liechtensteins Wohlstand und seinem internationalen Anspruch. Während Stiftungen und Banken global operieren, existiert im Land selbst kein Ort, der an jüdisches Leben erinnert oder es pflegt. Die Erinnerungskultur beschränkt sich auf Gedenktage und einzelne Projekte.
Dabei reicht die Geschichte weit zurück: Bereits für die Spätantike und das Frühmittelalter seien durch das römische Rätien reisende Juden anzunehmen, heißt es im Historischen Lexikon des Fürstentums Liechtenstein. Pilger auf dem Weg ins Heilige Land hätten gelegentlich die Hauptstadt Vaduz passiert. Im 14. Jahrhundert habe es rege wirtschaftliche Kontakte von Juden in den Raum Liechtenstein gegeben.
»Nicht frei von Spannungen«
Nach der Vertreibung aus den städtischen Zentren im 15. und 16. Jahrhundert hätten Juden sich auf dem Land neue Lebensgrundlagen gesucht. Als Viehhändler oder Hausierer seien sie auch durch den Raum Liechtenstein gezogen, heißt es weiter. Dafür spricht ein in der Vaduzer Zollordnung von 1552 enthaltener diskriminierender sogenannter Würfelzoll für Juden.
1637 gründeten Flüchtlinge aus Österreich die jüdische Gemeinde am Eschnerberg. 20 Haushalte mit rund 100 Personen seien es gewesen, die nicht in einem Ghetto, sondern verstreut in kleineren Orten lebten. Die eher ärmliche Gemeinde habe über eine Synagoge (die Mitte des 19. Jahrhunderts abbrannte), über einen Rabbiner (Abraham Neuburg) und ein Ehegericht verfügt. Die Mitglieder betrieben einen bescheidenen Handel mit Pferden, Vieh, Häuten, Tuch und Silberwaren. Der Geldhandel habe erst im 17. und 18. Jahrhundert an Bedeutung gewonnen.
Das Verhältnis zur christlichen Bevölkerung sei »nicht frei von Spannungen« gewesen, und die Obrigkeit habe wiederholt zum Schutz der Juden eingegriffen, so die Chronik.
Erfolgreich verdrängt
Zwischen 1748 und 1920 seien keine in Liechtenstein lebenden Juden dokumentiert. 1866 und 1884 erwarben die Gebrüder Rosenthal zwei Textilfabriken in Vaduz, die in und nach dem Ersten Weltkrieg jedoch den Betrieb einstellten. Ab den 1920er-Jahren seien erst vereinzelt und in den 30er-Jahren vermehrt Juden zugezogen. Zum einen wegen der Weltwirtschaftskrise, zum anderen, weil – gegen hohe Gebühren – die Einbürgerung möglich war, und schließlich zur Flucht vor den Nazis.
Von 1933 bis 1945 seien 144........
