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Endlich ein Kino ohne Popcornmief: Im Wolf kann man fantastisch essen

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15.02.2026

Für mehrere Stunden tagsüber im Restaurant sitzen? Für mich gar kein Problem. Mitten in der Arbeitswoche spontan ins Kino gehen? Fühlt sich verboten an. Als würde ich mich davonstehlen, schließlich schreibe ich keine Filmkritiken. Gleichzeitig kenne ich kaum einen größeren Luxus, als in einen Film abzutauchen, während es draußen noch hell ist.Ich gönne mir das selten – an meinem Geburtstag vielleicht. Und ein- oder zweimal während der Berlinale. Leider bin ich, was Festival-Tickets angeht, notorisch schlecht organisiert. Meist bleiben mir nur die Randprogramme. Ich erinnere mich an einen Experimentalfilm aus der Dominikanischen Republik, in dem die Nilpferde plötzlich zu sprechen begannen. Skurril war das, ja. In diesem Moment wäre ich aber lieber im Café oder Restaurant gewesen.

Denn der eigentliche Luxus ist für mich nicht nur ein Kino am helllichten Tag. Es ist ein Kino, in dem ich auch etwas Anständiges zu essen und zu trinken bekomme. Kein Popcorn, keine Nachos, kein Liter Cola oder Kaffee aus dem Vollautomaten. Sondern einen Cappuccino mit frisch aufgeschäumter Milch, einen Spätburgunder von Weingut Diehl im Glas, dazu vielleicht ein Bibimbap mit wachsweichem Bio-Ei, ein Schälchen Reis mit gebeiztem Lachs. Kurzum, ein Kino, in dem ich auch ohne Film sitzen mag. Nur war ich mir sicher: So ein Kino wäre nicht nur der ultimative Luxus. Es würde auch für immer ein Traum bleiben.

Was aber, wenn ich Ihnen jetzt sage, dass es so ein Kino wirklich gibt? In Berlin! Nicht als einmalige Veranstaltung, sondern abseits vom Berlinale-Rummel und ganz ohne Ticketjagd.

Selbstgebackener Kuchen, hausgemachte Sandwiches

Sie würden mir vermutlich nicht glauben. Ebenso wenig wie ich einer Freundin glaubte, als sie mir vom Neuköllner Wolf Kino erzählte. Von mittags bis Mitternacht zeige es aktuelle und künstlerisch kuratierte Filme in zwei Sälen und betreibe gleichzeitig ein lauschiges Café. Mit selbstgebackenem Kuchen, hausgemachten Sandwiches und Kaffeebohnen der Rösterei Kaffeepur. Unter der Woche, zwischen 12 und 16 Uhr, gebe es zusätzlich einen japanischen Mittagstisch, zubereitet von der Köchin Machiko Akazawa. Und abends werde die Bar geöffnet, mit hausgemixten Longdrinks, Cocktails, Weinen und kleinen Snacks wie einem Grillsandwich, Oliven und japanischen Reiscrackern. Vielleicht gebe es bald sogar eine Abendküche.

Für mich klang das zu gut, um wahr zu sein.

Tatsächlich ist es nicht nur wahr, sondern noch besser, als ich es mir je hätte ausmalen können. Sicherlich muss ich in der Vergangenheit schon einmal an diesem Eckladen vorbeigelaufen sein, ohne zu bemerken, dass es sich um ein Kino handelt. Von außen sieht es eher wie ein Lokal aus. Wie ich nun weiß, blickt der Ort auf eine lange, wechselhafte Geschichte zurück. Bevor hier im März 2017 das Wolf Kino eröffnete, befanden sich hier unter anderem eine Buchbinderei, ein Waschsalon, eine Bäckerei namens Wolf Gramm – ein Zufall, der erst später auffiel –, ein Tabakladen und sogar ein Bordell. Danach stand der Raum lange leer.

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Entdeckt wurde er schließlich von der Filmkuratorin Verena von Stackelberg. Mit viel Geduld, einer Crowdfunding-Kampagne im Kiez sowie der Unterstützung zahlreicher Mitarbeiterinnen und Freiwilliger wurde der verfallene Ort vollständig in Eigenarbeit renoviert.

An der Außenfassade baumelt nun ein Wolfsrudel aus lebensgroßen Scherenschnitt-Figuren. Darunter weist eine geschwungene Neonschrift an der Hauswand auf Kino und Bar hin, daneben ein Aushangkasten mit dem aktuellen Programm. Mehr Kinoflair braucht es nicht.

