Identität: gesucht – gefunden
Ich bin seit ein paar Monaten ein glücklicher Hörer von Deutschlandfunk Kultur, deren Sendungen mir passend zu meiner Hin- und Rückfahrt in die Arbeit Glück und Inspiration bieten. Am Vormittag höre ich in die Sendung „Lesart“ hinein, in welcher Bücher und ihre Autoren vorgestellt werden, oder gar mit ihnen gesprochen wird. In der letzten Woche war es das Buch „Unerwünschte Töchter“, und Miriam Carbe wurde vorgestellt als eine Moderatorin des Senders arte, mit halb nigerianischen, halb deutschen Wurzeln. Ich folgte dem Gespräch mit der Autorin, wie sie über ihre Großmutter und ihre Mutter sprach, wie sie mithilfe der Tagebücher der Frauen in ihrer Familie ihre Identität und ihr Selbstverständnis erforschte … Es dauerte eine Weile beim Zuhören, bis ich eine gewisse schleichende Überraschung und Widerständigkeit in mir fühlte, die ich nicht gleich verstand, bis es mir aufging: Dieses Graben nach dem eigenen Ich mithilfe früherer Generationen, dieses Verbundenfühlen mit der Mutter, Großmutter, Urgroßmutter – das galt nicht der afrikanischen Herkunft, sondern der bürgerlich-deutschen von Miriam Carbe.
Widerständiges Verstehen
Aber warum sträubte sich mein Verstehen so lange, das zu begreifen? Ich musste über mich selbst lachen. Da schau her, dachte ich, ich hatte erwartet, dass das Immigrantische, das Ferne, das Exotische, in diesem Fall: das Afrikanische die Identität der Autorin ausmacht, sie inspiriert, sie fasziniert. Warum eigentlich denn?
Ich bin ja in meiner Familie auch diejenige, die den „Migrationshintergrund“ hereingebracht hat. Was Familie selbst ist, die Herkunft, das, was in meiner Familie von Bedeutung ist, von meiner Seite kommt mein siebenbürgischer Hintergrund, meine rumänische Herkunft, die Geschichte meiner Familie, die „Saga“ – alles das. Mein Mann geht dabei voll mit, meine Kinder sind nicht müde, sich von mir „aus der Heimat“ erzählen zu lassen, sie kennen vom Zuhören meinen Siebenbürger Dialekt. Ja, man ist deutsch, aber mit Färbung, und man ist auch ein bisschen stolz darauf.
Nicht die afrikanische Herkunft
Ob es an diesem lag, dass ich beim Buch von Miriam Carbe genau was Anderes, nämlich die afrikanische Herkunft als Thema erwartet hatte? Bei mir ist ja meine Herkunft circa 1500 km entfernt, meine Mehrsprachigkeit kultureller Vorteil, meine Immigrationsgeschichte eine Entschuldigung für Eigenheiten und Defizite. Diese Dominanz des Andersseins in meiner eigenen sozialen Umgebung, die hat mich dafür sensibilisiert, oder, negativ gesagt: voreingenommen gemacht. Ich erzähle gerne, dass ich sehr gut integriert........
