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Verdrängung durch Stillstand? Der Kellerbrand in der Stargarder Straße wirft Fragen auf

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16.02.2026

Seit drei Wochen ist in der Stargarder Straße nichts mehr normal. Ein Kellerbrand vertrieb 120 Menschen mitten im Winter aus ihren Wohnungen – und bis heute wissen sie nicht, wann sie zurückkehren können. Es war der 24. Januar, ein Samstagmorgen, als Rauch aus dem Keller zog, die Feuerwehr anrückte und das Haus evakuiert wurde. Was wie ein glimpflicher Unglücksfall begann – keine Verletzten, das Feuer war schnell gelöscht –, hat sich für rund 120 Menschen zu einem Albtraum entwickelt, der auch Wochen später kein Ende nimmt.

Ein Albtraum aus bürokratischer Kälte, juristischen Spitzfindigkeiten und dem wachsenden Verdacht einiger Mieter: War das Feuer vielleicht gar kein Unglück, sondern eine Gelegenheit für die Eigentümer?

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Seit drei Wochen ist das Haus unbewohnbar

Ein Vater, der mit seiner Tochter seit dem Brand aus dem Koffer lebt, steht vor den Trümmern seines Alltags. Wie viele der rund 120 Bewohner ist er bei Freunden untergekommen; andere schlafen in Hotels. Wer keine entsprechende Versicherung hat, muss die Kosten dafür selbst tragen.

Die Ungewissheit zermürbt, die finanziellen Reserven für dieses unfreiwillige Exil schmelzen dahin, während die eigene Wohnung unbewohnbar bleibt. Im ganzen Haus gibt es seit dem Brand keinen Strom, kein Gas, kein Wasser und keine Heizung – die Hausverwaltung hat noch am Tag des Brandes alles abgestellt. Draußen herrschen Minusgrade, bis zu acht Grad unter Null. Drinnen kriecht die Kälte in die Wände, erste Risse im Mauerwerk seien bereits sichtbar.

Für das Gebäudemanagement, die Secura Grundstücksverwaltungsgesellschaft mbH, scheint die Sachlage klar, zumindest kommuniziert sie das so in ihren E-Mails an die Mieter, die der Berliner Zeitung vorliegen. Man bedauere den Vorfall, die Polizei ermittle wegen Brandstiftung durch Unbekannte, womöglich einen Obdachlosen. Doch wer für die Folgen aufkommt, da zieht die Verwaltung eine harte Linie. „Wir empfehlen Ihnen dringend, Ihre Hausratversicherung zu informieren, welche für die Kosten einer Notunterkunft aufkommt“, heißt es in einem Schreiben vom Tag des Brandes. „Die Kosten der Notunterkunft werden nicht von der Gebäudeversicherung und nicht von der Grundbesitzerhaftpflichtversicherung des Eigentümers getragen.“

„Die Hausverwaltung lässt uns komplett allein“

Viele der Bewohner, teils alteingesessene Berliner, teils junge Familien, haben keine Hausratversicherung, die Hotelkosten abdeckt. Ein älteres Ehepaar zahlt derzeit 136 Euro pro Nacht aus eigener Tasche für ein Hotelzimmer. Viele sind verzweifelt. „Die Hausverwaltung bietet keinerlei Lösungen an, sie lässt uns komplett allein“, klagen Bewohner.

Was einige der Mieter besonders misstrauisch macht, ist neben der Härte der Verwaltung vor allem der Umstand, dass wochenlang nichts passierte. Zweieinhalb Wochen lang blieben Strom, Wasser und Gas komplett abgestellt, obwohl keineswegs feststeht, dass die Leitungen im gesamten Gebäude zerstört wurden.

Unter den Betroffenen wird spekuliert, ob die leeren Wohnungen die Renovierungen bequemer machen sollen, ob es sich um übertriebene Vorsicht handelt oder ob man ihnen, wie einige vermuten, das Leben gezielt schwer machen will. „Wie kann man denn ein Haus komplett von der Versorgung abschneiden, zwei Wochen lang? Bei den Temperaturen geht alles kaputt“, sagt ein Bewohner. „Man bekommt den Eindruck, die wollen gar nicht, dass wir zurückkommen“, sagt eine andere Mieterin.

Bewohner beklagen sich seit Jahren über Entmietungstaktiken

Dieser Verdacht einiger Mieter kommt nicht aus dem Nichts. Die Geschichte des Hauses in der Stargarder Straße liest sich wie ein Lehrstück der Berliner Gentrifizierung. Seit 2022, als ein neuer Investor das Gebäude übernommen hat, habe sich das Klima drastisch gewandelt. Bewohner berichten von Strategien, die darauf abzielten, alte Mietverhältnisse zu beenden.

Während sich einige Mieter bereits in Rechtsstreitigkeiten mit dem Eigentümer befinden, haben andere die Hoffnung aufgegeben und sind bereits ausgezogen. „Sie begannen, Menschen zu vertreiben und möblierte Wohnungen zu schaffen, um sie für kürzere Zeiträume zu vermieten“, schreibt uns ein weiterer Mieter.

Er beschreibt, wie das soziale Gefüge des Hauses systematisch demontiert wurde. Wo früher im Garten Picknicks stattfanden und Kinder spielten, wurden Zäune gezogen. „Terrassen-Studios“ nannte man das euphemistisch – kleine Parzellen, die den Wohnungen im Erdgeschoss zugeschlagen wurden. Auch Balkone wurden laut Mietern gegen ihren Willen angebaut; alles Maßnahmen, um die Miete in die Höhe zu treiben. „Es ist, als ob es nicht mehr uns gehört“, sagt er über den Garten.

