Rodrigo Paz: The Normal One
Es gibt einen Satz, den man in der Hauptstadt La Paz derzeit öfter hört als jede Regierungserklärung: „Er ist halt normal.“ Gemeint ist Rodrigo Paz, seit dem 8. November 2025 Präsident Boliviens, Sohn eines früheren Staatschefs, Bürgermeister einer Weinbaustadt, Senator, Christdemokrat – und, wenn man Stimmen aus den Nachbarländern glaubt, so ziemlich das Exotischste, was der Kontinent derzeit zu bieten hat: ein Mann ohne Bühnenshow.
Die Amtskollegen aus der Nachbarschaft
Man muss sich die Amtskollegen aus den Nachbarländern einmal vor Augen führen, um zu verstehen, wie ungewöhnlich Normalo Paz mittlerweile wirkt. Der frühere Rocksänger und Wirtschaftsprofessor Javier Milei regiert Argentinien mit der Kettensäge als Markenzeichen, einer Prise Anarchokapitalismus und einer Vorliebe für virale Auftritte. Dabei packt der Mann mit der Wuschelfrisur und der abgenutzten Lederjacke schon einmal seine noch nicht eingerostete Rockröhre aus. Lula da Silva in Brasilien, mittlerweile in seiner dritten Amtszeit, ist so etwas wie der ewige Patriarch der lateinamerikanischen Linken, ein Mann, der Weltgeschichte und Selbstmythos kaum noch auseinanderhält. Lula hat zweifellos Verdienste, insbesondere als Oppositionsführer und während seiner ersten Amtsperiode um die Jahrtausendwende. Allerdings ist sein Name inzwischen ebenso mit Skandalen und Skandälchen verbunden. Zudem ähnelt Lula seiner Nemesis Donald Trump in Stil und Auftritt inzwischen mehr als er selbst wahrhaben möchte. Und Abelardo „El Tigre“ de la Espriella, Kolumbiens neuer starker Mann, pflegt einen Stil, der zwischen Wahlkampf und Boxring changiert. Drei Präsidenten, drei Dauerspektakel. Und dann Paz:........
