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Iran: Der mächtigste Feind des Mullah-Regimes sind nicht die USA

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27.02.2026

Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Die Berliner Zeitung und die Ostdeutsche Allgemeine geben allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.

Ist das islamistische Regime im Iran reif für den Sturz? Ja, glauben die Frauen und Männer in der iranischen Diaspora. Trotz der unaussprechlichen Gräueltaten, die die Revolutionsgarde im Januar begangen hat, halten sie an dieser Hoffnung fest. Wie ein deutsch-iranischer Aktivist kürzlich in einem Video auf Instagram erklärte, werde das Regime „das nächste Jahr nicht mehr erleben“. Mit dem nächsten Jahr spielte er auf das bevorstehende iranische Neujahrsfest (Nowruz) am 20./21. März an, das mit dem Frühlingsbeginn zusammenfällt.

Der Frühling ist mehr als nur eine Metapher für politischen Wandel, er ist eine wichtige Erinnerung daran, dass das Schicksal des Regimes mehr mit dem Wetter und den Jahreszeiten zu tun hat, als weitverbreitete (geo-)politische Prognosen vermuten lassen. Und dennoch: Die Auswirkungen des Klimawandels auf die Entwicklungen im Lande werden derzeit eher als blinder Fleck behandelt. Das ändert aber nichts daran, dass die faktische Wasserverknappung im Iran zu den Hauptgründen zählt, dass das iranische Regime weder nachhaltig noch zukunftsfähig ist.

Aber werfen wir zunächst einen Blick auf die aktuelle Debatte. Angesichts der Frage nach einer möglichen Rückkehr der Monarchie ist der Vorabend der letzten iranischen Revolution zu einem unvermeidlichen Teil der Diskussionen geworden. Viele Kommentatoren suchen in den letzten Tagen des Schahs vor dem 16. Januar 1979 nach Parallelen und Prognosen. Gleichzeitig warnen Experten davor, direkte Vergleiche anzustellen. Und selbst wenn sie doch zurück in die Siebzigerjahre blicken, interessieren sie sich besonders für blinde Flecken in den damaligen Expertisen, die den Zusammenbruch der Pahlavi-Monarchie nicht vorhersahen.

Selbst die fundiertesten Analysen übersahen manchmal entscheidende Punkte, wie im Fall des Politikwissenschaftlers Fred Halliday, dessen Buch „Iran: Dictatorship and Development“ zu einem Meilenstein der Iranistik geworden ist. Das Buch wurde kurz vor der iranischen Revolution 1978 fertiggestellt und 1979 veröffentlicht, als der Schah das Land verlassen und der Ayatollah bereits die Macht übernommen hatte. Es bietet zwar fundierte und klare Analysen des Pahlavi-Staates, versäumt es aber – zumindest rückblickend betrachtet –, die tatsächliche Fragilität des Schah-Regimes offenzulegen.

Trumps Unberechenbarkeit

Aktuelle Analysen zum Iran lassen sich in zwei Kategorien unterteilen. Erstens beziehen sie sich auf den geopolitischen Kontext. Nach den Eskalationen mit Israel und dessen Militäroperationen in Syrien und im Libanon hat der Iran seine wichtigsten Verbündeten verloren. Donald Trumps Unberechenbarkeit und die Unwahrscheinlichkeit einer Gegenintervention Chinas, Russlands oder gar anderer regionaler Mächte schwächen die Islamische Republik Iran weiter. Trotz des Widerstands der Türkei und der Golfmonarchien gegen eine ausländische Intervention deuten die meisten geopolitischen Argumente auf ein baldiges Ende des iranischen Regimes hin.

Zweitens versuchen Analysten, das Regime und die iranische Gesellschaft von innen heraus zu verstehen, oft mit engen persönlichen Beziehungen und wertvollen Einblicken. Die Bilanz dieser zweiten Gruppe ist geteilt: Auch wenn weitgehend Einigkeit darüber besteht, dass das Regime die Unterstützung der iranischen Bevölkerung in beispiellosem Ausmaß verloren hat, deutet die schiere Gewalt, die es anwenden kann und auch anwendet, darauf hin, dass das Regime viel widerstandsfähiger ist, als wir denken.

Alle oben genannten Argumente konzentrieren sich auf strukturelle Schwächen und sind jeweils für sich genommen überzeugend. Und doch wird ein anderer äußerst wichtiger Punkt, der die Zukunft des Iran im wahrsten Sinne des Wortes bedroht, derzeit kaum diskutiert: die vom Menschen verursachte Wasserknappheit, sei es aufgrund der globalen Erwärmung oder als Ergebnis jahrzehntelanger Misswirtschaft im Wasserbereich.