Zum Glück fehlt jeglicher Popcornmief

Zum Glück fehlt auch jeglicher Popcorn- oder Kinosesselmief. Drinnen riecht es nach frisch gemahlenen Bohnen. Die Wände sind petrolblau gestrichen, geschmückt mit vielen kleinformatigen Filmplakaten in Holzrahmen. Auch die Tische und Sitznischen an den Fenstern im vorderen und hinteren Raum sind aus Holz. Erst auf den zweiten Blick entdeckt man die beiden Türen zum Kinosaal 1 und 2, die jeweils rund 50 Plätze fassen. Der Kartenverkauf findet hinter dem großen Bartresen mit Zapfanlage und Faema-Siebträgermaschine im Eingangsbereich statt – ebenso wie die Bestellung von Getränken und Speisen.

Fast unscheinbar ist die winzige Küche, die sich direkt neben Saal 2 befindet und durch ein Fenster einsehbar ist. Hier zieht für ein paar Stunden unter der Woche Machiko’s Kitchen ein, vier Gerichte mit einigen Topping-Variationen bereitet die Köchin zu. Neben Bibimbap sind das ein Tantan-Udon-Salat sowie eine Udon-Nudelsuppe und eine Sakedon-Reisbowl mit Lachs.

Bei meinem Besuch steht Machiko Akazawa vorne am Tresen und verkauft das Essen. Mir kommt sie bekannt vor, dann weiß ich, woher: Neben ihrer Arbeit im Wolf betreibt sie abends auch eine Sake-und-Shochu-Kneipe bei mir im Kollwitzkiez – ein zweiter Ort, der genauso unaufgeregt wie konsequent ihrer Handschrift folgt.

Machiko hat in Kobe in einem mit zwei Michelin-Sternen ausgezeichneten Kaiseki-Restaurant gelernt. Kaiseki, die japanische Hochküche, steht für Präzision, Reduktion und Aufmerksamkeit im Detail. Diese Haltung prägt auch hier ihre Küche, selbst wenn sie „nur“ Bowls zubereitet – Kleinigkeiten, wie sie sagen würde.

Machiko’s Kitchen: Die Zutaten haben Spitzenqualität

Doch die Zutaten haben eine Spitzenqualität, und Machiko achtet auf viele Details, die geschmacklich den Unterschied machen. Ein Beispiel, mein Tantan-Udon-Salat: vegetarisch entweder mit Sojahack, in der Fleischversion, wie ich sie bestelle, mit Schweinehack. Ohnehin begeistert vom Essensangebot im Kino, war meine Erwartung nicht überzogen hoch. Doch es ist eine der besten Udon-Bowls, an die ich mich erinnern kann. Die Nudeln sind perfekt in der Konsistenz, das Schweinehack ist sehr feinstofflich und würzig, dazu findet sich jede Menge Knackiges in der Schüssel: Sprossen, frischer Koriander und leicht säuerlicher, aber dennoch mit Biss blanchierter Spitzkohl sowie Spinat – alles zusammengehalten von einer Sesamsauce mit Erdnussnote sowie einem Kick durch Chiliöl und Szechuanpfeffer.

Machiko hat sowohl Aromen als auch Texturunterschiede präzise ausgewogen. Ebenso sorgfältig hat sie die Sakedon-Bowl zusammengestellt: Der Lachs ist zuvor in Mirin angebraten, der Brokkoli mit Soja mariniert, der Kohl im Kontrast dazu leicht säuerlich – und im warmen Rundkornreis verstecken sich eine nahezu cremige Ponzusauce mit Citrus-Sojanote sowie ein wachsweiches Ei. Ausgerechnet in einem Kino finde ich japanische Esskultur, wie sie in Japan genossen wird, wenn auch dort vermutlich nicht im Kino.

Nach dem Mittagessen kaufte ich mir noch eine Karte für die 16-Uhr-Vorstellung. Eine Tragikomödie aus den USA. Ganz ohne schlechtes Gewissen, vielmehr mit Vorfreude, nun mindestens weitere zwei Stunden hier zu verbringen. Denn das Wolf ist nicht nur ein Kino, sondern Restaurant, Bar und Wohnzimmer zugleich – und in Zeiten von Netflix & Co. ein sozialer Raum für eine gemeinschaftliche Erfahrung, wie sie allein zu Hause nicht möglich ist.

Machiko’s Mittagstisch und Café im Wolf Kino. Weserstraße 59, 12045 Berlin, Mo-Fr 12 bis 16 Uhr. Telefonische Bestellung zum Mitnehmen unter 0176/4582 4713 oder www.wolfberlin.org/dePreise: Gerichte 11,50 bis 14 Euro, extra Toppings 0,60 bis 2 Euro, Snacks und Kindergerichte 4 Euro


© Berliner Zeitung