„Kunst lebt von Offenheit“: Boykottstreit erschüttert Biennale
Ein Gespenst geht um in der Kunstwelt. Ein Boycott-Gespenst. Ein Untoter, der cancelt, der ausschließt, der Kreativität nivelliert. Der aus Kunst Polit-Aktivismus macht. Der weise Spruch Ad Reinhardts, Nachkriegsavantgardist und Maler der Farbe Schwarz, dass „Kunst Kunst (sei) und alles andere alles andere“, Picassos Utopie vom „Guten und Schönen“ der Kunst, auch Gerhard Richters Zitat, Kunst sei „die höchste Form von Hoffnung“ in der Welt, sind offensichtlich Makulatur.
Der Kulturkampf tobt. Geopolitik cancelt Kunst: Wenige Wochen vor der 61. Kunstbiennale in den Guardini von Venedig verlangen an die 200 Künstler, Kuratoren und Kulturschaffende der Art Not Genocide Alliance (ANGA) in einem Offenen Brief an den Biennale-Präsidenten Pietrangelo Buttafuoco den Boykott der israelischen Teilnahme. Sie begründen dies mit Menschenrechtsverletzungen Israels (Gaza und Iran-Krieg) und fordern den Ausschluss des Landes von der Weltausstellung. Ohnehin wurde Israels Beitrag schon wegen angeblicher Bauarbeiten im Guardini-Pavillon, ins Abseits, in die Arsenale der Lagunenstadt, verlagert.
Russland und Südafrika im Protestfeuer
Kürzlich erst galten der Protest und der Ausschluss dem Russischen Länderpavillon, nachdem bekannt wurde, dass Russland, der Aggressor in der Ukraine, mit einer großen jungen Künstlergruppe nach dem zweimaligen Aussetzen der Teilnahme (2022 hatten die russischen Teilnehmer von sich aus abgesagt und 2024 wurde der Pavillon ohne Mietzahlung Bolivien überlassen), nun doch wieder auftreten werde.
Und ebenfalls erst kürzlich zog Südafrika seinen Biennale-Beitrag zurück: Der Pavillon bleibt leer. Die Regierung in Pretoria blockierte das Kunstwerk von Gabrielle Goliath, das sich auf den gnadenlosen Rache-Krieg Israels im Gazastreifen bezieht, sowie in Videos auf Gewaltakte, Femizide und die Ermordung von Schwulen und Transsexuellen in Südafrika sowie die Ermordung von Frauen in Namibia durch deutsche Kolonialkräfte im 20. Jahrhundert aufmerksam macht. Im Werk kommt auch eine palästinensische Dichterin vor, die im Oktober 2023 bei einem israelischen Luftangriff getötet wurde. Da Goliath sich weigerte, ihren Beitrag zu verändern, wurde die südafrikanische Teilnahme in Venedig gecancelt.
Nun also gerät auch Israel abermals in die zerreibende Gemengelage der Geopolitik: Vor zwei Jahren, da tobte der Gaza-Krieg nach dem Überfall der Hamas am 7. Oktober 2023 auf Israel, hatte sich vor dem israelischen Pavillon ein Pulk Protestierender gebildet. Die italienische Polizei, sogar das Militär lösten die aufgebrachte Menge immer wieder auf, erfolglos. Der Pavillon blieb leer, war dicht. Kein Künstler, kein Kurator, keine Kunst waren angereist. Stattdessen hing im Schaufenster ein demonstratives Plakat, darauf war zu lesen: „Die Künstlerin und die Kuratoren des israelischen Pavillons werden die Ausstellung erst öffnen, wenn eine Vereinbarung über einen Waffenstillstand und eine Freilassung der Geiseln erreicht ist.“
Nun meldete sich am Wochenende der für den israelischen Biennale-Beitrag 2026 berufene Documenta-Künstler Belu-Simion Fainaru bitter enttäuscht zu Wort: „Kunst lebt von Offenheit und Austausch“, so der jüdische Konzeptualist. „Jede Einschränkung dieses Raumes ist ein Verlust", so sein Statement. Er betonte, dass Kunst politische Krisen nicht lösen könne, aber Räume für Reflexion, Verständnis und Dialog öffne. Fainaru wollte das Publikum der Weltschau einladen, in fairen Gesprächen über seine Arbeit unterschiedliche Perspektiven einzubringen. Seine Schau sollte offen für alle sein, die ein echtes Interesse am Austausch über Kunst und Kreativität hätten.
Fainaru, 1959 geboren in Rumänien, lebt seit seiner Kindheit in Haifa, ist tief in der jüdischen Kultur verwurzelt, befragt intensiv die Kabbala, die mystische Tradition des Judentums, die darauf abzielt, die verborgene Weisheit über Gott, die Schöpfung und den Sinn des Lebens zu ergründen. Sie wird oft als „Seele“ der Tora betrachtet und nutzt esoterische Interpretationen, um die Beziehung zwischen dem Unendlichen und der endlichen Welt zu erklären.
Drei Ostfrauen aus Berlin im deutschen Pavillon der Venedig-Biennale
Seine für Venedig vorbereitete Installation „Rose of Nothingness" thematisiert Sprache und Schweigen. Ein Netzwerk von Rohren tropft dunkle Flüssigkeit in ein Becken, das einen schwarzen See bildet. Das will flüchtige Momente von Erinnerung und Zeit erfahrbar machen. Die Arbeit thematisiert universelle Fragen von Identität, Zugehörigkeit und Verlust, wobei die Zahl auf kabbalistische Transformationssymbolik verweist und auf das schwarze Wasser in Paul Celans berühmtem Motiv der „schwarzen Milch“ aus der Todesfuge.
Nun fragt man sich angesichts dieser gefühlten Niedergangs-Situation der kreativen und verbindenden guten Kraft der Gegenwartskunst auf dem Schauplatz an Canale Grande, für dessen 61. Ausgabe die so plötzlich verstorbene afrikanische Chefkuratorin Koyo Kouoh doch die „Molltöne“, der Besinnung, der Entspannung, der Behutsamkeit, Fairness, des Schönen und Guten“ zum Credo gegen alles Aggressive erhoben hatte, ob die Utopie nun womöglich im Ragebait versinkt? Ein Zustand, wo anstelle von Neugier, Innovation und freier, kreativer künstlerischer Welt-Erschaffung moralische Dogmen und politische Programme treten? Ab dem 9. Mai wird die Welt es sehen.