Von Wüstenbildung bedroht

Der Iran ist ein größtenteils trockenes Land, das unter Dürre leidet, obwohl die Landschaft nördlich von Teheran sogar mit üppiger Vegetation gesegnet ist. Dennoch zählen diese einzigartigen, kaspisch-hyrkanischen Mischwälder in den nördlichen Provinzen zu den am stärksten gefährdeten natürlichen Waldgebieten der Welt. Viel besorgniserregender ist gleichwohl die Situation der Grundwasserleiter des Landes, also seiner fossilen Süßwasserreservoirs. Die Gründe hierfür sind hauptsächlich in der jahrzehntelangen Misswirtschaft im Bereich der landwirtschaftlichen Wassernutzung zu suchen.

Der zwischen den Provinzen Ost- und Westaserbaidschan gelegene Urmia-See ist fast vollständig ausgetrocknet, was enorme gesundheitsbedrohliche Folgen für die Bevölkerung der Region hat. Dramatisch ist die Lage auch um Semnan, südöstlich von Teheran, wo die Bevölkerung von einer starken Wüstenbildung bedroht ist. Und die Liste ließe sich fortsetzen über ausgetrocknete Flüsse, Hitze- und Dürre-Rekorde bis hin zu Auswirkungen auf den Brotpreis. In Umweltstudien zum Iran taucht regelmäßig der Begriff „Wasserbankrott“ auf, der im Grunde bedeutet, dass dem Land das Trinkwasser ausgeht.

Der Klimawandel als entscheidender Faktor für Unruhen und sogar großflächige Gewalt und Kriege ist freilich ein globales Phänomen, das nicht auf den Iran beschränkt ist. Wie der Soziologe und Zukunftsforscher Harald Welzer 2008 in seinem Buch „Klimakriege“ bereits vorausgesagt hatte, werden Dürre und Wasserknappheit die treibenden Kräfte hinter Kriegen und Unruhen im 21. Jahrhundert sein. Und er lag damit nicht falsch, denn mittlerweile häufen sich die Konflikte um Süßwasser, besonders unter den Anrainern großer Flusssysteme wie Nil, Euphrat und Tigris oder Indus.

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Autokraten scheren sich nicht ums Klima

Entgegen den Tatsachen bestimmen heute oft Rechtspopulisten und autokratische Regime die politische Agenda – und ihre Vertreter sind nicht gerade dafür bekannt, sich für Klimafragen zu interessieren. Der Populist Donald Trump schert sich ganz und gar nicht um das Klima. Er ist der weltweit bekannteste Leugner des Klimawandels, dessen Denkweise noch immer von Öl, Gas und ewigem Wachstum geprägt ist. Selbst in Deutschland, einst Vorreiter in Sachen Ökologie, scheint das Klimabewusstsein auf dem Rückzug zu sein, zugunsten von „Technologieoffenheit“ und dem Festhalten an Verbrennermotoren.

Populismus und das, was grundsätzlich dabei herauskommt – nämlich autokratische Systeme, sei es im Iran, in den USA oder anderswo –, arbeiten gegen das Klimabewusstsein. Sie bekämpfen die Korrektivkraft der Meinungsfreiheit, die Sprache der Kritik und internationale Forschungszusammenarbeit. Diese sind allerdings eine notwendige Grundvoraussetzung, um Wissen und Fakten in Politik und öffentliche Verwaltung einzubringen.

Es ist verständlich, dass viele Kommentatoren und Strategen im Namen des Pragmatismus gerade Trumps Interessen und Engagement in der Region in den Mittelpunkt stellen. Die problematische Vergangenheit der USA in der Golfregion, die Interessen Israels und alle anderen wichtigen geopolitischen Überlegungen sind natürlich von größter Bedeutung. Und doch leben wir in einer Zeit, die unsere volle Aufmerksamkeit für Klimafragen erfordert, die über traditionelle geopolitische Überlegungen hinausgehen. Daher ist es dringend notwendig, den gefährlichen Faktor des schrumpfenden iranischen Grundwasserspeichers in alle Bewertungen und Prognosen einzubeziehen. In diesem Sinne ist es ziemlich anachronistisch, die Agenda gestriger Populisten zu übernehmen, indem man fossile Öl- und Gasreserven überbewertet, während die Frage der fossilen Wasserressourcen nicht einmal Berücksichtigung findet.Thomas Schad ist promovierter Zeithistoriker und hat zur Public Diplomacy der Türkei auf dem westlichen Balkan geforscht. Seit 2022 erforscht er im Open-Science-Projekt „Neopopulismus: Sozialer Klimawandel im Anthropozän“ das Zusammenspiel von Geschichte, Politik, Meinungsbildung und Affektökonomie in Autokratisierungsprozessen der Gegenwart. Davor hat er sich als Historiker im Museumspark Rüdersdorf intensiv mit Baustoffgeschichte und Industrialisierung beschäftigt.Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source geben die Berliner Zeitung und die Ostdeutsche Allgemeine allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.


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