Möblierte Wohnungen für 4000 Euro Monatsmiete

Parallel dazu tauchen im Internet Inserate für Wohnungen im selben Haus auf. Möbliert, schick saniert, aufgerufene Preise von bis zu 4000 Euro monatlich, 50 Euro pro Quadratmeter. Auch während das Haus seit drei Wochen evakuiert ist, lassen sich solche Inserate im Netz weiterhin abrufen. Preise und Vertragskonstruktionen, die von Mietrechtsexperten teils als nicht rechtens eingestuft werden.

Die Prioritäten scheinen dabei klar verteilt: Als die Berliner Zeitung vor Ort ist, zeigt sich ein bizarres Bild: Im oberen Stockwerk des Hinterhauses laufen Renovierungsmaßnahmen, während im Keller zu diesem Zeitpunkt noch nichts unternommen wurde. „Die verdienen so viel, denen ist egal, ob sie 600 Euro zu viel zahlen“, vermutet ein Mieter mit Blick auf die Klientel in den Luxusapartments, die bereits seit längerem zum Haus gehören.

Bezirksstadtrat Cornelius Bechtler (Bündnis 90/Die Grünen), von der Berliner Zeitung mit diesen Inseraten konfrontiert, gibt sich alarmiert: „Die Hinweise für überhöhte Mieten nehme ich sehr ernst“, teilte er mit. Man werde den Hinweisen nachgehen und Prüfverfahren einleiten. Ein möglicherweise vorhandener Leerstand sei dem Wohnungsamt bisher nicht bekannt gewesen; eine zeitnahe Ortsbegehung soll nun klären, ob gegen das Zweckentfremdungsverbot verstoßen wird. Zudem habe man Kontakt zu den drei Berliner Mietervereinen aufgenommen. Immosurf und thesqua.re, die Betreiber der Plattformen, auf denen diese Inserate zu finden sind, reagierten nicht auf die Anfrage der Berliner Zeitung.

Warum ist die Grundversorgung seit drei Wochen abgestellt?

Ins Bild passt für die Bewohner auch die Merkwürdigkeit des Brandes selbst. „Es hat nur in einem Kellerraum gebrannt, im Heizungsraum hat nichts gebrannt“, berichtet ein Anwohner. Auch die Abwasserrohre verliefen eigentlich woanders. Dass deshalb das gesamte Haus wochenlang unbewohnbar sein soll, will vielen nicht in den Kopf. Zudem seien die Kellertüren eigentlich verschlossen. „Hier kommt man nur mit Schlüssel rein“, sagt einer.

Die These vom „unachtsamen Obdachlosen“, die die Hausverwaltung schnell parat hatte, wird hier stark angezweifelt. „Irgendwas riecht hier faul“, sagt eine Mieterin. Auf Anfrage bestätigte die Polizei Ermittlungen wegen des Verdachts der Brandstiftung. Die von der Verwaltung verbreitete Theorie über eine obdachlose Person als Verursacher wurde nicht kommentiert.

Die Kommunikation der Verwaltung beschränkt sich auf das Nötigste und auf juristische Abwehrhaltungen. Zwar wurde eine Mietminderung in Aussicht gestellt – „nachträglich“, wie betont wird –, doch die akute Notlage der gut 40 Parteien scheint abzuprallen. In einer Mail heißt es, eine Inbetriebnahme der Leitungen sei „leider sehr unwahrscheinlich“ und man rechne mit einer Unbewohnbarkeit bis mindestens Ende Februar, vielleicht März.

Bezirksstadtrat fordert: Der Vermieter muss tätig werden

Bezirksstadtrat Bechtler fand nach einem Treffen mit den Mietern deutliche Worte zur Verantwortung des Eigentümers. „Der Vermieter hat mit den Mietern einen Mietvertrag abgeschlossen. Er steht also in der Verpflichtung, sich an die vertraglichen Inhalte, die ihn betreffen, auch zu halten“, ließ er über eine Sprecherin mitteilen. Es sei „leider notwendig“, dies zu betonen, da der Vermieter nach seinen Informationen „keine unterstützenden Angebote macht“. Seine Erwartungshaltung gegenüber dem Vermieter ist daher eindeutig: „Er muss tätig werden.“

Ein Foto aus dem Keller dokumentiert den langen Stillstand: Es zeigt einen düsteren Raum mit nackten, verrußten Ziegelwänden. Kabel hängen wirr von der Decke herab, der Boden ist übersät mit Schutt und verkohlten Resten. Fast drei Wochen lang bot sich dieses Bild der Verwüstung, ohne dass etwas geschah.

Erst am Freitag, den 13. Februar, kam Bewegung in die festgefahrene Situation. Im Keller haben die Räumarbeiten begonnen, Wartungsarbeiten scheinen eingeleitet worden zu sein. Wann das Haus wieder bewohnbar ist und wer für die Hotelrechnungen sowie die Kälteschäden in den Wohnungen aufkommt, ist weiterhin offen. Für die rund 120 Bewohner bleibt die Lage damit vorerst so, wie sie in den letzten drei Wochen war: ungewiss.

Die Secura Grundstücksverwaltungsgesellschaft mbH und der Eigentümer ließen eine Anfrage der Berliner Zeitung zu den Vorwürfen unbeantwortet.


© Berliner Zeitung