Deutschlands durchwachsene Olympia-Bilanz: Wir bekommen die Medaillen, die wir verdienen
Die Olympischen Spiele in Mailand und Cortina haben Spaß gemacht, in Deutschland aber auch für so manches Fragezeichen gesorgt. Dem Medaillenzählen, einem vertrauten Ritual nach dem Ende von Olympia, folgt wie schon nach den Pariser Sommerspielen 2024 zuverlässig die Suche nach Gründen für die insgesamt durchwachsene deutsche Bilanz.
Doch während so mancher Medaillentraum auf der Piste oder in der Loipe platzte, glänzte ein Bereich heller als alle anderen: der Eiskanal von Cortina. Das deutsche Bob- und Schlittenteam präsentierte sich einmal mehr als verlässliche Medaillenfabrik, als ein perfekt geöltes System aus Material, Athletik und Siegeswillen.
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Dieser Erfolg ist vorbildlich, doch er darf nicht über die tiefen Risse im Fundament des deutschen Wintersports hinwegtäuschen. Er ist die Ausnahme, nicht die Regel, und sein Erfolg erklärt paradoxerweise die Krise der anderen.Denn der Bob- und Schlittenverband (BSD) ist das, was viele andere nicht sind: ein fokussierter, spezialisierter Fachverband, in dem eine Kultur des Erfolgs gelebt wird. Ganz anders die Situation der Snowboarder und Freestyler: Sie sind als ungeliebte Stiefkinder im riesigen Deutschen Skiverband (DSV) untergebracht, einer Struktur, die von den traditionellen Alpin- und Nordisch-Disziplinen dominiert wird.
Dass die Skicrosser die triste Bilanz am Ende noch etwas aufpoliert haben, darf nicht über die grundsätzlichen Probleme in den jungen Wintersportdisziplinen hinwegtäuschen. Wer sich hier behaupten konnte, hat oft einen harten Kampf um Anerkennung, Trainingszeiten und finanzielle Förderung hinter sich, die in den klassischen Sportarten als selbstverständlich gilt.
Das System ist zu starr und zu konservativ, um die jungen, kreativen und global erfolgreichen Disziplinen adäquat zu fördern.
Das System ist zu starr und zu konservativ, um die jungen, kreativen und global erfolgreichen Disziplinen adäquat zu fördern.
Jörg Leopold über die hausgemachten Probleme bei Ski Freestyle und Snowboard
Hier offenbart sich ein strukturelles Kernproblem: Das System ist zu starr und zu konservativ, um die jungen, kreativen und global erfolgreichen Disziplinen adäquat zu fördern.Doch die Probleme reichen viel tiefer. Während wir über Medaillen diskutieren, erodiert die Basis. Der Klimawandel macht das Training in deutschen Mittelgebirgen zum Glücksspiel und die Rodelbahn hinter dem Haus zur nostalgischen Erinnerung.
Der Wintersport wird zu einem teuren, elitären Vergnügen, das sich immer weniger Familien leisten können. Die demografische Entwicklung und ein verdichtetes Schulsystem, das die so wichtige duale Karriere aus Bildung und Leistungssport zu einer Zerreißprobe für ganze Familien macht, tun ihr Übriges, um den Pool an Talenten auszutrocknen.
Gut zu sehen ist das mittlerweile auch im Biathlon. In der Disziplin, die – gemessen an den ausufernden Übertragungen bei ARD und ZDF – als liebster Wintersport der Deutschen gelten darf, drängen nach Jahren großer Erfolge immer weniger junge Talente nach. Das Resultat bei diesen Spielen: eine einzige Bronzemedaille in elf Wettbewerben.
Jörg Leopold sieht Politik und Gesellschaft zusammen mit dem deutschen Sport in der Bringschuld, wenn man es mit olympischen Erfolgen wirklich ernst meint.
Das sichtbarste Zeichen der Krise im deutschen Sport aber ist die marode Infrastruktur. Im Wintersport wird dies zum Beispiel daran deutlich, dass die Eisbahn in Königssee nach der verheerenden Flutkatastrophe von 2021 immer noch nicht wieder zur Verfügung steht.
Während Italien zum zweiten Mal in 20 Jahren mit Stolz Spiele ausrichtet, verfallen bei uns kommunale Eishallen, was Trainingsgruppen zur Aufgabe zwingt oder Talente ins Ausland abwandern lässt. Die Politik beklatscht zwar die Sieger, lässt aber die Sportstätten verrotten, auf denen sie groß werden müssten.
Auch das deutsche Fördermodell der „Dualen Karriere“ über Bundeswehr und Polizei gehört auf den Prüfstand. Es bietet eine beneidenswerte soziale Absicherung, schafft aber nicht den unbedingten finanziellen „Hunger“, der Athleten in den USA antreibt, wo nur der Erfolg zählt.
Der direkte Zwang fehlt, durch Siege das eigene Überleben zu sichern. Das ist sozial ehrenwert, aber im gnadenlosen Wettbewerb nicht immer leistungsfördernd. Es erzeugt auch nicht den Heldenstatus, der Skistars in Österreich zu Werbe-Ikonen macht, während bei uns selbst Weltmeister oft nur einem Fachpublikum bekannt sind. Unser System ist eine solide, aber eben auch bequeme Hängematte.
Die gescheiterten deutschen Olympia-Bewerbungen in der jüngeren Vergangenheit haben die gesellschaftliche Entfremdung schonungslos offengelegt. Man ist gerne Event-Fan für zwei Wochen, vergisst die Athleten aber, sobald die Schlussfeier vorbei ist. Man schaut die Spiele im Fernsehen, will die Kosten und die als korrupt empfundene IOC-Maschinerie aber nicht im eigenen Land haben.
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Wer die Anstrengung scheut und die Investition ablehnt, darf sich am Ende nicht über ausbleibende Erfolge beschweren. Denn die Gleichung ist einfach: Ohne breite Basis kein Nachwuchs, ohne moderne Stätten kein Toptraining, und ohne gesellschaftlichen Rückhalt keine politische Priorität.
Die nun angestrebte Bewerbung für künftige Sommerspiele ist daher mehr als nur ein sportliches Projekt. Sie ist die womöglich letzte Chance, eine nationale Trendwende einzuleiten. Sie muss ein Pakt zur Modernisierung der Infrastruktur, zur Reform der Verbände und zur Stärkung der Basis sein. Gelingt das nicht, wird die nächste Enttäuschung nicht erst in vier Jahren kommen. Sie ist bereits im System angelegt.
