menu_open Columnists
We use cookies to provide some features and experiences in QOSHE

More information  .  Close

Der Kipppunkt

23 0
19.07.2026

Meine Großmutter hatte es in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts geschafft, als junges Mädchen alleine für ein halbes Jahr in die Fremde zu gehen. Diese Fremde war Norddeutschland, aufgrund eines Programms zur Bildung von deutschsprachigen jungen Leuten aus dem Ausland. Im Falle meiner Großmutter: Rumänien. Sie wäre beinahe geblieben, hätte Sport studiert. Sie wurde aber von der Familie zurückgerufen und hat zeitlebens davon erzählt. Sie zeigte mir diese Briefe aus den 20er und 30er Jahren, in Sütterlin, von ihrer Freundin, die später in Berlin oder einer anderen großen Stadt lebte. Und ein halber Satz aus diesen Briefen hatte meine Großmutter immer und immer wieder zitiert, vielleicht von 1931: „Auf der Straße schlagen sich die Nazi und die Kozi die Köpfe blutig.“ Tatsächlich waren in der zu Ende neigenden Weimarer Zeit die Straßenschlachten zwischen Kommunisten und den SA-Truppen virulent und blutig. Für friedliebende Bürger muss das von außen verstörend ausgesehen und Angst vor beiden Seiten erzeugt haben. 

Aus der heutigen historischen Sicht ist es einfach(er), die SA als den Vorboten der Gräuel zu sehen, die das Dritte Reich an Juden und anderen Minderheiten beging, an den Schrecken, die es über Europa brachte, als das, was man „damals“ mit allen Mitteln hätte verhindern sollen. Es fällt womöglich mit diesem Wissen schwer, die „Kozi“ und die „Nazi“ gleich problematisch zu empfinden, wie das die Freundin meiner Großmutter so ausgedrückt hat.

Ebenso weiß diese Freundin von 1931 eben nicht, dass sie zwei Jahre vor der Machtergreifung der NSDAP ist, 4 Jahre vor den Nürnberger Gesetzen, 8 Jahre vor dem Überfall auf Polen. Und Auschwitz und Dachau hatten nicht den Klang von Asche und Ungeheuerlichkeit, wie sie heute tragen. Sie weiß vor allem nichts davon, dass sie in der „sich zu Ende neigenden Weimarer Zeit“ befindet.

Ich habe keine Ahnung, was aus dieser Freundin meiner Oma wurde, aber ganz gleich – aus diesem einen halben Satz von ihr, der in meiner Familie tradiert wurde, schließe ich auf eine exemplarische bürgerliche Existenz, die Frieden im Leben, wirtschaftliche Prosperität ohne große Ambitionen nach Reichtum wünschte, und vor allem eine gewisse Distanz zur erhitzten politischen Situation im Land. „Bitte hört BEIDE damit auf. Ihr seid BEIDE ein Problem.“ – danach klingt das.

Im Nachhinein, heute, vielleicht aber auch schon um 1968 rum, oder gleich nach dem Krieg – klagen wir: Bitte, warum habt ihr dem nicht noch mehr widerstanden? Wenn ein Eigenbrödler wie Georg Elser nicht wie der Unabomber aussieht sondern für uns Deutsche das Feigenblatt des Widerstands bedeutet, wenn Stauffenbergs Putschversagen beklagt wird und die Mitglieder der Weißen Rose vor........

© Die Kolumnisten