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Ohne Energiewende bleibt Deutschland erpressbar

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Ohne Energiewende bleibt Deutschland erpressbar – ein Kommentar von Luisa Neubauer

Ohne Energiewende bleibt Deutschland erpressbar

Öl, Gas, Düngemittel: Die Blockade der Straße von Hormus legt offen, wie verletzlich Deutschlands Wirtschaft ist. Ändern wird sich das erst, wenn sich Industrie und Wirtschaft aus der fossilen Abhängigkeit befreien.

Wer steckt da eigentlich fest, auf dieser besagten Straße von Hormus? Verteilt auf rund 2000 Schiffe, harren dort über 20.000 Besatzungsmitglieder aus. Viele der Seeleute sind Philippinos, sie verdienen wenig, sind vielleicht Familienväter, werden woanders gebraucht, stecken seit sechs Wochen fest. Ihr Leben in den Händen von Trump und Co., ringsherum Drohnenangriffe, Berichte von Unterwasserminen, die Wasserrationen knapp. Neben den über 3000 Kriegstoten im Iran sind auch mehr als zehn dieser Seeleute bei Angriffen gestorben. Es gibt Berichte von „mentalen Zusammenbrüchen“ auf den Schiffen. Und plötzlich scheint es ein Privileg, den Preis für diesen Krieg an der Zapfsäule zahlen zu können.

„Standpunkt“ - der Gastkommentar

Unsere Gesellschaft lebt davon, dass die beste Idee gewinnt. Dafür braucht es Debatten und Argumente - auch wenn sie kontrovers sind. Argumente, die aus praktischen Erfahrungen gespeist sind. Im Gastbeitrag „Standpunkt“ lassen wir deshalb Menschen zu Wort kommen, die wichtige Debatten und Ideen aus ihrer Praxis beurteilen können. Und bieten ihnen einen festen Ort, um zu hinterfragen., ob eine Idee nur groß ist oder wirklich Potenzial hat - und welche Argumente der Realität standhalten.

Trump erpresst derweil die Staaten weltweit mit der entstandenen Energiekrise, fordert Unterstützung und Lieferverträge mit US-amerikanischem Öl. Und Deutschland? Ist de facto erpressbar. Trump hat es richtig erkannt: Der fossile Teil unserer Wirtschaft lebt von Öl- und Gasimporten. Der konventionelle Teil unserer Landwirtschaft funktioniert nur mit Dünger, der ist nach Öl und Gas das drittwichtigste Exportgut des Iran und wird ebenfalls in der Straße von Hormus blockiert. Folglich explodieren die Düngerpreise, und das mitten in der Aussaatzeit. Und wer in Deutschland kein E-Auto oder ÖPNV fährt, stellt fest, dass Merz’ Mantra „Das eigene Auto ist und bleibt ein Stück Freiheit” nur aufgeht, solange der Weltmarkt mitspielt.

Der Krieg, die Energiekrise und ihre wirtschaftlichen und menschlichen Kosten – sie sind schlimm genug. Umfassend deprimierend ist aber die scheinbare Weigerung der Bundesregierung, aus den Tragödien und Krisen zu lernen. Das würde heißen, einerseits Menschen kurzfristig zu entlasten. Und gleichzeitig auf den schnellen Ausbau heimischer Wind- und Sonnenenergie zu drängen, private PV-Anlagen zu subventionieren und Jobs in wachsenden nachhaltigen Branchen zu schaffen. Um nie wieder so erpressbar zu sein wie heute, um keinem Autokraten hinterherkriechen zu müssen, weil wir auf sein Öl angewiesen sind. Denn längst muss man kein Umweltschützer mehr sein, um zu erkennen, dass die deutsche und europäische Wirtschaft für immer verletzlich bleiben, solange wir von Öl- und Gasmärkten abhängen, die wir nicht kontrollieren können. Und auch am letzten Stammtisch weiß man heute, dass es für keinen Landwirt und keinen Autofahrer echte Freiheit geben kann, solange Öl-Oligarchen darüber entscheiden, welche Preise gezahlt werden.

Aber nein, lieber streitet die Koalition über widersinnige Pendlerpauschalen-Vorschläge, blockiert die Energiewende und plant Steuergeschenke für die Gasindustrie. So rasen wir garantiert in weitere geopolitische Fallstricke hinein. Es bleibt zu hoffen, dass die Menschen in diesem Land sich wehren.


© Die Harke