Nach Fiasko an der Volksbühne: Benny Claessens verabschiedet sich vom Theater
Der belgische Schauspieler Benny Claessens (44), viel beschäftigt im deutschen Theater, zuletzt auch als Regisseur an der Volksbühne, verkündet seinen Abschied von der Bühne. Am Sonnabend postete er auf Facebook diese kurze Erklärung ohne Bild und ohne Zusammenhang: „Ich habe beschlossen, mit dem Theater aufzuhören. Es ist ein Ort voller Hass und sogenannter Aktivisten aus der oberen Mittelschicht, die sich letztendlich nur selbst als moralisches Zentrum sehen. Oder sollten wir es eher als Diktatur der Dummen bezeichnen?“
Die Erklärung erfolgte zwei Tage nach der Premiere von „Böses Glück. The Cult of the Daughter“ von Benny Claessens nach Texten von Tove Ditlevsen und Olga Ravn. Die für diesen Sonntag angesetzte zweite Vorstellung ist kurzfristig abgesagt worden. Die Kritiken, auch in dieser Zeitung, sind vernichtend, aber das kann kaum der Grund für Claessens Abschied sein, schließlich war seine Inszenierung darauf angelegt, die bürgerliche Kritik zu provozieren und das Theater als einen Ort des Selbsthasses zu definieren.
Der über dreistündige Abend demonstrierte mit einer permanent sich selbst unterlaufenden Dramaturgie den Widerwillen gegen jedes Gestaltungsprinzip, dies gilt im Sinne Claessens' für die thematisch behandelte psychische Verfassung der Hauptfigur als auch für die Kunst selbst. Vorgeführt wurde also nicht unbedingt Theater, sondern die Verweigerung und Missachtung von Theater.
Bewunderung und Zumutung
Möglicherweise hängt sein Abschied mit der Machtstruktur im Theaterbetrieb zusammen, die Claessens wiederholt kritisierte. Er äußerte sinngemäß, dass er sich nicht länger von Regisseuren „manipulieren“ lassen wolle. Für ihn sollte Theater ein Raum radikaler Präsenz sein, nicht ein Ort disziplinierter Rolleninterpretation. Damit stellte er das klassische Gefüge – Regie bestimmt, Schauspiel führt aus – produktiv und rücksichtlos infrage.
Diese Haltung brachte ihm Bewunderung als kompromissloser Künstler ein, evozierte aber auch Konflikte wie etwa mit einem anderen Protagonisten der Volksbühne, Fabian Hinrichs, aus dessen Inszenierung „Sardanapal“ Benny Claessens kurz vor der Premiere mit Pauken und Trompeten ausstieg.
Classens Auftritte bewegen sich bewusst zwischen Performance, Dilettantismus, Camp, Pop und Überforderung, sie sind geprägt von einem rahmensprengenden Egozentrismus, der in seinen größten Momenten in sich zusammenfällt und interessante, krisenhafte Ausbrüche ausformt. Daran schließt sich dilemmatisch der von Claessens immer wieder erhobene Anspruch der Verweigerung und mithin die Frage, ob Theater überhaupt funktionieren oder gefallen dürfe. Diese Spannung zwischen Zumutung und Bewunderung, die mitunter in ein und derselben Aufführung auf beiden Seiten durchbrach, wurde zu seinem künstlerischen Profil. Claessens spielte bei Ersan Mondtag, Falk Richter, Johan Simons, Luk Perceval und vielen anderen namhaften Regisseuren, von denen er sich nichts sagen ließ.
Was für ein sinnlos quälender Theaterabend: Benny Claessens’ „Böses Glück“ an der Volksbühne
Eklat an der Volksbühne: „Sardanapal“-Premiere ohne Benny Claessens
Auch im Umgang mit der Theaterkritik verzichtete Claessens auf Konventionen und versteckte seine Kränkungen nicht. Nach einer negativen Rezension reagierte Claessens öffentlich und griff die Kritikerin persönlich an, indem er sie als „psychisch gestört“ bezeichnete und ihr mitteilte: „Your time is over, Darling“, was man als Drohung interpretierte.
Das Vokabular als auch die Pose solcher Angriffe sind möglicherweise Teil der künstlerischen Selbstinszenierung Benny Claessens, der die Trennung zwischen Bühne und Wirklichkeit in seinem Spiel immer wieder übertritt. Das macht es schwierig, seinen Abschied vom Theater überhaupt als realistische Möglichkeit in Betracht zu ziehen. Der Film- und Fernsehbetrieb verlangt jedenfalls deutlich mehr Disziplin und Selbstverleugnung.
