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Belcanto in der Muckibude: Rossinis „Italienerin in Algier“ in der Deutschen Oper

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Die Inszenierungen, die Rolando Villazón bislang an der Deutschen Oper Berlin vorgestellt hat – Puccinis „La Rondine“ und Johann Strauß’ „Fledermaus“ –, waren ziemlich desaströs. Die am Sonntag präsentierte „Italienerin in Algier“ von Gioachino Rossini war immerhin kurzweilig und amüsant. Inwieweit das eher ein Verdienst des Choreografen Ramses Sigl und des Wrestling-Experten Ahmed Chaer war, können wir hier nicht klären.

Wrestling-Experte? Ja, Sie haben richtig gelesen: Villazón hat sich eine ganz andere Geschichte ausgedacht, und die spielt im Wrestling-, genauer: im Lucha-Libre-Milieu. Ursprünglich war „L’Italiana in Algeri“ eine sogenannte Rettungsoper, eine bunt-komödiantische Überblendung der „Entführung aus dem Serail“ und „Fidelio“: Die Italienierin Isabella will ihren Geliebten Lindoro aus der Gefangenschaft des Algeriers Mustafa befreien und reist dafür mit ihrem Freund Taddeo in dessen Herrschaftsgebiet. Mustafa selbst will seine Ehefrau Elvira loswerden und am einfachsten mit Lindoro verheiraten – und verliebt sich in die gerade eingetroffene Isabella.

Natürlich ist die Oper voller abwertender Orientklischees, die jeder als solche durchschaut und niemand ernst nimmt, und deren Entstehung durch Angst auch psychologisch hinreichend dialektisch ist, dass sich daraus immer noch interessante Ansätze für eine Inszenierung gewinnen lassen müssten. Aber da man vor einem unsichtbaren Dritten als kritisch durchreflektierter Zeitgenosse erscheinen will, müssen die Konfliktparteien anders besetzt werden.

Villazón verlegt die Handlung nach Mexiko; Mustafa erstrebt für seine Gym-Kette das Monopol, Isabella aber will ihren eigenen Laden nicht verkaufen. Das erzählt sich anhand dieser Oper allerdings so schlecht, dass man zu Beginn alles als Text auf den Vorhang projizieren muss. Der Schluss kommt plötzlich und dennoch zu spät und ist daher nicht recht verständlich, denn Isabella hat den liebestrunkenen Mustafa schon lange vor der letzten Szene dazu gebracht, Verträge zu unterschreiben, die sie zur Besitzerin seiner Muckibude machen.

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Danach wird er von den italienischen Eindringlingen noch zum „Papatucci“ ernannt, ein Titel, mit dem die Verpflichtung zum Essen, Trinken und Schlafen verbunden ist, was ihm natürlich gefällt. Dramaturgisch dient diese Kurve im Original der Ablenkung von der Flucht der Italiener, hier hat sie gar keinen Sinn. Und wer angesichts dieses Settings – Kampf gegen das Monopol – gar Kapitalismuskritik erwartet, ist auf einem völlig falschen Dampfer.

Konzeptionell taugt also auch diese Inszenierung wenig. Aber sie hat durch das Wrestling-Milieu zweifellos originelle Schauwerte, die sich erstaunlich reibungsfrei mit der Musik verbinden. Harald Thor hat ein beeindruckendes Bühnenbild mit Wrestling-Ring und Kantine geschaffen, das sich vielfältig bespielen lässt, Brigitte Reiffenstuel hatte spürbar Freude daran, die Figuren mit glimmernden Bademänteln und protzigen Gürteln zünftig zu kostümieren.

Nun will man auch gerne annehmen, dass der einst so wunderbare Opernsänger Villazón ein Händchen für musiktheatralische Situationen hat, und hier gibt es tatsächlich auch viel zu lachen. Kurzweilig und im Detail immer wieder originell ist die Sache also in jedem Fall. Sie gibt den Sängern Gelegenheit, ihre Fähigkeiten zu entfalten, und die sind reichhaltig: Tommaso Barea als Mustafa trifft den Ton des renommierenden Angebers sehr genau; der stimmliche Kern wirkt schier besoffen von Männlichkeit und Siegesgewissheit – aber das alles ist immer sehr präzise, mit markantem Kern gesungen und klingt nie eintönig.

Die größere expressive Vielfalt seiner Rolle als Taddeo – mal Isabellas insgeheimer Verehrer, mal ihr Beschützer, mal der von seiner Chancenlosigkeit Enttäuschte – nutzt der Bariton Misha Kiria in zauberhafter Weise mit einer Spanne vom Lyrischen bis zum Komödiantischen. Leider nicht auf dem gleichen Niveau agiert der junge amerikanische Tenor Jonah Hoskins, der in seinen Arien zwar die unangenehm hohe Lage bewältigt, aber dabei alle Farben und alle Stabilität in den Koloraturen verliert, über die er in den Ensembles verfügt.

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Die ruhende, aber ganz und gar nicht langweilige Kraft in der Mitte ist Nadezhda Karyazina als Isabella: Mit warmem Mezzo-Timbre regiert sie die Szene: mit brillanten Koloraturen und perfekt integrierten Spitzentönen, aber auch mit einem piano, das bis in die letzte Reihe trägt. Es ist schade, dass ihre Mittelpunktrolle sich vor allem musikalisch bewährte, während Villazón zu den Macho-Rollen mehr eingefallen ist – denn durch den Sieg der Frau über alle wäre „L’Italiana in Algeri“ die Oper schlechthin für den Frauentag gewesen …

Mit Alessandro de Marchi hat die Deutsche Oper einen vor allem mit Barockmusik assoziierten Dirigenten ans Pult gerufen, und er dirigiert tatsächlich einen stilistisch fein profilierten Rossini zwischen Mozart und Romantik, dessen effektvolle Steigerungen hier elegant unterspielt erscheinen und manchmal in der Koordination mit dem von Jeremy Bines einstudierten Chor auch wackeln. Der schlanke Orchesterklang und die präzise Phrasierung reizen jedoch immer wieder zum Zuhören.

L’Italiana in Algeri. 11., 14., 20., 28. März; 2. April in der Deutschen Oper, Karten im Ticketshop der Berliner Zeitung


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