EU rollt Altersverifikations-App aus – aber sie birgt Gefahren
EU-Altersverifikations-App: Warum das neue Instrument mehr Fragen als Sicherheit im Netz schafft
EU rollt Altersverifikations-App aus – aber sie birgt Gefahren
Brüssel startet eine neue App für ganz Europa, die ein wichtiges Instrument für den Schutz von Kindern und Jugendlichen im Netz werden soll. Doch die digitale Prüfung des Alters ist kein Wundermittel.
Europa muss Kinder und Jugendliche besser vor den Gefahren im Internet schützen. Das ist unbestritten. Millionen sind bereits Opfer von Cybermobbing geworden, manche Influencer und Handy-Games plündern das Taschengeld – und viele Plattformen sind ganz bewusst so aufgebaut, dass sie süchtig machen können.
Bislang fehlte es an wirksamen Instrumenten, um Minderjährige zuverlässig vor problematischen Apps und Webseiten in Schutz zu nehmen. Das soll sich mit der neuen Altersverifikations-App der Europäischen Union ändern, die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen am Mittwoch vorstellte. Nachdem man einmal mit dem Ausweis das Alter bestätigt hat, gibt es Zugriff auf altersbeschränkte Apps und Webseiten.
Doch es gibt bei alldem fünf Gefahren, die nicht ignoriert werden dürfen.
1. Die App als Feigenblatt: Von der Leyen pries sich selbst für eine einheitliche europäische Lösung. Doch auch die beste App nützt nichts, wenn sie nicht eingesetzt wird. Beim am meisten diskutierten Einsatzgebiet – einem Mindestalter für die Nutzung von Social Media – schreckt die EU vor einer einheitlichen Regelung zurück. Stattdessen obliegt es den Mitgliedstaaten, ob und für welches genaue Alter sie Beschränkungen festlegen. Einige machen Tempo, andere gründen Arbeitsgruppen – wie die deutsche Bundesregierung. Der Élysée-Palast hat für Donnerstag Beratungen mit den europäischen Staats- und Regierungschefs angekündigt, um über mögliche Social-Media-Verbote zu diskutieren. Immerhin: Mit der neuen EU-App kann sich künftig keine Regierung mehr mit angeblichen technischen Hürden herausreden.
2. Trügerische Sicherheit: Eine Altersverifizierung macht Social Media nicht automatisch sicherer – so etwas wäre ein gefährlicher Trugschluss. Das eigentliche Problem ist nicht das Alter der Nutzer. Es sind die süchtig machenden Tricks der Anbieter, die auch viele Erwachsene stundenlang ans Handy fesseln. Zu lange haben die Techkonzerne selbst die Spielregeln bestimmt – mit freiwilligen Selbstverpflichtungen statt verbindlicher Gesetze, mit unternehmenseigenen Ethikgremien statt echter Kontrolle. Doch nicht private Unternehmen sollten entscheiden, welche Risiken die Gesellschaft verträgt, sondern gewählte Politiker und öffentliche Institutionen. Dafür braucht es mehr als eine schlichte App zur Altersverifizierung.
Nicht private Unternehmen sollten entscheiden, welche Risiken die Gesellschaft verträgt, sondern gewählte Politiker und öffentliche Institutionen.
Nicht private Unternehmen sollten entscheiden, welche Risiken die Gesellschaft verträgt, sondern gewählte Politiker und öffentliche Institutionen.
3. Eltern bleiben die Hauptverantwortlichen: Natürlich wäre es wünschenswert, wenn die Politik gar nicht eingreifen müsste, weil Eltern die volle Kontrolle haben. Die Realität ist eine andere: Ständige Überwachung der Jugendlichen ist unmöglich und auch nicht wünschenswert. Die Altersverifizierung kann Eltern unterstützen, dass Kinder nicht zu früh den Gefahren des Internets ausgesetzt werden. Aber sie entbindet sie nicht von ihrer Aufklärung über Risiken.
4. Möglicher Ausschluss vulnerabler Gruppen: Wer den Zugang zu bestimmten Apps an den Ausweis knüpft, muss alle gefährdeten Menschen im Blick behalten – nicht nur Kinder. Eine Frau, die einer gewalttätigen Beziehung entfliehen will, könnte keine Nachrichten verschicken, wenn ihr Peiniger ihr den Ausweis abgenommen hat. Geflüchtete ohne Ausweis würden ausgeschlossen, wenn der Herkunftsstaat nicht bei der Ausstellung neuer Papiere kooperiert.
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5. Sensible Daten bleiben ein Sicherheitsrisiko: Es ist ein Vorteil, dass die EU selbst die App bereitstellt – mit Transparenz und höchsten Datenschutzstandards –, statt private Anbieter ins Geschäft zu lassen, die sensible Daten für KI-Trainings oder Kreditwürdigkeits-Ratings missbrauchen könnten. Brüssel hat die Chance, weltweit Standards zu setzen, wie schon bei der Datenschutz-Grundverordnung. Dennoch gilt: Wo sensible Daten in großem Umfang anfallen, zieht dies auch Hacker an. Das Risiko lässt sich minimieren, aber nicht eliminieren.
