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Deutschland hat die Nato gerettet

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15.02.2026

Selten war die Anspannung vor der Sicherheitskonferenz in München so groß wie in diesem Jahr. Das Gedränge vor den Sicherheitskontrollen, die Gespräche auf schmalen Fluren und die ständige Sorge, eine Rede oder Podiumsdiskussion zu verpassen: Alles wirkte noch intensiver als sonst.

Sind Europäer und Amerikaner noch Freunde – oder zerbricht das mächtigste Bündnis der Weltgeschichte? Um nicht weniger ging es. „Die alte Welt gibt es nicht mehr“, hatte US-Außenminister Marco Rubio vor seinem Abflug nach München gesagt – und damit das düstere Motto der Sicherheitskonferenz bestätigt: „Under Destruction“.

Die internationale Ordnung ist zerfallen, das Vertrauen in Amerika zerstört. Wenn Vertreter der US-Regierung das Wort ergreifen, rechnen die Europäer inzwischen mit dem Schlimmsten. Selbst Kriegsdrohungen sind nicht ausgeschlossen, wie sich im Streit um Grönland zeigte.

Was also bleibt nach den drei hektischen Tagen im Bayerischen Hof? Die Erleichterung, dass Rubio sein Interesse an einem starken Europa betonte, die europäische Kultur würdigte und deutsches Bier lobte? Oder das Entsetzen, dass Rubios Rede einem Loblied auf den Kolonialismus glich und mit völkischem Vokabular gespickt war?

Selten war die Anspannung vor der Sicherheitskonferenz in München so groß wie in diesem Jahr. Das Gedränge vor den Sicherheitskontrollen, die Gespräche auf schmalen Fluren und die ständige Sorge, eine Rede oder Podiumsdiskussion zu verpassen: Alles wirkte noch intensiver als sonst.

Sind Europäer und Amerikaner noch Freunde – oder zerbricht das mächtigste Bündnis der Weltgeschichte? Um nicht weniger ging es. „Die alte Welt gibt es nicht mehr“, hatte US-Außenminister Marco Rubio vor seinem Abflug nach München gesagt – und damit das düstere Motto der Sicherheitskonferenz bestätigt: „Under Destruction“.

Die internationale Ordnung ist zerfallen, das Vertrauen in Amerika zerstört. Wenn Vertreter der US-Regierung das Wort ergreifen, rechnen die Europäer inzwischen mit dem Schlimmsten. Selbst Kriegsdrohungen sind nicht ausgeschlossen, wie sich im Streit um Grönland zeigte.

Was also bleibt nach den drei hektischen Tagen im Bayerischen Hof? Die Erleichterung, dass Rubio sein Interesse an einem starken Europa betonte, die europäische Kultur würdigte und deutsches Bier lobte? Oder das Entsetzen, dass Rubios Rede einem Loblied auf den Kolonialismus glich und mit völkischem Vokabular gespickt war?

„Wollen keine höflichen Verwalter des Niedergangs des Westens sein“ – die Rede von Marco Rubio im Wortlaut

Aufgeregt wurde in München darüber diskutiert, was von der Reaktion des Publikums auf Rubio zu halten ist. Ob man einer Rede, die vor dem „Klima-Kult“, vor „unkontrollierter Masseneinwanderung“ und den „Kräften der zivilisatorischen Auslöschung“ warnte, im Stehen applaudieren sollte.

Doch so aufwühlend die Rhetorik aus Amerika, so alarmierend die Diskursverschiebung durch das MAGA-Lager auch ist – in diesem Jahr gab es Wichtigeres. Zum vielleicht ersten Mal in ihrer 62-jährigen Geschichte war der zentrale Akteur der Sicherheitskonferenz nicht der Kopf der US-Delegation. Es war der deutsche Kanzler. Die Zeitenwende ist keine Ankündigung mehr, sie ist Realität.

Deutschland redet nicht nur, es handelt

Friedrich Merz hat in seiner Münchener Rede Deutschlands Verantwortung für die Sicherheit Europas betont. Aber was noch wichtiger ist: Er hat seine Worte mit Taten unterlegt. Deutschland erhöht seine Verteidigungsausgaben in einem Maß, das noch vor einem Jahr unmöglich erschien. Das beweist eine lang vermisste Ernsthaftigkeit.

