Noch bevor du deinen Namen nennst
Im Lenbachhaus an der Wand ist das berühmte Gedicht von Semra Ertan projiziert, eindringlich vorgelesen mit abwechselnden Fotos illustriert. Am Ausgang hängen auf einem Nagel die Ausdrucke des Gedichts: ein Stapel A4‑Blätter, in dunklem Lila, zum Mitnehmen. Ich nehme eins mit. Natürlich. Ich fühle mich angesprochen, auch wenn mein Weg hierher unvergleichlich leichter war.
Das Blatt trage ich vorsichtig, ohne es zu knicken oder rollen. Wo hänge ich es auf: im Büro oder zu Hause? Ich möchte, dass jeder, der liest, versteht: In dem Gedicht steht dieser Satz, der dir den Namen gibt, der ab nun für immer gelten wird, den du immer tragen wirst.
Ich weiß, dass ich es hier gut habe. Einerseits ist es erleichternd, andererseits tut es mir leid – vor allem für die anderen, deren Ankommen ganz anders verlaufen ist. Ich kann fast immer Durch- und Unterschätzungen, pauschale Erwartungen und Zuweisungen ziemlich schmerzfrei abhaben. Der Satz „Du sprichst aber gut Deutsch“ empört mich nicht; ich bedanke mich beiläufig oder sage: Es hätte inzwischen besser sein können. Aber ich verstehe sehr wohl, warum andere diesen Satz nicht als Kompliment hören.
Im Gedicht steht dieser Moment, in dem dir ein Name gegeben wird, der bleiben........
