Kameras vor Synagogen sind keine Schande, sondern Notwendigkeit
Jüdisches Leben : Kameras vor Synagogen sind keine Schande, sondern Notwendigkeit
Jüdisches Leben in Hessen muss selbstverständlich möglich sein. Doch solange die dafür notwendigen Vorkehrungen den Alltag sichtbar prägen, ist Normalität nur eine vage Hoffnung.
Vor der Synagoge im Frankfurter Westend verläuft eine Grenze, die jeder sehen kann. Seit Februar 2025 gehört eine Videoschutzanlage zu diesem Ort, an dem gebetet, gefeiert, getrauert und gelernt wird. Die Kamera schützt. Gleichzeitig markiert sie eine Trennlinie im öffentlichen Raum: Hier beginnt ein jüdischer Ort, der mit Technik, Polizei und besonderen Sicherheitsvorkehrungen gesichert werden muss. Unsichtbar bleibt dabei allerdings, wie weit diese Grenze in den Alltag hineinreicht.
Genau darin liegt der Widerspruch, für den die Kamera steht. Sie sagt: Dieser Ort ist wichtig. Und sie sagt ebenso: Dieser Ort ist gefährdet. Ist Schutz also die Voraussetzung für jüdische Normalität – oder macht er sichtbar, dass Deutschland von dieser Normalität noch weit entfernt ist?
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Die Zahlen aus Hessen lassen wenig Raum für beruhigende Antworten. RIAS Hessen, die „Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Hessen“, unterstützt Menschen, die antisemitische Vorfälle erlebt oder beobachtet haben. RIAS nimmt Meldungen entgegen, dokumentiert und analysiert Antisemitismus. Dabei werden auch Beleidigungen, Schmierereien, antisemitische Aussagen und andere Vorfälle unterhalb der Strafbarkeit erfasst.
Mehr als tausend antisemitische Vorfälle in Hessen
Die Angaben von RIAS sind daher nicht mit einer Polizeistatistik gleichzusetzen. Sie beruhen auf Meldungen, eigener Beobachtung und einem bundesweit abgestimmten Kategoriensystem. Gerade dieser erweiterte Blick macht Erfahrungen sichtbar, die in amtlichen Statistiken häufig nicht auftauchen. Für das Jahr 2025 dokumentierte RIAS Hessen 1099 antisemitische Vorfälle – rund 18 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Rechnerisch sind das drei Vorfälle täglich.
Mehr als 959 Meldungen wurden als verletzendes Verhalten eingeordnet. Dazu gehören antisemitische Aussagen, Beleidigungen, Schmierereien........