Russland bedroht mit seiner Landgier den Frieden in Europa. Die hohen Verluste der Invasionstruppen, die Kremlchef Wladimir Putin in die Ukraine geschickt hat, sind kein Grund zur Entwarnung, im Gegenteil. Schon jetzt beginnt die russische Armee sich für den nächsten Krieg zu rüsten, ihre Waffenlager wieder aufzufüllen und ihre Erfahrungen im Drohnenkrieg in ihre Militärdoktrin zu überführen. Mit Sabotageakten, Mordanschlägen und Cyberangriffen fordern die Russen Europa schon jetzt heraus.

„Damit die andere Seite den Schmerz spürt“ – BND will härteren Kurs gegen Russlands hybriden Krieg

Bis zu seinem Wahlsieg hatte Merz die Position vertreten, dass Deutschland trotzdem die Schuldenbremse einhalten müsse. Erst danach drückte er zusammen mit SPD und Grünen eine Verfassungsänderung durch. Wie auch immer man dazu steht, ob man in Merz’ Manöver kluge Taktik oder dreisten Wortbruch sieht: Mit dieser Entscheidung hat Deutschland die Nato gerettet.

Die unbeliebte Bundesregierung, die sich innenpolitisch im Klein-Klein verzettelt und mit ihren Wirtschaftsreformen weit hinter den Erwartungen und Anforderungen zurückbleibt, hat sich außenpolitisch ein historisches Verdienst erworben.

Die Amerikaner haben klargestellt, dass sie die Verteidigung Europas nicht länger allein stemmen werden. Sie bestehen auf einer Arbeitsteilung, nach der die Europäer die Hauptverantwortung für ihre eigene Sicherheit übernehmen müssen. Hochrangige Diplomaten räumen ein: Ohne Deutschlands finanzpolitische Kehrtwende wäre die Nato im vergangenen Jahr zerbrochen. Europa hätte den amerikanischen Atomschutzschirm verloren, den weder Frankreich noch Großbritannien ersetzen können.

Verteidigungsminister Boris Pistorius brachte den neuen Deal mit den Amerikanern auf den Punkt: „Die Nato wird europäischer, damit sie transatlantisch bleiben kann.“ Die Gemeinsamkeiten zwischen den Europäern und dem MAGA-Amerika reichen nicht für eine Wertepartnerschaft. Aber für ein Interessenbündnis könnten sie genügen – weil Deutschland Amerika entlastet und eine Führungsrolle in Europa übernimmt.

Vier Punkte für das Programm der Freiheit: Die Merz-Rede von München im Wortlaut

Die Deutschen denken ungern in machtpolitischen Kategorien, die Geschichte mahnt sie zur Zurückhaltung. Und doch ist die Bundesrepublik der Schlüssel zu Europas Selbstbehauptung. Kein anderes Land des Kontinents hat die Größe, das wirtschaftliche Gewicht und die Finanzkraft, um das militärische Kräfteverhältnis innerhalb der Nato neu auszutarieren. Der deutsche Wehretat soll bis 2029 auf 150 Milliarden Euro steigen – das wird in etwa so viel sein, wie Briten und Franzosen zusammen investieren.

Machen wir uns nichts vor: Die deutsche Wiederaufrüstung bedeutet eine Machtverschiebung, und sie wird Europa verändern. Merz hat in seiner Rede an einen Satz des polnischen Außenministers Radek Sikorski erinnert: „Ich fürchte deutsche Macht weniger als deutsche Untätigkeit.“ Sicherzustellen, dass das so bleibt, wird eine der zentralen Aufgaben deutscher Außenpolitik sein.

1953, als die Deutschen noch damit beschäftigt waren, die Weltkriegstrümmer zu beseitigen, warnte der Schriftsteller Thomas Mann davor, jemals wieder nach einem „deutschen Europa“ zu streben. Sein Appell, stattdessen ein „europäisches Deutschland“ zu schaffen, ist wichtiger denn je.

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